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Verwaltung

Bürgermeisterin Gabriele Nießen geht nach Bremen

Seit knapp einem Jahr im Amt, verlässt die 55-jährige Gabriele Nießen bereits ihren Posten in Ludwigsburg. Die Bürgermeisterin wird in der rot-rot-grünen Regierung in Bremen neue Baustaatsrätin. In der Barockstadt könnte dies erneut eine Personaldebatte auslösen, zumal erst jüngst von drei auf vier Bürgermeisterstellen aufgestockt wurde.

In gut zwei Monaten schon weg: Gabriele Nießen wird Staatsrätin. Archivfoto: Andreas Essig
In gut zwei Monaten schon weg: Gabriele Nießen wird Staatsrätin. Foto: Andreas Essig

Ludwigburg. Für viele überraschend kündigte gestern Gabriele Nießen an, dass sie in die Freie Hansestadt an der Weser wechselt und dort bei Maike Schaefer, Senatorin für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität, Stadtentwicklung und Wohnungswesen, eine neue Stelle annimmt. „Die Anfrage, mich als Staatsrätin zu ernennen, ehrt mich sehr“, teilt Nießen mit, die im vergangenen November zu Ludwigsburgs Baubürgermeisterin gewählt worden ist. Im März diesen Jahres trat sie ihr Amt an.

„Das ist jammerschade, ich lasse sie ungern ziehen“, so die Reaktion von OB Matthias Knecht gestern. „Familiär wie auch beruflich ist es für sie die beste Möglichkeit, es ist eine große Karrierechance, zu der man sie nur beglückwünschen kann.“

„Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, bekennt Gabriele Nießen. „Die Projekte in Ludwigsburg haben mich von Anfang an begeistert, da sie von hoher städtebaulicher und architektonischer Qualität und einem nachhaltigen Anspruch getragen sind.“ Von der Verwaltung sei sie mit offenen Armen aufgenommen worden und größtmöglich unterstützt worden.

Hat es ihr in Ludwigsburg nicht gefallen? Im Gegenteil, sagt sie, „es ist keine Entscheidung gegen Ludwigsburg, sondern für Bremen“. Auch habe es nicht an der Fülle an Arbeit und Projekten gefehlt. Zuletzt hat sie sich für das Klimabündnis eingesetzt, sie hat sich um die Innenstadt und den Kauf des Nestlé-Areals gekümmert. Der Beschluss zur Grundschule Fuchshof und zur Sporthalle Ost fallen in ihre Amtszeit.

Berührungsängste mit der rot-rot-grünen Regierung in Bremen hat sie nicht. Es lockt die andere Themenstellung mit größerem Wirkungskreis, auch freue es sie, dass sie als Parteilose bei der grünen Senatorin eine Chance bekommt. Diese habe jemand vom Fach und eine Frau gesucht.

Die Stadträte sind etwas irritiert, telefonieren teils aufgeschreckt hin und her, wie man hört. Im Gespräch mit unserer Zeitung loben alle Fraktionen das Engagement von Gabriele Nießen, das sie in Ludwigsburg an den Tag legt und gratulieren ihr zu dem Karrieresprung. Sie bedauern gleichwohl, dass sie schon nach wenigen Monaten die Stadt wieder verlässt. „Sie hinterlässt eine große Lücke“, so ein Statement von FDP-Stadtrat Johann Heer.

Ihrer Arbeit in Ludwigsburg ging eine Verwaltungsreform voraus. Ihre Stelle als Baubürgermeisterin ist neben denen des Oberbürgermeisters, des Ersten Bürgermeisters und des vormaligen Bau- und jetzigen Mobilitätsbürgermeisters geschaffen worden. Die Dezernate wurden entsprechend umstrukturiert und neu geordnet. Wird ihr Weggang erneut Fragen nach der Notwendigkeit dieser Stelle aufwerfen? Erst diese Woche hat die Verwaltung die Finanzdaten vorgelegt, die Rathausspitze hat angekündigt, auch im Personalbereich sparen zu müssen.

„Es gibt genug Arbeit für vier Dezernate“, erklärt dazu OB Knecht auf Nachfrage. Er möchte sich aber nicht voreilig festlegen, nächste Woche wird er sich mit den Fraktionen zusammensetzen, um darüber zu beraten. Er versteht dies als „faire Geste“ – gerade auch mit Blick auf die schwierigen Haushaltsberatungen, in denen auch schmerzliche Kürzungen vorgenommen werden.

Vor einem Jahr waren es noch die Grünen, die gezweifelt haben, ob die Stadt Ludwigsburg wirklich vier Bürgermeister braucht. Gerade da hätten sie gern den Rotstift angesetzt. Doch seit Gabriele Nießen im Amt ist, hat sich ihre Meinung etwas verändert. „Wir haben uns mit dem vierten Dezernat versöhnt“, so Grünen-Fraktionschef Michael Vierling auf Nachfrage unserer Zeitung, der sehr bedauert, dass die Baubürgermeisterin Ludwigsburg verlässt. „Ludwigsburg war wohl eher ein Sidestep für sie“, stellt er mit Blick auf die Mitarbeiterzahlen fest: In Oldenburg, wo sie früher tätig war, war sie für 650 Mitarbeiter zuständig, in Ludwigsburg für 270.

Ob damit die vierte Bürgermeisterstelle wieder in Frage gestellt ist? Die Grünen lassen das offen. Vierling will das in seiner Fraktion besprechen. Ähnlich reagiert die SPD, die über den Weggang von Nießen geradezu enttäuscht ist. „Ich habe das befürchtet, solange die Familie nicht hierher umzieht“, bekennt Margit Liepins. Nießen habe mit ihrer Arbeit aber einen sehr guten Eindruck hinterlassen, „wir kamen gut mit ihr klar.“ Zur Frage, ob die vierte Bürgermeisterstelle beibehalten wird, erklärt die SPD-Fraktionsvorsitzende: „Wir wollen dazu mit dem neuen OB ergebnisoffen in die Diskussion gehen“.

„Für uns kommt der Weggang völlig überraschend“, stellt CDU-Fraktionschef Klaus Herrmann fest. „Ob sie dort in dieser rot-rot-grünen Regierung glücklicher ist als in einer schwäbischen Stadt, muss sie wissen.“ Herrmann erklärt aber gleichwohl, dass er keinen Grund sieht, die Stelle des vierten Bürgermeisters künftig einzusparen. „Wir brauchen zu den vielen Indianern auch Häuptlinge“, so Herrmann. Die Stelle müsse wieder besetzt werden. Die Verwaltung habe nicht mehr 1000 Stellen, sondern inzwischen 1500 Stellen.

Auch Reinhard Weiss glaubt nicht, dass jetzt zurückgerudert wird, trotz erneut steigender Personalkosten um zehn Millionen Euro. Die vierte Stelle sei nötig. „Das ist mein persönlicher Eindruck.“ Bürgermeister Michael Ilk sei im Bereich Mobilität stark gefordert, für den Bereich Bauen könnte er sich auch vorstellen, dass eigene Leute Interesse haben. „Die Kompetenzen sind da, wir haben gute Fachbereichsleiter.“ Nießen habe eine gute Führungsarbeit geleistet, so Weiss. Er glaubt, dass auch die Abwahl des früheren OB bei Nießens Entscheidung eine Rolle gespielt habe. FDP-Stadtrat Heer geht davon aus, dass die Bürgermeisterstelle wieder besetzt wird. „Ich sehe da wenig Handlungsspielraum.“

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