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Bauen in alle Himmelsrichtungen

Asperg steht offenbar ein Bauboom ins Haus. Zahlreiche Projekte sind aktuell in der Pipeline. In ein paar Jahren könnte die Stadt so um etwa 6,5 Prozent wachsen. Das wird Herausforderungen mit sich bringen.

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Asperg. Asperg ist wegen seiner zentralen Lage attraktiv. Die Wege zu den Arbeitgebern sind kurz, Ludwigsburg und Bietigheim in unmittelbarer Nachbarschaft, Heilbronn über die Autobahn nur einen Katzensprung entfernt – wie auch Stuttgart über den S-Bahnanschluss. Asperg sitzt wie eine Spinne mitten im Netz der Region.

Auch die vorhandene Infrastruktur überzeugt offenbar Interessenten: Die Kinderbetreuung wird gerade weiter ausgebaut, Grundschulen und Gymnasium sind vorhanden und mit einem großen Standort des Internationalen Bundes eine private Einrichtung für die berufliche Bildung. Vor Ort sind sämtliche Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf, die ärztliche Versorgung ist aktuell gut. Dazu kommen noch das Mineralfreibad, ein Theater und eine Kleinkunstbühne, die nach Corona wahrscheinlich wieder an den Start gehen. Ansonsten liegt in den Nachbarorten ein breitgefächertes Unterhaltungsangebot vor der Haustür. Und landschaftlich macht die Stadt mit dem von Weinstöcken umgebenen Hohen- asperg auch etwas her.

Die Stadt rechnet mit 900 Neubürgern

„Die Nachfrage nach Immobilien ist riesig“, sagt Bürgermeister Michael Eiberger. Es vergehe kaum eine Woche, in der nicht ein Bauträger im Rathaus nach geeigneten Baugrundstücken nachfragt. Wenn eines greifbar ist, wird innerhalb von Stunden zugeschlagen. Wohnungen und Einfamilienhäuser tauchen auf dem offiziellen Markt so gut wie gar nicht mehr auf. Das meiste geht unter der Hand weg – die besten Pferde verkaufen sich schließlich im Stall. Und das obwohl die Preise mittlerweile beinahe Ludwigsburger Niveau erreicht haben. Eine Neubauwohnung kostet aktuell bis zu 6000 Euro je Quadratmeter. Mietwohnungen sind Mangelware. Für Eiberger Indizien, wie populär Asperg ist.

Derzeit gibt es kaum eine Tagesordnung der Ausschuss- und Gemeinderatssitzungen, auf der nicht Bauanträge oder Bebauungspläne zur Diskussion stehen. Fast alle bekannten Bauträger der Umgebung haben ihre Finger im Spiel: Layher, Strenger, Pflugfelder, die Bietigheimer Wohnbau, Betz Baupartner und das Siedlungswerk. Außerdem der bundesweit aktive Projektentwickler Pandion.

In fast alle Himmelsrichtungen soll gebaut werden. An der Streicherkreuzung am Ortseingang wird Layher ein baufälliges Gebäude abbrechen und ein Haus mit 24 Eigentumswohnungen hochziehen. Der Pflugfelder-Bau in der Nähe des Bahnhofs mit elf Wohneinheiten ist bereits in der Vermarktung. Am südlichen Markungsrand Aspergs ist das einzige Gelände, in dem auch die Stadt ihre Hände im Spiel hat. Hier will das Siedlungswerk in der Nachbarschaft zum Schulcampus vier Mehrfamilienhäuser mit zusammen 44 Wohnungen errichten.

In der Stadtmitte reißen Bagger gerade das frühere Möbelhaus Knapp ab. Es weicht für vier Reihenhäuser an der Lehenstraße und drei Mehrfamilienhäuser mit 34 Wohnungen an der Bahnhofstraße. Bauherrin hier ist die Bietigheimer Wohnbau. Vergleichsweise klein ist das Vorhaben an der Ecke zur Augustenstraße mit zehn Wohneinheiten verteilt auf zwei Gebäude.

Am meisten bewegt sich im Westen. Von der Gärtnerei Veigel steht so gut wie nichts mehr. Hier wird Baustolz, eine Strenger Tochter, aktiv. Mit vier Doppelhaushälften, zwölf Reihenhäusern und 45 Eigentumswohnungen. Gleich nebenan in Lange Äcker/Überrück am Kreisverkehr Richtung Möglingen schließt Betz Baupartner die Lücke auf einer Wiese für 76 Wohnungen, verteilt auf sieben Häuser. Die größte Brache liegt an der Markgröninger Straße in der Nähe eines Discounters. Dort hat sich die Pandion AG rund 1,5 Hektar gesichert. Zwischen 180 und 220 Wohnungen sind dort angedacht, zusätzlich Flächen für Läden und Dienstleister, die dem Gebiet urbanes Gepräge geben sollen.

Insgesamt werden in den nächsten sieben Jahren also etwa 470 Neubauwohnungen entstehen. Vom Reihenhaus über das Appartement bis hin zum Penthouse. Gar nicht mitgerechnet sind kleinere Vorhaben von Privaten. Asperg wird damit einen lange nicht mehr gesehenen Bevölkerungsschub erleben. Eiberger rechnet dann mit gut 900 Neubürgern. Das ist ein Zuwachs von 6,5 Prozent. Die Stadt hat dann knapp 14500 Einwohner.

Das wird Folgen haben: Die Kinderbetreuung muss ausgebaut werden. „Wir können hier nicht proaktiv tätig werden, weil der tatsächliche Bedarf schwer zu prognostizieren ist“, sagt Eiberger. Etwas Raumreserve gebe es an den Schulen durch den Wegfall der Werkrealschule. Aber es ist zu erwarten, dass die Grundschulen ausgebaut werden müssten. Auch das Angebot auf der anderen Altersskala muss wachsen, auf weitere Senioren- und Pflegeplätze kann Asperg nicht verzichten. Ein weiteres Problem sind die Kapazitäten für sportliche Aktivitäten. Hier hat die Stadt längst die Grenze überschritten. Außerdem wird der Verkehr deutlich zunehmen. Eiberger rechnet mit fast 2000 Autos täglich. In allen diesen Bereichen stellt sich die Frage: Wohin damit? Denn Platz hat die Kommune dafür eigentlich nicht.

Erschwerend kommt hinzu, dass Asperg finanziell nicht auf Rosen gebettet ist. Drei Großprojekte stehen an: Der Neubau der Kita Grafenbühl, die Sanierung der Eglosheimer Straße und die Lösung für den Sportbetrieb – Sanierung Rundsporthalle oder Neubau – sind mit zusammen 21 Millionen Euro veranschlagt. Das frisst die eisernen Reserven auf, in fünf Jahren wird die Stadt geschätzt acht Millionen an Krediten aufnehmen müssen. Damit sind die Kosten für den Ausbau der Infrastruktur noch nicht gedeckt.

„Verwaltung und Gemeinderat werden in den kommenden Jahren dicke Bretter zu bohren haben“, ist sich Eiberger bewusst, dass man sich über mangelnde Arbeit nicht beklagen wird. Man werde die Projekte aufmerksam verfolgen und sich früh mit Standortfragen und Finanzierungen beschäftigen müssen.

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