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„Brauchen maximale Transparenz“

Der Bürgerentscheid in Tübingen, bei dem die Pläne des Rathauses für eine Innenstadtstrecke abgelehnt worden sind, hat auch im Landkreis aufgeschreckt. Die Lehre ist klar: Bei der Stadtbahn geht es nur voran, wenn die Bürger mitgenommen werden.

In Tübingen hat ein Bürgerentscheid die Pläne für den Streckenverlauf der geplanten Stadtbahn gestoppt. Welche Schlüsse ziehen daraus die Akteure im Kreis Ludwigsburg? Foto: Bernd Weißbrod/dpa
In Tübingen hat ein Bürgerentscheid die Pläne für den Streckenverlauf der geplanten Stadtbahn gestoppt. Welche Schlüsse ziehen daraus die Akteure im Kreis Ludwigsburg? Foto: Bernd Weißbrod/dpa
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Matthias Knecht .Archivfoto: Ramona Theiss
Matthias Knecht . Foto: Ramona Theiss

Kreis Ludwigsburg. „Tübingen ist anders“, kommentiert der Geschäftsführer der Stadtbahn-Zweckverbands Frank von Meißner die Entscheidung der dortigen Bürgerschaft gegen die geplante Streckenführung in der Innenstadt. Vor dem Hintergrund der Topographie und der mittelalterlichen Stadtanlage seien die Bedenken der Bürger auch für ihn nachvollziehbar. „Das wäre ein zu großer Eingriff gewesen“, sagt der Bahnexperte, der noch bis Ende des Jahres in Teilzeit bei der SSB Stuttgart beschäftigt ist.

Im Kreis Ludwigsburg sei die Lage hingegen eine andere. „Die Strecke von Ludwigsburg nach Markgröningen ist unstrittig“. Damit werde nun zunächst angefangen. Einsprüche von der Bürgerschaft erwartet er hier nicht. Dafür sei der Konsens in der Politik zu groß.

Allerdings ist die Stadt Ludwigsburg von der weiteren Planung stark betroffen, gerade hier spielt die Linienführung eine immens wichtige Rolle. Die Stadtbahn berührt sensibles Stadtgebiet – ob von dem Ast von Remseck, Pattonville zum Ludwigsburger Bahnhof, an den auch das Unternehmen Wüstenrot angebunden ist, als auch im innerstädtischen Ast in Richtung Oststadt und Oßweil. Das barocke Stadtbild wird bei Bürgern und Stadträten ebenso hochgehalten wie in Tübingen das mittelalterliche Gefüge.

Für Ludwigsburgs OB Matthias Knecht war die Entscheidung in Tübingen gegen die innerstädtische Linie dennoch überraschend. Da werde eine gewisse Skepsis sichtbar. „Es wäre auch hier spannend, wie ein solcher Bürgerentscheid in Ludwigsburg ausgehen würde.“ Knecht lobt aber den Fahrgastkomfort einer Stadtbahn, die alles andere in den Schatten stelle. Technisch könne streckenweise auch auf Oberleitungen verzichtet werden, betont er. „Das muss man wissen.“

Eine Stadtbahn könne auf diese Weise mit zwei bis drei Ladepunkten gewisse Abschnitte überbrücken. Er plädiert dafür, die Bürger früh einzubeziehen und sie über solche Möglichkeiten zu informieren.

Dass die Strecke Markgröningen–Ludwigsburg vorgezogen reaktiviert werden soll, hält er für richtig. Auch die neue Streckenführung von Remseck nach Ludwigsburg, die aktuell in einer Potenzialanalyse untersucht worden ist und deren Ergebnis nächste Woche vorgelegt wird, sieht er als „möglichen ersten Schritt“ an. Es soll, so der neue Ansatz, ohne Umstieg in Pattonville die SSB-Hochflurbahn bis zum Ludwigsburger Bahnhof fahren. Bislang war von Pattonville bis Ludwigsburg von einer Niederflurbahn die Rede.

Ludwigsburgs OB kann auch mit Hochflur leben

Für den Ludwigsburger OB wäre dies akzeptabel, es gebe „nichts Schlimmeres, als nochmals zehn Jahre zu warten“. Später könne man immer noch auf Niederflur umsteigen. Den Niederflur-Ast durch die Innenstadt in Richtung Osten hält er „für eine große Herausforderung“, Knecht hofft aber, dass sich die Bürger schrittweise leichter für die Bahn begeistern lassen. „Wir müssen das zeitlich versetzt angehen“, findet er.

Bürgerentscheide sind in der Zeitplanung zur Stadtbahn nicht vorgesehen – ganz ausschließen kann sie von Meißner vom Zweckverband Stadtbahn nicht. „Wenn Sie das Quorum erreichen, dann können sie zu jedem Projekt einen Bürgerentscheid erwirken.“ Zuletzt hat es in Freiberg einen Bürgerentscheid über die dortigen Grundschulen gegeben. In Remseck gab es ein Votum zur Westrandbrücke und in Schwieberdingen mussten die Einwohner über ein neues Gewerbegebiet abstimmen.

„Widerstand bildet sich vor allem dann, wenn Sie die Menschen im Vorfeld nicht ausreichend mitnehmen“, sagt von Meißner. Deshalb sei es bei der geplanten Stadtbahn von Remseck über Ludwigsburg und Möglingen bis nach Markgröningen wichtig, „von Anfang an durch maximale Transparenz einen Konsens herzustellen“.

Das heißt bei der Stadtbahn: Der Trassenverlauf muss breiten Rückhalt in der Politik und dann auch in der gesamten Bürgerschaft erhalten. „Dabei darf man nicht mit dem Kopf durch die Wand.“ Für ihn ist die Richtschnur in den kommenden Monaten deshalb: „Transparenz in der Planung, große Schnittmengen in der Politik und lokale Bedürfnisse berücksichtigen“.

Landrat Dietmar Allgaier sieht den Kreis dabei auf einem guten Weg. „Die Stadtbahn wird für die Bürger große Vorteile beim Ausbau des ÖPNV bringen“, ist er sich sicher. Damit müsse noch mehr geworben werden. Außerdem müsse jeder noch so kleine Detailschritt erklärt werden. Im Unterschied zu Tübingen bestehe ein Teil der Strecke schon. Sie müsse lediglich reaktiviert werden.

Auch die Bedenken aus Ludwigsburg seien aufgenommen worden. So würden jetzt über die Potenzialanalyse auch alternative Streckenverläufe durch die Stadt auf Wunsch des Gemeinderates geprüft. Ohne die volle Unterstützung der politischen Gremien in Ludwigsburg könne das Stadtbahnprojekt nicht umgesetzt werden. „Der Konsens muss so groß wie möglich sein, um etwaige Bürgerbegehren zu vermeiden“, ist sich auch Allgaier sicher.

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