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Kommunalpolitik

Bei dieser Partei läuft‘s einfach

Zum ersten Mal tritt „Die Partei“ bei der Kommunalwahl in Hemmingen an. Gegründet als Spaßpartei, haben ihre Mitglieder aber durchaus auch andere Ziele als nur für ein paar Lacher zu sorgen.

Zumindest vors Rathaus haben es die Partei-Kandidaten um Marcus Walker (2. v.l.) geschafft – und der Gründer ins EU-Parlament. Fotos: privat/dpa
Zumindest vors Rathaus haben es die Partei-Kandidaten um Marcus Walker (2. v.l.) geschafft – und der Gründer ins EU-Parlament. Foto: privat/dpa
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Hemmingen. Nein, über ein mangelndes Selbstbewusstsein sollte man nicht verfügen, wenn man bei einer Wahl antritt. Vor allem nicht, wenn das zum ersten Mal geschieht. Bei einigen jungen Herren aus Hemmingen besteht da aber kein Grund zur Sorge.

„Sieg beim Silvesterlauf in Bietigheim“, haben sie schon zum Jahreswechsel groß getönt, andere seien durch die eigenen Athleten in den Schatten gestellt worden. Nicht fehlen durfte auch der Hinweis, dass man 2019 Turbopolitik mache – und Kançler könne man sowieso, so wie das Parteikollege Serdar Somuncu auf einem Plakat angekündigt hatte. 2019 fängt „Die Partei“ in Hemmingen aber erstmal klein an, bei der Gemeinderatswahl im Mai. Für die Nominierung der Kandidaten hatten sie mit Somuncus Kançler-Plakat geworben – wer Zeit habe, könne gerne vorbeikommen, und einen der begehrten hinteren Listenplätze erhalten, schrieben sie.

Die Chancen, von hinten in den Gemeinderat einzuziehen, sind zwar alles andere als aussichtsreich. Doch, wenn jeder Verwandte und Freund seine Stimmen für „Die Partei“ abgibt, könnte es für einen Sitz reichen, so der Ortsvorsitzende Marcus Walker, der die siebenköpfige Liste anführt. Und schnell sind sie da beim Partei-Vorsitzenden, Martin Sonneborn, der es ins Europaparlament geschafft hat.

Schlechte Anzüge, schlechte Debatten

Der 22-jährige Walker, der ansonsten Elektrotechnik studiert, ist zum Gespräch mit der Zeitung im Anzug gekommen. „Dem schäbigsten, den es gibt“, sagt der zweite Vorsitzende Tobias Schmidt und grinst. Das Teil habe es günstig im Online-Shop der Bundespartei gegeben, erklärt der 25-jährige Elektriker. An dem Tisch in der Hemminger Kneipe sitzt noch sein Bruder Patrick Schmidt, Fachwirt in der Industrie. Der 22-Jährige kandidiert auf dem letzten Listenplatz („Die Letzten werden die Ersten sein“) und ist der Kneipenbeauftragte – schließlich brauche jeder eine Aufgabe. Und die Tagungsorte müssten ja sorgfältig ausgesucht werden – auch wenn es in Hemmingen nur wenige gebe. Aber immerhin noch mehr als in Eberdingen, wo Tim Kübler herkommt, Vorstand des kurz nach der Bundestagswahl gegründeten Vaihinger Ablegers der Partei. Er kandidiert mit einem weiteren Kollegen ab Platz 7 der Rot-Grünen Liste.

Spaß steht zwar im Vordergrund beim Vorstand und den insgesamt nur zehn Mitgliedern, die sich schon lange kennen (Walker: „Die Zahl ist in Ordnung. Wir wollen aktive Leute und keine Karteileichen.“). Doch Politik als solche nehmen sie durchaus ernst, auf ihre Weise. Vor allem kurz nach ihrer Gründung im Februar 2018 waren einige von ihnen häufiger zu Gast im Gemeinderat, um sich selbst ein Bild zu machen – und das Bullshit-Bingo zu spielen. Für jede Phrase, die man auf seinem Zettel hatte, und die tatsächlich gesagt wurde, gab es Punkte – „um gut abzuschneiden, musste man sich schon mit den aktuellen Themen beschäftigt haben“, so Walker. Doch nicht alles war spaßig in der Sitzung. Etwa wenn es um die Gemeinschaftsschule ging. „Da wurde gepöbelt, aber es war nicht im Sinne der Sache“, so Patrick Schmidt. „Wie sollen junge Menschen da Vorbilder erkennen?“

Oder sich überhaupt für das aktuelle Geschehen interessieren. Das hingegen haben sich die Mitglieder der Partei zum Ziel gesetzt. Als im Sommer ein Bus in eine Hauswand krachte, forderten sie einen Katzentunnel, damit kein Verkehrsteilnehmer mehr des Nächtens derart ausweichen muss. Weit verbreitete sich auch das Partei-Plakat, als vor einem Jahr die Wogen hochgingen, nachdem die Feuchteprobleme in der Grundschule bekanntwurden. „Verwechslungsgefahr!“, stand darauf über einem Bild eines echten Schimmels und der Schule.

Kein Parteizwang

„Wir machen Politik nicht lächerlich“, so Walker auf die Kritik an solchen Aktionen. „Wir überspitzen Dinge nur, um auf das eigentliche Thema zu kommen.“ Und über eines davon fangen sie nun tatsächlich an zu debattieren. War es sinnvoll, erneut Geld in die nicht lange zuvor renovierte Hauptschule zu stecken, und die Gemeinschaftsschule komplett in Schwieberdingen anzusiedeln, wo die Kapazitäten schon lange an der Grenze sind? Hätte man das Geld nicht auch sinnvoller investiert? Einig ist sich die Runde da nicht.

Muss sie aber auch nicht. „Mir war es wichtig, dass ich hier frei meine Meinung äußern kann“, sagt Patrick Schmidt. Auch die anderen haben sich bewusst gegen eine der großen Parteien – und eine bundespolitische Linie – entschieden, ebenso dafür, aktiv etwas gestalten zu können. Nur einen hinteren Listenplatz hätte es für ihn bei den Ortsvereinen der anderen gegeben, ist sich Marcus Walker sicher. „Und dort sitzen ja seit Jahren immer dieselben Leute“, ergänzt Patrick Schmidt.

Sollte es tatsächlich mit einem Sitz klappen, so gibt es eigentlich noch mehr neue Gesichter im Rat. „Das soll ja keine One-Man-Show werden“, sagt Tobias Schmidt. Untereinander werde man da schon beraten, wie man abstimme. Bei einer Bucht, vor allem aber einem Wartehäuschen für die Bushaltestelle Hälde wären zumindest alle dafür, das steht fest. Zur Not gehe man in den Baumarkt und baue eines, so eines der Ziele des Wahlkampfes. „Mit unseren schönsten Plakaten“, lacht Walker.

Und wenn es nicht klappt? Auch nicht schlimm. Die Erfahrung, die man sowohl mit der Vereinsgründung wie auch der Beschäftigung mit der Politik gewonnen habe, sei doch auch wertvoll. Und Sieger sind sie ohnehin – die entsprechende Party soll, wie es bei der Partei bundesweit üblich ist, am Wochenende zuvor steigen. Mit dem eigens kreierten Sonneborn-Siegerbier.

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