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Brüdergemeinde Korntal: Schuldbekenntnis am Gedenktag

Die Aufklärer sprechen von einem „Meilenstein“ und „vertrauensvollen Gesprächen“. „Aufarbeitung ist Dialog“, sagt auch der ehemalige Laienvorsteher der Brüdergemeinde, Klaus Andersen. Doch diejenigen, die als Kinder in Korntal körperliche, seelische und sexualisierte Gewalt erlitten, fühlen sich vor der großen Gedenkveranstaltung am morgigen Samstag einmal mehr von der Pietistengemeinde überfahren.

Tatort Hoffmannhaus: Mit einem Schuldbekenntnis der Brüdergemeinde soll hier morgen der Gedenktag beginnen. Archivfoto: Ramona Theiss
Tatort Hoffmannhaus: Mit einem Schuldbekenntnis der Brüdergemeinde soll hier morgen der Gedenktag beginnen. Archivfoto: Ramona Theiss

Korntal-Münchingen. Erinnerungskultur sei – neben Aufklärung und Prävention – ein zentraler Baustein für alle institutionalisierten Aufarbeitungsprozesse von Missbrauchsskandalen, sagt der Erziehungswissenschaftler und Korntal-Aufklärer Benno Hafeneger. Schließlich werde dieser Prozess „für Sie alle ein Lebensthema bleiben“: Mit einem Schuldbekenntnis und der Enthüllung zweier von drei „Erinnerungsskulpturen“ des Darmstädter Bilderhauers Gerhard Roese will die Evangelische Brüdergemeinde Korntal morgen ihr Versprechen eines angemessenen Gedenkens an die schrecklichen Verbrechen in ihren Kinderheimen einlösen.

Die Ernsthaftigkeit dieses Ansinnens ist Klaus Andersen – dem ehemaligen Laienvorsitzenden, dessen zehnjährige Amtszeit vom Versuch einer Aufarbeitung des Korntaler Missbrauchsskandals geprägt war und der jetzt nach „neuen Formen für die Fortsetzung dieser Arbeit“ suchen will – deutlich anzumerken. Andersen räumt Fehler im seit 2014 währenden Aufarbeitungsprozess ein und dankt den ehemaligen Heimkindern, „dass wir trotzdem nie ganz auseinandergegangen sind“. Veit-Michael Glatzle, der langjährige Leiter der Korntaler Diakonie, stellt das mehrstündige Programm des Gedenktages vor und erläutert die drei Stelen, die an den Korntaler Tatorten Hoffmannhaus und Flattichhaus und in der Korntal-Außenstelle Wilhelmsdorf an die „Gewaltkultur“ erinnern sollen, die laut Aufklärungsbericht 25 Jahre lange die Arbeit der Korntaler Kinderheime prägte. Roeses Arbeiten zeigen drei Wörter in fragil gestapelten Buchstaben, erläutert Glatzle: „Hoffnung“, „Vertrauen“ und „Respekt“. Basis der Stelen sei „eine kleine goldene Kugel. Zieht man sie weg, stürzen die Wörter ein.“ Es gehe dabei „um eine Wegweisung für unsere Arbeit“. Ohne die drei Begriffe sei eine am Kindeswohl orientierte Pädagogik nicht möglich, ergänzt Glatzles Kollegin Jutta Arndt. An die Verbrechen der 1950er bis 1970er Jahre selbst soll morgen ein mündliches Schuldbekenntnis erinnern.

Allerdings können die ehemaligen Heimkinder mit den Stelen Roeses, die sich offenkundig an die paulinische Trias von Glaube, Liebe und Hoffnung anlehnen, wenig anfangen. „Man hat uns erneut nicht auf Augenhöhe beteiligt“, sagt Angelika Bandle von der Selbsthilfegruppe Heimopfer Korntal. „Regelrecht überrumpelt“ fühlt sich ihre Mitstreiterin und frühere Leidensgenossin Martina Poferl. Die Wahl des Künstlers – Roese ist als ehemaliger Odenwald-Schüler selbst Missbrauchs-Betroffener – sei ebenso wie die Terminierung der morgigen Veranstaltung einseitig durch die Brüdergemeinde erfolgt. Erinnerungskultur, das macht vor allem Angelika Bandle klar, ist für die ehemaligen Opfer kein Selbstzweck: Sie wolle das Trauma Korntal endlich und ein für allemal loswerden, sagt sie – und dankt Martina Poferl, dass sie sie im Auto aus Filderstadt nach Korntal begleitet hat: Ihr Trauma sitze so tief, „dass ich alleine nicht herfinde, auch nicht mit dem besten Navi“.

Dass ihre Korntaler Leidensgeschichte für die Kinder von damals nicht einfach vergangen ist, macht auch Detlef Zander deutlich. Der Mann, der die Verbrechen in den Korntaler Kinderheimen vor acht Jahren aufgedeckt hat, ist heute Sprecher im Beteiligtenforum der Evangelischen Kirche in Deutschland. „Wenn ich hier durchs Städtchen gehe, begegne ich weiterhin Blicken, die mich am liebsten töten würden“, sagt er. An der Spitze der Organisation sei die Wucht des Missbrauchsskandals angekommen, konzediert Zander – Klaus Andersen sprechen er und Angelika Bandle sogar ihr persönliches Vertrauen aus. Doch in der pietistischen Kirchengemeinde wollten immer noch zu viele nichts von der institutionellen Schuld „der Täterorganisation Brüdergemeinde“ wissen – so wie manche Angehörigen der Täter von deren persönlicher Schuld.

Auch mit der morgigen Gedenkveranstaltung – an der die ehemaligen Heimkinder gleichwohl mitwirken – beanspruche die Brüdergemeinde wieder „die Deutungshoheit“ über den Skandal in ihrer Mitte, so Zander. Für ihn ist das der Grundfehler des gesamten Korntaler Aufarbeitungsprozesses, den die Betroffenen sehr viel skeptischer sehen als Aufklärer und Brüdergemeinde: „Diese Erinnerungsveranstaltung kommt mir wie eine Verabschiedung vor“, sagt Zander.

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