Logo

Corona macht Integrationsprojekt zunichte

Vor zwei Jahren trainiert Jochen Bauer (links) Flüchtlings- und Schulkinder in Eglosheim, das wohl letzte Mal. Im November will er noch einen letzten Fußball-Integrationstag in Grünbühl stemmen, wenn sich genügend Partner finden.Archivfoto: Holm Wols
Vor zwei Jahren trainiert Jochen Bauer (links) Flüchtlings- und Schulkinder in Eglosheim, das wohl letzte Mal. Im November will er noch einen letzten Fußball-Integrationstag in Grünbühl stemmen, wenn sich genügend Partner finden.Archivfoto: Holm Wols
Keine Veranstaltungen, keine Sponsoren, keine Reserven: Corona hat dem Fußball-Integrationsprojekt Fairplay von Jochen Bauer den Garaus gemacht. Er ist nun für ein Jahr der Liquidator seiner eigenen gGmbH und hofft in Ludwigsburg auf eine letzte Veranstaltung in Grünbühl mit TSV Grünbühl, Schule und Flüchtlingen. Dann ist wohl Schluss.

Ludwigsburg. Zwar gab es für Unternehmen in der Krise millionenschwere Corona-Hilfskredite, von denen hat Jochen Bauer mit seiner Eigenfirma jb fairplay gGmbH jedoch nichts – gemeinnützige Organisationen waren und sind von KfW-Kredit oder Zuschüssen vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle für die Beratertätigkeit ausgeschlossen: „Ich war schweren Herzens gezwungen, unsere gGmbH zu liquidieren“, sagt Bauer. „Durch die Coronapandemie konnten keine Veranstaltungen stattfinden, Projektpartner wie Vereine und Städte haben keine Kapazitäten oder Gelder mehr, Sponsoren sind weggebrochen.“

In fünf Jahren profitierten 3000 Kinder vom Integrationsprojekt

Seit 2015, dem Beginn der letzten großen Fluchtmigration nach Deutschland, engagiert sich Jochen Bauer mit seinem Fairplay-Konzept „Happy Integration Kids“ für die Integration von Kindern aus verschiedenen sozialen Schichten mit Fokus auf geflüchtete Kinder. Für den Fußballtrainer mit A-Lizenz, der schon die Jugend beim VfB Stuttgart trainierte, war von vornherein klar, dass das mit Sport zu machen ist. „Fußball kann Brücken schlagen.“ Rund 3000 Kinder profitierten von den 20 bis 30 jährlichen Fußball-Integrationstagen, die der Backnanger schwerpunktmäßig in Süddeutschland, aber mittlerweile auch in Schleswig-Holstein organisierte.

Der „ganzheitliche Ansatz“, wie er es nennt, wurde zum Erfolgsmodell. Nachdem ein erster Kontakt mit Schule, Kommune oder Verein aufgebaut wurde, wird das Projekt geplant: Ein Hauptsponsor oder mehrere Förderer müssen gefunden werden, die den Integrationstag finanziell unterstützen, inklusive ist eine Spende an den Partnerverein. Die Kinder von sechs bis 14 Jahren werden von der Schule ausgewählt – zehn Flüchtlingskinder, zehn deutsche, sozial benachteiligte Kinder (gerne auch mit Migrationshintergrund) und zehn Kinder aus gefestigten Verhältnissen – und trainieren gemeinsam mit Jochen Bauer, Eleftherios Avraam und Eberhard Carl einen halben Tag lang.

Ziel ist es, Vereine und Flüchtlingskinder langfristig zu binden

Bälle und Trikots können die Kids behalten, die auch kostenlos verpflegt werden. Nach den Integrationstagen werden die Projekte mit einer kontinuierlichen Fußball-AG in Kooperation von Schule und Verein fortgeführt – mit dem Ziel, möglichst viele teilnehmende Kinder aktiv in den Partnerverein zu bringen und damit stabile Bindungen aufzubauen, die Voraussetzung sind für eine gelungene Integration.

Vor Corona war Jochen Bauers Terminkalender voll („Unsere Netzwerke funktionierten“), jetzt herrscht gähnende Leere. Nun ist er Liquidator seiner eigenen gGmbH und hat ein Jahr Zeit, seine angefangenen Projekte soweit möglich abzuwickeln. Eine Liquidation ist die geordnete Abwicklung der laufenden Projekte einer gGmbH innerhalb der Sperrzeit von einem Jahr, bei der Insolvenz wird der Geschäftsbetrieb umgehend eingestellt. Bauer hofft nun, wenigstens noch in Grünbühl den dann dritten Integrationstag abhalten zu können – der soll Anfang November mit der Eichendorffschule und dem TSV Grünbühl abgestimmt werden – gegebenenfalls den aktuellen Hygienevorschriften entsprechend mit einem Training in versetzten Gruppen à zehn Kinder.

Auch für Oktober, November und Dezember ist er zuversichtlich, dass die geplanten Integrationstage in Marbach, Reutlingen oder Esslingen stattfinden können. Ob das klappt, ist aber noch völlig unklar und hängt von den dann geltenden Coronabedingungen ab. Bauer bleibt zuversichtlich: „Wir gehen fest davon aus, dass die Veranstaltungen noch stattfinden.“ Er nützt aber auch die Gelegenheit, sich jetzt schon bei seinen bisherigen Partnern und Förderern zu bedanken: von der Kreissparkasse, Stadtwerke oder der Stadt Kornwestheim über einzelne Handwerksbetriebe wie Töpfer Bedachungen oder Haag Stuckateur, das Softwarehaus Schwarz & Rohloff, die Druckerei Robos, das Reformhaus Sieber bis zu Bauunternehmen wie Schüle, Liesegang oder Frank sowie den Verein Star Care.

„Es war ein erfolgreiches Projekt, es wurde super angenommen“

Der Diplom-Betriebswirt muss parallel dazu auf Jobsuche gehen, da seine gGmbH nun wohl bald der Vergangenheit angehören wird. Die Zeiten beim VfB oder in Australien 2004 bis 2006, als er eine australische Jugendmannschaft trainierte und auch zum WM-Sommermärchen 2006 in Deutschland begleitete, sind leider vorbei. „Ich werde mich beruflich neu orientieren“, sagt Bauer, den es schmerzt, ein solch erfolgreiches Projekt ad acta legen zu müssen. „Es war ein erfolgreiches, nachhaltiges Konzept und wurde super angenommen. Jetzt ist es wie ein Kartenhaus zusammengebrochen.“