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Bedrohung im einstigen Möglinger Paradies

Die Kommunalpolitik in Möglingen schreibt Geschichte. Am 12. Dezember wird es erstmals zu einem Bürgerentscheid in der Gemeinde kommen. Der Streitfall: Der Neubau des Feuerwehrhauses auf den wertvollen Böden des Langen Feldes.

Volles Bürgerhaus: Der Möglinger Gemeinderat macht am Donnerstagabend den Weg für einen Bürgerentscheid frei. Foto: Andreas Becker
Volles Bürgerhaus: Der Möglinger Gemeinderat macht am Donnerstagabend den Weg für einen Bürgerentscheid frei. Foto: Andreas Becker

Möglingen. Lange blieb das Möglinger Paradies von den großen Fährnissen der Flächenversiegelung verschont. Die Landwirte bestellten hier ihre Felder, die Möglinger nutzten das Lange Feld für Spaziergänge, Radtouren oder Joggingrunden. Doch jetzt ist das Paradies, wie der Landstrich im Mittelalter genannt wurde, gefährdet, denn im März sicherte sich die Gemeinde hier ein Grundstück, um das alte Feuerwehrhaus aus der Ortsmitte zu verlagern und es auf der grünen Wiese und einer Fläche von fast 80 Ar neuzubauen – siebenmal größer als der Bestand. Die Kosten: mehr als sieben Millionen Euro. Die Bürgermeisterin Rebecca Schwaderer sagt: „Diese Feuerwehr braucht jetzt den besten uns zur Verfügung stehenden Standort.“ Darunter verstehen sie und ihr Gemeinderat das Lange Feld an der Stammheimer Straße Richtung Stuttgart und Kornwestheim.

Das sehen in Möglingen allerdings nicht alle so. Die betroffenen Landwirte fingen an, mehr als 850 Unterschriften zu sammeln und gegen das Projekt mobil zu machen. Ein wichtiges Zwischenziel haben sie jetzt erreicht: Einen Bürgerentscheid, der am 12. Dezember stattfinden soll. Das gab es in Möglingen noch nie. Die Bürgermeisterin in einer außerordentlichen Sitzung des Gemeinderats am Donnerstagabend: „Wir schreiben also ein wenig Geschichte.“

Warum wehren sich so viele Möglinger gegen den Neubau im Langen Feld?

„Lange wurde geheim verhandelt – und nur ein ausgewählt kleiner Personenkreis war beteiligt“, sagt Gerhard Kienzle, ehemaliger SPD-Ratsherr und einer von drei Initiatoren des Bürgerentscheids, im Gemeinderat. Dazu nennt er drei weitere Gründe: Den geplanten Standort an der Stammheimer Straße halten die Kritiker für schwer erreichbar. Die Route sei hochfrequentiert und zugeparkt. Darüber hinaus kreuze sie einen Schulweg. „Wir wissen, dass es bei der Feuerwehr auf jede Sekunde ankommt, und wie es zugeht, wenn die Feuerwehrleute zum Gerätehaus fahren“, sagt Kienzle.

Sorgen machen sich die Gegner auch über ein Naherholungsgebiet namens Zwerweg – und dass das Feuerwehrhaus im Langen Feld der Sündenfall ist. „Wenn das Gebiet einmal erschlossen wird, könnten weitere Ansiedelungen folgen“, so Kienzle – etwa ein Bauhof oder ein Gewerbegebiet. Die Bürgermeisterin und ihr Gemeinderat schließen das jedoch kategorisch aus.

Der ehemalige Freie Wähler Edgar Blank, mit Manuel Moz weiterer Strippenzieher des Bürgerentscheids: „Wir sind nicht gegen die Feuerwehr, sondern nur gegen den Standort im Langen Feld.“

Gibt es Alternativen?

Ja, sagen die Kritiker und nennen ein Areal am Friedhof, das Übergangswohnheim an der Ludwigsburger Straße, das Dürre Gehege an der Autobahnauffahrt oder eine Fläche an der Schwieberdinger Straße bei Lidl. Außerdem verweist Kienzle auf den Grundsatz Sanierung vor Neubau. „Möglingen könnte viele Millionen Euro damit sparen.“ Die Bürgermeisterin Schwaderer kontert: „Es gibt keinen anderen Standort, der innerhalb weniger Jahre bebaut werden könnte.“

Was sagt die Gemeinde?

