Logo

Bio ist schon lange nicht nur Hype

Er gilt als der Bioland-Pionier im Landkreis: Auf einer kleinen Ackerlandparzelle hat Marcus Arzt als 20-Jähriger begonnen, ökologische Landwirtschaft zu betreiben. Heute als 52-Jähriger ist er überzeugt, dass Ökolandbau nicht nur ein Trend ist, sondern eine langfristige Entwicklung.

Marcus Arzt gilt als Bioland-Pionier im Landkreis Ludwigsburg.Foto: Holm Wolschendorf
Marcus Arzt gilt als Bioland-Pionier im Landkreis Ludwigsburg. Foto: Holm Wolschendorf

Ditzingen. Schon während der Schule war Marcus Arzt Ende der 80er-Jahre in der Umwelt- und Friedensbewegung aktiv, engagierte sich für den Artenschutz und kam so in Kontakt mit mehreren Biolandhöfen, die den Gründergeist von 1971 vertraten, tauschte sich mit ihnen aus. „Ökologische Landwirtschaft war für sie ein ganzheitliches Modell, nicht nur mit Natur- und Tierschutz, sondern auch mit dem Anspruch, in ihrem Umfeld etwas zu verändern“, fasst Arzt die Ziele der Bioland-Gründer zusammen. Es ging um mehr sozialen Zusammenhalt im ländlichen Raum, um eine umweltschonende Landwirtschaft, bei der der ganze Betrieb ökologisch aufgestellt ist.

Und das gefiel dem jungen Mann so gut, dass er sich entschloss, Landwirtschaft zu studieren – ganz ohne entsprechenden Hintergrund. Er finanzierte sein Studium mit dem Verkauf von Bio-Produkten von Biolandbauern aus der Region auf Wochenmärkten. Am Ende des Studiums entscheid er sich, nicht nur auf einer Parzelle Gemüse anzubauen, sondern doch ernsthaft in die Landwirtschaft einzusteigen. Er kaufte eine grüne Wiese in Heimerdingen, auf der heute der Hof steht, und stellte sie um auf ökologische Landwirtschaft. „Ohne Geld habe ich mit viel Idealismus begonnen, den Betrieb aufzubauen, eigentlich ein leichtsinniger Schritt, sich als Quereinsteiger in der Landwirtschaft zu versuchen“, erzählt er.

Natürlich bezahlte er Lehrgeld. „Mir fehlte jegliches Know-how.“ Gut erinnert er sich noch an den Versuch, als er auf drei Hektar Chicoree anpflanzte. Die Stauden gediehen zwar gut, allein er fand keine Abnehmer. Der Markt war nicht da. Und natürlich wäre er auch manchmal Samstagabend lieber in den Club gegangen statt noch auf dem Feld zu schuften. 1998 gründete er mit Kollegen eine Erzeugergemeinschaft, die ihre Produkte in ganz Süddeutschland gemeinsam verkaufen wollten. So konnte man gemeinsam auf Händler zugehen, die Administration gemeinsam abwickeln. Dennoch war es nicht leicht. „Damals interessierte sich der Lebensmitteleinzelhandel kein Stück für Bio“, denkt er zurück. Über vernünftige Angebote fand die Ware doch den Weg ins Regal. Heute ist Arzt Geschäftsführer des Unternehmens, das im zweistelligen Millionenbereich Umsatz macht und vom Naturkosthandel bis zum normalen Lebensmittelhandel unterschiedliche Formate bedient. „Ein Bauer muss auch Kaufmann und Händler sein“, weiß er heute. Von Anfang an war Arzt ehrenamtlich bei Bioland engagiert, mit 21 Jahren wurde er Mitglied.

