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Corona verändert Bestattungskultur

Die Pandemie sorgt zumindest bei den Bestattern für deutliche Mehrarbeit – so die landläufige Meinung. Doch weit gefehlt. In der ersten Welle gab es für die Unternehmen kaum mehr Beerdigungen. Doch jetzt steigen die Zahlen. Der Aufwand für die Bestattungsunternehmen ist sehr groß.

Georg Ivancic hat Angst vor den Corona-Zahlen nach Silvester. Foto: Holm Wolschendorf
Georg Ivancic hat Angst vor den Corona-Zahlen nach Silvester. Foto: Holm Wolschendorf

Freiberg/Remseck. Georg Ivancic ist konzentriert über seinen Schreibtisch gebeugt. Gewissenhaft muss er den Schreibkram für die nächste Beerdigung machen, denn geht irgendetwas schief bei der Sache, muss er als Bestatter seinen Kopf hinhalten. Dabei macht er nichts anderes als sein Geschäft, er sorgt für die letzte Ruhe der Menschen. Seit Corona ist allerdings auch bei ihm alles anders.

„Wir haben viel mehr Vorschriften zu beachten, es sind deutlich weniger Menschen auf den Ordnungsämtern der Gemeinden. So kommen unsere Anliegen nur schleppend voran. Das bedeutet, es dauert länger bis zur Beerdigung“, klagt der Bestatter. Das Stammhaus seines Unternehmens ist in Remseck, doch inzwischen gibt es auch Filialen in Aldingen und Freiberg. Außerdem besitzt die Firma ein Blumenhaus in der Nähe des Friedhofs in Ludwigsburg. „Wir sind Bestatter bereits in der dritten Generation, doch so etwas wie zurzeit haben wir noch nie erlebt. Da wird ständig improvisiert und wir müssen auf das Verständnis unserer Kunden hoffen“, so Ivancic.

Zu Diamanten gepresst

Die Firma kümmert sich um fast alles rund um die Beerdigung. Die Toten können zu Hause oder am Friedhof aufgebahrt werden. Auch die Form der Bestattung geht über das Übliche hinaus, neben Erdbestattungen kann die Asche zudem auf See ausgestreut, ins Weltall geflogen oder zu einem Diamanten gepresst werden. „Doch inzwischen ist das Geschäft viel komplizierter geworden. Jede Woche ändern sich die Regeln.“ In der ersten Corona-Phase durften anfangs nur maximal zehn Personen auf den Friedhof. Es gab keine Zeremonie in den Aussegnungshallen, auch ein einfacher Händedruck oder eine Umarmung war verboten. Die Bestatter mussten zudem danach schauen, dass alle Bestimmungen eingehalten wurden. „Das Problem ist, dass die Menschen von ihren alten Traditionen nicht lassen wollen. Sie müssen von den neuen Bestimmungen erst überzeugt werden“, sagt der Bestatter.

Gleichzeitig widerspricht er der Behauptung, dass die Bestatter in Coronazeiten gute Geschäfte machen. Während der ersten Welle gab es im Landkreis Ludwigsburg rund zehn Corona-Tote in der Woche. Da fast jede Gemeinde ein Bestattungsunternehmen hat, gab es für das Gewerbe nicht viel zu verdienen. Die Firma Ivanciv hatte bis Ende Mai lediglich vier Corona-Tote.

Doch in den vergangenen Wochen hat sich viel geändert. Die Zahlen sind deutlich nach oben gegangen. „In einer Woche hatten wir allein vier Corona-Fälle. Inzwischen macht das die Hälfte unserer Arbeit aus. Es ist ein Zuwachs von rund 200 Prozent“, rechnet Georg Ivancic vor.

Das Geschäft ist jetzt in der zweiten Welle nicht einfacher geworden. Alle Toten bekommen einen Mundschutz, denn beim Bewegen der Toten kann immer noch Luft aus den Lungen austreten und diese kann mit dem Virus verseucht sein. Die Verstorbenen werden nicht mehr gewaschen und dann angezogen. Sie kommen in einen großen Sack, den sogenannten Bodypack, und werden damit in den Sarg gelegt. Jeder Schritt muss immer wieder desinfiziert werden. Bis zum Schluss sind rund eineinhalb Liter Desinfektionsmittel notwendig.

Auch für die Bestatter ist die neue Situation nicht einfach. Sie stehen in voller OP-Kleidung an dem Toten. In der Vergangenheit war es gar nicht so einfach, Kleidung und Schutzmittel zu bekommen. Die benötigten großen Mengen waren nicht lieferbar. Auch die benötigten Schnelltests waren nicht aufzutreiben. Doch inzwischen hat sich die Lage deutlich entspannt.

Auch können inzwischen wieder mehr Leute an den Beerdigungen teilnehmen – aktuell seien bis zu 100 Menschen auf dem Friedhof erlaubt. Auch die Aussegnungshallen können wieder benutzt werden, allerdings gelten auch hier die sonst üblichen Abstandsregeln. Georg Ivancic: „Auch die Angehörigen haben sich inzwischen mit den Maßnahmen abgefunden und sind entspannter.“

Verschiedene Vorgaben

Doch die Bestatter müssen noch immer die Veranstaltungen überwachen. Das bedeutet viel zusätzliche Arbeit. Auch seien die Vorgaben von Kommune zu Kommune verschieden. Gleichzeitig müsse die Sicherheit seiner Mitarbeiter gewährleistet sein.

Und für die Zukunft sieht es nicht viel besser aus. „Es dauert noch bis Sommer, dann erst zeigt der Impfstoff Wirkung. Doch ich habe heute schon Angst, was mit uns nach Weihnachten und Silvester passiert. Dann, wenn die Infektionszahlen wieder nach oben gehen. Das wird heftig“, sagt Bestatter Georg Ivancic.

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