Schwaderer nennt das nun anstehende Plebiszit „Bürgerbeteiligung par excellence“. Sie macht aber auch keinen Hehl daraus, dass sie sich den Bürgerentscheid gerne erspart hätte. „Wir stehen zu unserem Vorschlag und sind der festen Überzeugung, dass unsere Entscheidung die richtige ist“, sagt die Rathauschefin im Gemeinderat über den Standort. Es handele sich nicht um Wirtschaftsbetriebe, die angesiedelt werden sollen – wie etwa in Schwieberdingen, wo die Bürger sich vor gut zwei Jahren für eine Erweiterung des dortigen Gewerbegebiets entschieden haben. In Möglingen gehe es laut Schwaderer „nicht um Partikularinteressen Einzelner, sondern um uns alle“.

Wie steht die Feuerwehr zu dem Projekt?

„Der Bürgerentscheid wirft uns sehr weit zurück“, sagt der stellvertretende Kommandant Frank Sigloch unserer Zeitung. Sollte er erfolgreich sein, müsste die Feuerwehr Jahre warten, bis eine neue Entscheidung zur Bebauung gefällt werden könnte. „Fakt ist, dass das jetzige Gerätehaus den Anforderungen an moderne Feuerwehrarbeit nicht mehr gerecht wird“, so Sigloch.

... und die Kommunalpolitik?

Sie steht ebenfalls zu ihrem Beschluss, die Feuerwehr auszusiedeln. Der Freie Wähler Werner Brosi hatte gehofft, dass die Einsatzkräfte 2025 zum 150-jährigen Jubiläum Richtfest hätten feiern können. „Jetzt reicht es vielleicht zum Spatenstich.“ Die CDU/WU-Fraktionschefin Claudia Häcker erinnert daran, dass mit dem Umzug der Feuerwehr auch die Ortsmitte neu gestaltet werden soll. Die Grünen-Fraktionschefin Brigitte Muras und der Sozialdemokrat Gerald Häcker wissen genau, wie schwierig und langwierig die Verhandlungen gelaufen sind. Der FDP-Ratsherr Michael Holzbauer findet unterdessen, dass „Bürgerentscheide viel häufiger angewandt werden sollten“.

Wie lautet die Frage des Bürgerentscheids?

Sie ist gewohnt sperrig gehalten, begünstigt aber die Initiatoren, weil sie mit „Ja“ antworten können: Sind Sie dafür, dass die Gemeinde Möglingen den am 25. März gefassten Beschluss und am 6. Mai veröffentlichten Beschluss, „den Erwerb eines Ackers von 77a im Langen Feld (neben der Landstraße nach Stuttgart-Stammheim) für den Neubau des Feuerwehrhauses“ wieder aufhebt?

Wann ist er erfolgreich?

Wenn er von der Mehrheit mit „Ja“ beantwortet wird – und diese Mehrheit mindestens 20 Prozent der Stimmberechtigten beträgt. Da in Möglingen derzeit gut 8300 Menschen stimmberechtigt sind, sind 1665 Bürger nötig, um das Quorum zu erreichen.

Was sind die Konsequenzen?

Ein rechtswirksam zustande gekommener Bürgerentscheid hat die Wirkung eines endgültigen Beschlusses des Gemeinderats. Wird die erforderliche Mehrheit von 20 Prozent der Stimmberechtigten beim Bürgerentscheid nicht erreicht, hat der Gemeinderat nochmals über die Angelegenheit zu beschließen.

Wie geht es jetzt weiter?

Mit Wahlkampf. Schwaderer kündigt an, ihren Standpunkt deutlich zu vertreten. Kienzle, Initiator des Bürgerentscheids, fordert: „Lassen Sie uns gemeinsam einen Standort suchen, an dem keine wertvolle Ackerfläche versiegelt wird – und wo die Gefährdung der Kinder und Bürger auf ein Mindestmaß reduziert wird.“

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