Auch Bioland entwickelte sich weiter, immer mehr Betreibe schlossen sich an. Grundlage war ein Anbausystem, das auf naturwissenschaftlichen Grundlagen beruht, unabhängig macht von der chemischen Industrie, das auf Kreislaufwirtschaft basiert, das aber auch auf Unabhängigkeit der Betriebe abzielt. „Es gibt bei Bioland viele Menschen, die geistig unabhängig sind, bereit sind, voranzudenken.“

Sein Betrieb entwickelte sich mit Unterstützung aus dem Umfeld weiter, nach der rein privaten Vermarktung auf Wochenmärkten und mit einem Lieferservice kam der schrittweise Ausbau. Anfang der 2000er-Jahre entschied sich die Familie, professionell in den Handel einzusteigen. Der Gewächshausanbau wurde ausgedehnt, um ganzjährig Einnahmen zu generieren, die Mitarbeiter ganzjährig beschäftigen zu können. Man richtete eine Packstation für Rucola und Feldsalat ein, um große Chargen an den Handel liefern zu können – immer über die Erzeugergemeinschaft. Inzwischen sind 20 Mitarbeiter im Anbau beschäftigt. „Wir setzen bei der Zusammenarbeit mit Kunden auf Verlässlichkeit und langfristige Perspektiven.“ Neben Rucola, Spinat und Feldsalat werden zu 40 Prozent Pflanzen angebaut, die für eine langfristige Bodenfruchtbarkeit sorgen wie zum Beispiel Kleegras oder Blühflächen.

Der Anspruch, auch agrarpolitisch tätig zu sein, die Ernährungs- und Landwirtschaftspolitik zu ändern, fesselt Marcus Arzt bis heute. Die Bioland-Vorgaben gehen klar über die EU-Vorgaben hinaus. Es werden keine chemischen Pflanzenschutzmittel verwendet, es gibt aber auch strikte Restriktionen bei der Düngung, damit das Grundwasser nicht belastet wird. Im Rahmen der Biodiversitätsrichtlinien setzt Bioland auch auf Grünstreifen im Feld für Insekten. Bioland hat zudem den Anspruch, im sozialen Bereich vorbildlich zu sein.

Und Bioland wächst. Jeden Tag gebe es mehr Betriebe, die auf Biolandanbau umstellen. Die private Nachfrage sei gut, auch die unternehmerische. „Die Politik setzt auf Klimaschutz, will Biodiversität. Das System funktioniert auch für Gründer und führt nicht in den Ruin“, ist der 52-Jährige überzeugt. Auch wenn die Folgen des Klimawandels, die Trockenheit im Sommer, den Landwirten zu schaffen machen. Das Wasser wird knapp, die Arbeit wird schwieriger. Problem sei außerdem die Konkurrenz um Flächen. Es könne nicht sein, dass Ackerfläche für Siedlungs-, Verkehrs- oder gar Industriefläche geopfert werde. Oder aber für die Umwandlung in Naturschutzflächen. „Die Umstellung auf Ökolandbau ist per se eine Ausgleichsmaßnahme. Das bringt ein Plus für Biodiversität. Die Fläche bleibt dem Bauern erhalten, es wächst etwas Gesundes darauf, was Menschen und Umwelt nutzt.“

Natürlich brauche es auch gesellschaftliche Veränderung. Man müsse die Menschen einbinden, an die Hand nehmen. Das Verantwortungsbewusstsein der Kunden sei aber gestiegen. „Die Leute kaufen bio, auch lokal.“ Der Umsatz bei regionalen Bioprodukten sei um 20 Prozent angestiegen, bei den Direktvermarktern sogar um 50 Prozent. „Das macht mir Mut.“ Die Nachfrage steige seit 15 Jahren. Der politische Rahmen sei eindeutig, Ökolandbau sei Teil der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung.

Da muss die Frage erlaubt sein: Warum muss Bio-Salat in Plastik verpackt werden? Feldsalat und Rucola könne man nicht in Zeitung packen. Die Ware sei zu empfindlich. Durch neue Anlagen habe man aber den Verbrauch um 60 Prozent reduziert, die Folie sei recyclingfähig. Oft müssen Bioprodukte verpackt werden, damit es im Regal nicht zu Verwechslungen kommt. Je mehr der Handel Bioware anbiete, desto weniger Verpackung brauche es.

Autor: