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Bürgern in die Biotonne geschaut

Die AVL lässt Biomüll in Biogas und Kompost für die Landwirtschaft umwandeln. Jedes Jahr ersetzt die kreiseigene Abfallverwertungsgesellschaft so rund 1,9 Millionen Liter Heizöl – es könnten noch mehr sein, wenn die Menschen im Landkreis besser wegwerfen würden.

Braune Tonnen im Visier der Biomüll-Scouts: Tim Krawczyk und Claudia Beg überprüfen in Korntal am Montagmorgen, dass nur Küchen- und Grünabfälle in den Gefäßen landen.
Braune Tonnen im Visier der Biomüll-Scouts: Tim Krawczyk und Claudia Beg überprüfen in Korntal am Montagmorgen, dass nur Küchen- und Grünabfälle in den Gefäßen landen.
Wenn alles in Ordnung ist, gibt es eine grüne Banderole. Fotos: Ramona Theiss.
Wenn alles in Ordnung ist, gibt es eine grüne Banderole. Foto: Ramona Theiss.
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Kreis Ludwigsburg. Oben sehen die braunen Biotonnen meistens perfekt aus. Da liegen die Gartenabfälle, Speisereste oder Kaffeefilter. „Wir gucken aber auch unten nach“, sagt Tim Krawczyk, der für die kreiseigene Abfallverwertungsgesellschaft AVL als Biomüll-Scout arbeitet, am Montagmorgen in Korntal. Unten lagern nämlich die Ölflaschen, Tomatendosen oder Windeln, die Krawczyk mit Handschuhen und Zangen aus den Tonnen fischt.

Seit gut einer Woche schauen drei Biomüll-Scouts der AVL den Bürgern im Landkreis in die Biotonne. Innerhalb von zwei Jahren wollen die Mülldetektive alle Gefäße zweimal inspizieren – und das sind immerhin rund 110.000 Stück. Dafür haben sich die Initiatoren ein Ampelsystem ausgedacht. Eine grüne Banderole heften Krawczyk und Co. an die Tonne, wenn alles in Ordnung ist. Bei Verfehlungen setzt es fast wie beim Fußball gelbe oder rote Karten. Treten die Verstöße wiederholt oder gravierend auf, macht das Müllauto einen Bogen um die Tonne.

„Wir sind im Einsatz für die Umwelt“, sagt Krawczyks Kollegin Claudia Beg über ihren Dienst, der manchmal nicht vergnügungssteuerpflichtig ist. Wenn sich zum Beispiel Maden am Tonnenrand über die Speisereste hermachen. „Sie geben aber ein hervorragendes Biogas“, sagt die Expertin schmunzelnd.

Das entsteht rund 90 Kilometer weiter in der Vergärungsanlage in Westheim im Landkreis Germersheim. Neben Biogas kommt hier auch Kompost heraus, den Landwirte auf ihre Felder bringen. Nach Angaben der AVL können auf diese Weise jedes Jahr rund 1,9 Millionen Liter Heizöl ersetzt werden. Das entspricht der energetischen Leistung von vier mittelgroßen Windkraftanlagen. Den Bau eines grünen Kraftwerks in Bietigheim verhinderte vor einigen Jahren eine Bürgerinitiative. Deshalb sind jetzt die Transporte notwendig.

Den Biomüllkreislauf hält der stellvertretende AVL-Abteilungsleiter Jochen Mäule ökonomisch und ökologisch für sinnvoll. Daher wollen ihn die Abfallmanager weiter verfeinern. „Im Biomüll befinden sich noch zu viele Abfälle, die dort nicht hingehören – insgesamt rund drei Prozent“, sagt er. Das würde auf den ersten Blick zwar nach wenig klingen. „Dahinter verbergen sich aber im Schnitt rund 900 Tonnen pro Jahr.“ Für die Zukunft peilt die AVL nun einen Anteil von einem Prozent an.

Störstoffe wie Plastik, Zigarettenkippen oder Glassplitter landen laut Mäule meist aus Unwissenheit oder Nachlässigkeit in den braunen Tonnen. Selbst die angeblich recycelbaren Bio-Kunststoff-Tüten tun dem Kompost nicht gut, so der Experte – weil sie nicht schnell genug verrotten. Die Folge: Mikroplastik wird auf die Felder ausgebracht.

Die AVL muss auch tätig werden, weil der Gesetzgeber die Grenzwerte für Kompost und Gärstoffe verschärft. „Technisch haben wir in den Anlagen alles ausgeschöpft“, sagt Mäule. „Deshalb müssen die Tonnen jetzt sauberer werden.“ Das lohnt sich übrigens auch für die Verbraucher: Zwei Euro kostet es, die braune Tonne leeren zu lassen. Bei den Restmülltonnen sind es mehr als fünf Euro. Die Scouts Krawczyk und Beg wissen, dass im Landkreis deutlich mehr Biomüll zu holen wäre. Doch noch immer würde ein großer Teil trotzdem im Restmüll landen.

Wenn sie sich in ihren gelben Westen über die Tonnen beugen, fallen die Mülldetektive auf. „Wir bekommen aber durchweg positive Rückmeldungen“, sagt Krawczyk. Das führt er darauf zurück, dass sie nicht mit erhobenem Zeigefinger auftreten. In Korntal beobachtet eine Anwohnerin am Montagmorgen, wie er mit seiner Kollegin in ihre braune Tonne schaut. „Ich finde das in Ordnung“, sagt die Anwohnerin, die offenbar bereits ist, ihren Anteil für weniger Plastik im Biomüll zu leisten. „Ich habe Enkelkinder und will, dass sie eine schöne Welt vorfinden.“

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