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Besuchsregeln sorgen für viel Leid

Familie kann Geburtstag der Mutter nur durch ein gekipptes Fenster feiern – Pflegeheime suchen nach kreativen Lösungen

Bei Besuchen in den Zimmern müssen die Angehörigen derzeit Mundschutz und Schutzkleidung tragen. Foto: dpa/Jonas Güttler
Bei Besuchen in den Zimmern müssen die Angehörigen derzeit Mundschutz und Schutzkleidung tragen. Foto: dpa/Jonas Güttler

Remseck/Kreis Ludwigsburg. „Ich bin heute noch außer mir, wie wir den Geburtstag mit meiner Mutter feiern mussten“, erzählt Monika Singer mit bebender Stimme. Die Remseckerin ist noch immer den Tränen nahe. Ihre Mutter lebt im Pflegeheim „Haus am Remsufer“ der Evangelischen Heimstiftung und hatte am Samstag ihren 86. Geburtstag.

Von Feiern konnte aber keine Rede sein: Die Mutter war an ein gekipptes Fenster der Glasfront im Veranstaltungsraum des Hauses gefahren worden, die Familie mit Enkeln stand auf der anderen Seite im Freien. „Meine Mutter hört und sieht schlecht, eine Unterhaltung war kaum möglich“, sagt Monika Singer. Abgesehen davon habe die Mutter mit Mundschutz am Fenster sitzen müssen, flankiert von zwei „vermummten Pflegekräften“, wie es Singer formuliert. Auch sei sie eine Viertelstunde vor dem vereinbarten Termin mit dem Rollstuhl ans Fenster geschoben und dementsprechend auch früher wieder weggebracht worden. Für die beiden Pflegerinnen sei es schon eine Zumutung gewesen, die Geschenke entgegenzunehmen, hatte Singer den Eindruck.

„Für mich stellt sich die Heimleitung als sehr ängstlich dar“, betont Singer. In anderen Pflegeheimen würden die Besuchsregeln lockerer gehandhabt, wie sie aus Erzählungen erfahren habe. Nicht einmal ein Glas Sekt habe man der Mutter durchs Fenster reichen dürfen. Ihre Schwester habe die Situation so belastet, dass sie vor dem Heim in Ohnmacht gefallen sei. „Die Frage muss man schon stellen dürfen: Ist es besser, die alten Leute sterben einsam und abgeschottet oder glücklich mit der Familie“, formuliert es Monika Singer drastisch.

„Die Geschichte ist in Teilen unglücklich gelaufen“, gibt die Pressesprecherin der Evangelischen Heimstiftung in Stuttgart, Dr. Alexandra Heizereder, zu. Sie resultiere aus dem Spagat zwischen der Einhaltung der vom Land vorgegebenen Besuchsregeln und dem Schutz der Gesundheit. Pro Bewohner werden derzeit zwei Besuchspersonen festgelegt. Der Mindestabstand muss eingehalten werden, Besucher tragen einen Mundschutz, bei Besuchen im Einzelzimmer zusätzlich einen Schutzkittel. Auch die Bewohner sollten einen Mundschutz tragen. Da es sich in Remseck um ein großes Haus handle, habe man die Besuchszeiten auf Montag bis Freitag beschränkt, da an diesen Tagen auch mehr Personal da sei, an den Wochenenden sei die Personaldecke dünner. Der Organisationsaufwand sei groß und die Mitarbeiter in erster Linie für die Pflege da. Auch seien es insgesamt zu viele Personen gewesen, zugelassen seien nur zwei Personen. „Es war aber mit Sicherheit keine böse Absicht, sondern die Übervorsichtigkeit der Mitarbeiter. Man hätte bestimmt eine andere Lösung finden können“, so die Pressesprecherin. In der Konsequenz lasse man nun auch in den Zimmern Besuche zu, die auch eine Stunde dauern könnten, zudem ab kommender Woche Treffen in den Wohnbereichen. Das bestätigt Monika Singer: Ihre Schwester war gestern eine Stunde lang bei ihrer Mutter im Zimmer zu Besuch.

In den ASB-Pflegeheimen in Großbottwar, Benningen und Ludwigsburg wurde extra ein Besuchsraum eingerichtet. Die Zahl der Besucher ist auf zwei begrenzt, mit den bekannten Regelungen. Die Besuchszeit ist auf eine Dreiviertelstunde angesetzt. „Die Sicherheit geht vor, auch wenn uns das alles leidtut. Es ist psychischer Stress für die Bewohner und Angehörigen, aber auch für das Personal“, betont Sascha Baier, Leiter der sozialen Dienste. Ein Fall wie in Remseck wäre aber in den ASB-Heimen so nicht passiert. „In solchen Fällen muss man kreativ sein und nach anderen Lösungen suchen“, sagt er, wohl wissend, dass es ein Balanceakt ist. Seit drei Wochen dürften auch Friseure und Fußpfleger wieder in die Heime. „Das ist wenigstens ein bisschen Normalität“, so Baier.

Stefan Ebert, Geschäftsführer der Kleeblatt-Pflegeheime im Kreis, schließt indes nicht aus, dass sich der Vorfall auch so in einem der Kleeblatt-Häuser hätte abspielen können: „Manche Pflegekräfte reagieren sehr vorsichtig. Sie haben Angst um ihre Bewohner“, sagt Ebert. Die Verwaltung habe an die Heime die Vorgabe weitergegeben, so viel zuzulassen, wie möglich und handhabbar sei. Schließlich seien die Besuche ein höherer Aufwand für das Personal, es müssten Besuchskorridore geschaffen werden. Nach Terminabsprache sei ein Besuch im Besucherzimmer mit Maske und Mindestabstand möglich oder im Zimmer des Angehörigen mit Maske und Schutzanzug. Zwar sollte nicht mit den Bewohnern gegessen werden, aber auf einen Geburtstag anzustoßen sei schon einmal möglich. Bei Geburtstagen könne man auch mal mehrere Zweiergruppen hintereinander zulassen, findet Ebert. „Man muss die Angehörigen sensibilisieren. Es ist aber auch für die Bewohner wichtig, mal etwas anderes zu sehen.“

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