Logo

Gleichstellung

Corona als Krise der Frauen? Die Kluft wächst

Küche statt Karriere: Wenn Kinder zu Hause betreut werden müssen, wenn das Geld knapp wird, wenn die letzten familiären Ressourcen aktiviert werden: Plötzlich sind die alten Rollenmuster wieder da. Hier zeigt sich, was längst bekannt ist – eine verlässliche und flexible Kinderbetreuung ist zentral, wenn es um die Gleichberechtigung von Frauen in Alltag und Beruf geht. Die aber gibt es derzeit nicht, und bis es wieder rund läuft, wird es dauern.

Diese Unabhängigkeit, respektive Vollzeitjobs, sind für Männer deutlich leichter zu haben – weil die Frauen es ihnen mit ihrem persönlichen Einsatz ermöglichten und es weiter tun. Schon vor Corona investierten Frauen laut Deutschem Frauenrat dreimal mehr Zeit als Männer in die klassische Sorgearbeit (Kinderbetreuung und -erziehung, häusliche Pflege) – umsonst und mit reduzierter Erwerbstätigkeit. Zurückstecken ist weiblich. Frauen rollen das Feld von hinten auf, wenn sie sich Selbstbestimmung und Arbeit erkämpfen wollen. Nicht umsonst sind Frauen Netzwerker: Das selbstgestrickte Geflecht um Arbeit, Familie und eigenes Leben muss tragen.

In Zeiten von geschlossenen, beziehungsweise eingeschränkt geöffneten Kitas und Schulen, in Zeiten von Kurzarbeit und einer drohenden Entlassungswelle in der Wirtschaftskrise zeigt sich: Das Konstrukt ist brüchig, die ökonomischen und sozialen Folgen treffen Frauen meist härter. Die Coronakrise zeigt, wie schwierig es ist, Erwerb und Familie unter einen Hut zu bringen. An der vordersten Front: Frauen.

Doppelschichten und Existenzängste setzen insbesondere die bundesweit 1,3 Millionen Alleinerziehende extrem unter Druck, der mit lückenhafter Kinderbetreuung steigt. 2018 waren laut Statistischem Bundesamt 692 000 Alleinerziehende mit Kindern unter 13 Jahren erwerbstätig, davon 58 Prozent in Teilzeit.

Die weiter bestehende Lohnlücke zwischen Frau und Mann, die längere Elternzeit von Frauen sowie ihr hoher Anteil an Teilzeit und Minijobs auch in Paarfamilien ist nichts Neues, doch die Coronakrise zeigt: Angegangen wurde die strukturelle Diskrepanz unzureichend, der gesellschaftliche Wandel steht aus. Anders formuliert: Die Gräben wurden nur oberflächlich zugeschüttet. Jetzt reißen sie wieder auf.

Nach einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) haben 20 Prozent der Frauen coronabedingt ihre Arbeitszeit reduziert, Väter deutlich weniger. Eine aktuelle Allensbach-Umfrage unter 1500 Eltern kommt zu einem paritätischeren Ergebnis: 22 Prozent der Mütter und 18 Prozent der Väter verringerten demnach ihre Arbeitszeit wegen der Kinder. Damit, so die Autoren, werde die WZB-Direktorin Jutta Allmendinger widerlegt, die von einer „Retraditionalisierung“ sprach.

Beide Untersuchungen bewerten allerdings nicht, dass Frauen schon vor Corona in der Erwerbstätigkeit benachteiligt waren. Von den Paarfamilien mit Kindern unter sechs Jahren, in denen beide Eltern arbeiten, waren 2018 laut Statistischem Bundesamt 72 Prozent der Mütter in Teilzeit, dagegen 94 Prozent der Männer in Vollzeit. Je mehr Kinder, desto größer wird die Schere. Und über 46 Prozent der Mütter mit einem Kleinkind bis zwei Jahre arbeiten gar nicht. Erst ab drei Jahren steigen sie wieder mehr ein. Die Rente? Reduziert. Altersarmut? Wird immer weiblicher. Eines lässt sich jetzt schon mit Sicherheit sagen: In Coronazeiten kommt der langsame Fortschritt der Gleichstellung zum Stillstand.

