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„Betroffene müssen weiter kämpfen“

Wenn es um Missbrauch im kirchlichen Bereich geht, steht meist die katholische Kirche im Fokus. Zu Unrecht, sagt Detlev Zander. Der Mann, der vor sieben Jahren den Missbrauchsskandal in der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal publik machte, ist heute Mitglied im Betroffenenbeirat, der für die Evangelische Kirche in Deutschland – kurz EKD – die Aufklärung sexualisierter Gewalt in protestantischen Einrichtungen begleitet. Mit Korntal ist er noch nicht im Reinen.

In vielen Kirchengemeinden fehle die „professionelle Distanz“, sagt Detlev Zander. Sie würden geführt „wie Kegelvereine“. Das begünstige Vertuschungsversuche. Foto: privat
In vielen Kirchengemeinden fehle die „professionelle Distanz“, sagt Detlev Zander. Sie würden geführt „wie Kegelvereine“. Das begünstige Vertuschungsversuche. Foto: privat

Korntal-Münchingen/Plattling. Herr Zander, vor sieben Jahren haben Sie mit einem juristisch eigentlich aussichtslosen Versuch einer Klage den Korntaler Missbrauchsskandal publik gemacht. Wie haben Sie die Courage dazu gefunden – und welchen Preis haben sie psychisch dafür „bezahlen“ müssen?

Detlev Zander: Juristisch war der Versuch aus damaliger Sicht aussichtslos gewesen sein. Dennoch hat er bis heute eine Signalwirkung. Der Korntaler Missbrauchsskandal ist bundesweit bekannt und zugleich einer der größten Missbrauchs- und Aufklärungsskandale unter dem Dach der EKD und der Diakonie. Ob der Schritt mutig war, mögen andere beurteilen. Aus heutiger Sicht war er sicherlich naiv, weil ich damals als Opfer und aus einem großen Leidensdruck heraus agiert habe. Als die Missbrauchsfälle beispielsweise am Canisius-Kolleg oder an der Odenwaldschule öffentlich wurden, sind die Erinnerungen in mir aufgebrochen wie ein Tsunami. Das hat mich in eine sehr schwere persönliche Krise gestürzt. Ich fühlte mich vor die Entscheidung gestellt: Entweder ich trete ab oder ich gehe an die Öffentlichkeit.

Und Sie gingen an die Öffentlichkeit…

Zunächst habe ich das Gespräch mit der Brüdergemeinde gesucht, wollte eigentlich nur eine individuelle Anerkennung meines Leids und noch keine institutionelle Aufarbeitung. Darin habe ich mich von der Brüdergemeinde nicht ernst genommen gefühlt, aber erfahren, dass schon andere Betroffene von mir dort gewesen waren. Als ich daraufhin an die Öffentlichkeit gegangen bin, haben sich immer mehr Betroffene gemeldet. Unsere Naivität haben die Verantwortlichen der Brüdergemeinde zum Schutz ihrer Institution ausgenutzt. Sie haben aus ihrer Sicht sicher alles richtig gemacht. Ob das einer Institution gerecht wird, die sich selbst an hohen moralischen und christlichen Maßstäben messen lassen müsste, bleibt ihr Geheimnis. Darüber muss der Gott, an den sie glauben, urteilen und richten. Mich hat der Aufklärungsskandal fast das Leben gekostet.

Der Versuch der Aufarbeitung unter dem Dach der Brüdergemeinde war schwierig und konfliktreich: Es gab wechselnde Aufklärer, die – so der damals gewählte Titel – Heimopfer haben sich in teils heftig streitende Gruppen gespalten, bis endlich ein 2018 ein Aufklärungsbericht vorlag. Wie zufrieden sind Sie mit dem, was durch Ihre Initiative erreicht wurde?

Zunächst einmal ist und bleibt die Brüdergemeinde Korntal eine Täterorganisation, die bis weit in die 2000er Jahre hinein sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungen an Kindern ermöglicht hat. Was die Aufklärung angeht, so hat die Brüdergemeinde zwar immer von „Augenhöhe“ gesprochen. Aber sie behielt stets die Deutungshoheit und setzt bis heute die Leitplanken. Aus meiner Sicht hat sie aus dem Aufklärungsskandal nichts gelernt, Es gibt keine personellen Veränderungen. Die konzeptionellen Fehler der Aufarbeitung in Korntal waren aus heutiger Sicht vorhersehbar. Hätte man bei der konzeptionellen Planung eine externe, traumatherapeutisch qualifizierte Fachkraft hinzugezogen, die fundierte Erfahrung in der Begleitung von Betroffenengruppen mit Missbrauchserfahrungen in einer bestimmten Institution hat, so hätte man allen Betroffenen diese gruppendynamische Belastung ersparen können.

Ich weiß also nicht, ob ich hier von Zufriedenheit sprechen kann. Ich war unerfahren und überfordert von der Situation. Dennoch war meine Initiative richtig und wichtig. Erreicht habe ich, dass die bibeltreue Gemeinde in Korntal in ihren eigenen Abgrund schauen und vieles hinterfragen muss. Das tut sie leider bis heute nicht ausreichend. Aber sie kann die sexuelle, psychische und religiöse Gewalt, die an so vielen Kindern verübt wurde, nicht mehr als Einzelfälle abtun. Strukturell hat sich aus meiner Sicht in der Brüdergemeinde nichts verändert. Sie hat im Kontext der Aufklärung ihrer unerträglichen Verbrechen an Kindern nicht genug gelernt und lässt bis heute keine konstruktive Kritik an ihrem Aufklärungsmodell zu. Erschreckend für mich ist, dass sie einfach so weitermacht, nur positive Rückmeldungen veröffentlicht und bis heute meint, ihr Aufklärungsmodell wäre eine Blaupause für andere Einrichtungen. Diese Arroganz und Selbstherrlichkeit ist inakzeptabel.

Sie sind mit Korntal also weiterhin nicht im Reinen, bearbeiten das Missbrauchsthema aber inzwischen im sehr viel breiteren Rahmen der Evangelischen Kirche in Deutschland – als Mitglied im Betroffenenbeirat der EKD. Wie ordnen Sie die Korntaler Missbrauchsfälle denn in den gesamten evangelischen und diakonischen Kontext ein?

Korntal war durch die Vielzahl der Opfer und Täter*innen herausragend. Besonders ist auch die spezifisch pietistische und für mich bigotte Sexualmoral, die dazu beigetragen hat, diese Verbrechen im Verborgenen zu halten. Aber in der Brüdergemeinde gibt es weitgehend die gleichen Risikofaktoren, die sexualisierte Gewalt ermöglicht haben, wie im gesamten Bereich von EKD und Diakonie. Die Gemeinden werden zum Teil wie Kegelvereine geführt. Man duzt sich, alle lieben sich – eine professionelle Distanz zu Verantwortungsträger*innen ist nicht erkennbar. Diese fortwährende Nähe – etwa in Haus-und Bibelkreisen – ist aber gefährlich, weil dadurch auch die Vertuschung der Gewalttaten möglich wurde. Auch in der Brüdergemeinde wurden Verbrechen jahrelang vertuscht. Darüber spricht sie bis heute nicht. Ein Problem für uns Betroffene ist auch der protestantische Flickenteppich der Landeskirchen, die letztlich so handeln können, wie sie es wollen.

Sowohl in Korntal als auch in der EKD beklagen Sie eine mangelhafte Finanzierung der Arbeit der Betroffenenvertreter. Zweifeln Sie am Aufklärungswillen der EKD und ihrer Landeskirchen?

Die Finanzierung und technische Ausstattung der Betroffenenarbeit wird bundesweit von allen Betroffenvertreter*innen beider Kirchen beklagt. Mit der Macht ihrer institutionellen Infrastruktur können die Betroffenen nie mithalten.

Sowohl die Brüdergemeinde als auch die Württembergische Landeskirche haben sich immer wieder darauf berufen, getrennte Institutionen zu sein, die nicht füreinander haften könnten und müssten. Wird diese Haltung durch eine „gesamtevangelische“ Aufarbeitung im Rahmen der EKD überwunden?

So leicht können es sich die Württembergische Landeskirche und Brüdergemeinde Korntal nicht machen. Die Brüdergemeinde pickt sich bei der Landeskirche die Rosinen heraus. Zudem ist es schon erstaunlich, wie eng ihr Vorsteher Klaus Andersen im Kontext Aufarbeitung mit landeskirchlichen Stellen zusammenarbeitet. Und vieles eins zu eins im Missbrauchsskandal seiner Gemeinde umgesetzt hat. Das war, glaube ich, damals niemandem bekannt. Ich selbst bin in einer Arbeitsgruppe der EKD, in der auch Herr Andersen Mitglied ist. Deshalb wird sich Brüdergemeinde nicht weigern können, auch ihre Anerkennungszahlungen – wie jüngst in der EKD beschlossen – deutlich zu erhöhen, auf bis zu 50000 Euro. Verändert hat sich dabei, dass endlich auch die Trauma-Spätfolgen berücksichtigt werden sollen. Ich erwarte da für alle Betroffenen der Brüdergemeinde in Korntal und in Wilhelmsdorf eine deutliche Anhebung der finanziellen Leistungen an die Betroffenen.

Heißt das: Korntal wird jetzt im größeren Rahmen nochmals thematisiert?

Es ist richtig, dass die EKD eine gesamtdeutsche Aufarbeitungsstudie in Auftrag gegeben hat, wobei ich Mitglied im Forschungsbeirat bin. Dieser Auftrag ist ein wichtiger Schritt und auch ein Signal nach Korntal. Korntal muss unbedingt nochmals angeschaut und untersucht werden. Die eklatanten fachlichen Fehler und der zum Teil betroffenenfeindliche Umgang wird die Brüdergemeinde nicht zur Ruhe bringen. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und fordere – in Anlehnung an den katholischen Kontext – erneut eine unabhängige Untersuchungskommision.

Sie sprechen den katholischen Kontext an. Alles blickt derzeit auf Kardinal Woelki und Köln. Waren die Zustände im katholischen Bereich Ihrer Meinung nach anders gelagert, etwa wegen der herausgehobenen Rolle des Klerus und des Zölibats? Oder handelt es sich einfach um eine asymmetrische Aufmerksamkeit?

Es macht aus meiner Sicht keinen Sinn, Tatkontexte gegeneinander auszuspielen, oder mit dem Finger auf andere zu zeigen. Ein Verbrechen ist Missbrauch immer, ob in der Kirche oder im Sportverein. Die katholische Kirche steht zu Recht in der Kritik, die evangelische Kirche steht zu Unrecht weniger in der Kritik. Aus meiner Sicht profitiert die EKD zur Zeit von dem Vertuschungsskandal in Köln. Aber in der EKD wurden genauso Taten vertuscht, kirchliche Verfahren verschleppt und Täter versetzt. Wir Betroffenen müssen weiter um mehr öffentliche Aufmerksamkeit kämpfen.

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