Deshalb die spannende Frage: Wie viel „Re“ steckt in dieser Entwicklung? Oder richtet die Coronakrise lediglich ihr gleißendes Scheinwerferlicht auf die fundamentalen Missstände in der Geschlechtergerechtigkeit?

„Haupternährer und Nebenverdienerin – das ist das klassische Rollenbild, nach dem weiter Entscheidungen getroffen werden“, sagt Judith Raupp. Die städtische Gleichstellungsbeauftragte beobachtet in Coronazeiten eine verstärkte „Doppel- und Dreifachbelastung“ von Frauen. Erziehung, Betreuung, Haushalt und ein bisschen Büro: Raupp spricht von einer „Grundannahme“, die Traditionsdenken folgt.

Die Krux: Corona erhöht für Frauen die Doppelbelastung Arbeit und Kinder und schickt auf der anderen Seite primär Frauen an die Front. Laut der Bundesagentur für Arbeit beträgt der Frauenanteil im Lebensmitteleinzelhandel 73 Prozent, beim Gesundheitspersonal 76, in der Kinderbetreuung sogar 92 Prozent. Sehr hoch ist der Frauenanteil auch in Gastronomie und Tourismus. Gemeinsam ist den Jobs nicht nur, dass sie in Coronazeiten ein hohes Ansteckungsrisiko bedeuten, sondern dass diese „Frauenberufe“ bei hoher Belastung niedrig bezahlt werden. Das betrifft auch die Kassiererinnen, die „den Laden am Laufen halten“, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel es im März so emotional formulierte.

Und obwohl sie den Laden am Laufen halten, zu Hause und in der Gesellschaft, und damit zu den Topmanagerinnen gehören, ist die Bezahlung kläglich. Geht doch. Läuft doch. „Frauen sind Ermöglicherinnen und flexibel“, nennt das Judith Raupp. Aus ihrer Relevanz schlagen sie selten Kapital. Da genügen offenbar kleine Geschenke: abendlicher Applaus fürs Krankenhauspersonal, 300 Euro pro Kind für Eltern. Milliardenschwere Rettungspakete für die Wirtschaft, werberelevante Fußballgeisterspiele und schnelle politische Entscheidungen sind öffentlich gefragt, die Krise der Frauen in Corona indes wird ausgeblendet. „Das Engagement wird nicht wahrgenommen, geschweige denn gewürdigt“, konstatiert Judith Raupp.

Ihr Wunsch: Dass Frauen ihre offensichtliche Leidensfähigkeit – heute heißt das Resilienz – drosseln. „Das ist eine Frage der Qualität einer Gesellschaft, nicht nur für Frauen.“ Sie sollten für ihre Rechte einstehen, dass fange schon in der eigenen Personalabteilung an. „Laut werden und weiter wütend sein“, empfiehlt sie, steht ein für die Frauenquote in den Führungspositionen. „Allein ändert sich da nichts.“

Bei dem Begriff Gender rollt jeder mit den Augen. Feminismus als Luxus für bessere Tage? Gleichstellung als Aufgabe! Ehefrauen stecken häufig fest in Steuerklasse 5, die Gehälter in den sogenannten Sorgeberufen bewegen sich im unteren Segment, häusliche Pflege wird unzureichend unterstützt – höchste Zeit für eine Reform des Ehegatten-Splittings, höhere Tarifgehälter und Förderung. Corona hat das noch deutlicher gemacht. Nach einem wirksamen Instrument zur Reform wurde jedoch noch nicht einmal gesucht.

Dass aus der Krise der Frauen noch nicht der Aufstand der Frauen geworden ist, könnte ihrer Resilienz geschuldet sein. Zudem ist Traditionsdenken nicht allein männlich. Dass die Gesellschaft diese strukturelle Ungleichheit weiter zulässt, ist allerdings ein Skandal. Ganz ohne Corona.

Autor: