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„Da spielen sich richtige Dramen ab“

Steuerberater Hess berichtet von Unternehmen, die noch immer auf die November- und Dezemberhilfen warten

Nicht nur die Gastronomie wurde vom Lockdown massiv getroffen. Foto: dpa
Nicht nur die Gastronomie wurde vom Lockdown massiv getroffen. Foto: dpa

Kirchheim/Stuttgart/Berlin. An der Coronakrise des Mittelstands in der Region ist Hermann Hess ganz dicht dran. „Da spielen sich richtige Dramen ab“, berichtet der Steuerberater aus Kirchheim aus seinem turbulenten Alltag, der bei der Kanzlei BSKP mit deutschlandweit elf Standorten tätig ist. Denn die Anträge auf die staatlichen Überbrückungshilfen müssen meist von den Steuerberatern gestellt werden. „Damit soll Betrugsfällen vorgebeugt werden, wie sie bei der Beantragung der ersten Soforthilfen zum Teil stattgefunden hat“, sagt der Kirchheimer. Und von den Hilfsprogrammen gibt es einige: die Soforthilfen zu Beginn der Krise, die November- und Dezemberhilfen, die Überbrückungshilfen I, II und III.

„Viele Unternehmen – ob Einzelhändler, Gastronomen oder Soloselbstständige – haben bereits seit dem Beginn des zweiten Lockdowns Anfang November geschlossen. Ihre Kosten von November bis Januar laufen weiter, doch die Novemberhilfen, die ihre Umsatzausfälle zum Teil ausgleichen sollten, sind vielfach noch nicht ausgezahlt worden.“ Von den Dezember-hilfen ganz zu schweigen. In der Wirtschaft macht sich daher zunehmend Frust breit, kleine und mittlere Unternehmen spüren, dass die Hilfsgelder, die sie in ihnen Corona-Existenzkampf dringend benötigen, nicht schnell genug fließen. Dabei sollten diese nach früheren Aussagen von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) schnell und unbürokratisch beantragt und ausgezahlt werden können.

Tatsächlich hat die staatliche L-Bank in Karlsruhe im Covid-19-Jahr 2020 auch fast drei Milliarden Euro Coronabeihilfen an Unternehmen im Südwesten ausgezahlt. Doch die Verwaltungsabläufe seien zu langsam, wie Hess sagt. Hinzu kommen in den verschiedenen Hilfsprogrammen unterschiedliche Umsatzdefinitionen und Änderungen bei den Anträgen und bisher technische Probleme der verwendeten Antragsplattformen.

„Das Verfahren ist viel zu bürokratisch und zeitaufwendig“, findet BSKP-Steuerberater Hess, der von bis zu einem halben Arbeitstag für einen einzelnen Corona-Antrag spricht. Die Bürokratie-Einschätzung deckt sich auch mit der von Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE). „Es soll wohl bis März dauern, bis es überhaupt Auszahlungen gibt, das geht natürlich so nicht“, hatte Genth unlängst betont.

„Einige Mandanten haben Abschläge erhalten“, weiß Hermann Hess. Doch die Mehrzahl warte noch immer auf die Gelder. Insgesamt hält Hess wie auch die Steuerberaterkammer Stuttgart die verschiedenen staatlichen Unterstützungen „für eine gute Sache“. Wenn nur das Bürokratieproblem nicht wäre. „Zwischen der Beantragung und Auszahlung liegt ein furchtbar langer Zeitraum“, betont auch ein Sprecher der Steuerberaterkammer. „Dies werden zahlreiche Betriebe wirtschaftlich nicht überleben“, sagt er mit Blick auf die Zahlen des Instituts für Wirtschaftsforschung für Dezember 2020. So hatte die Rückkehr zu den strengeren Meldepflichten deutschlandweit zu einem Anstieg auf 921 Firmeninsolvenzen geführt, nachdem die Zahl von Januar bis Oktober 15 Prozent unter dem Wert des Vorjahreszeitraums gelegen hatte. Allerdings wurde die Ausnahmeregelung, so Hess, bis Ende Januar verlängert.

„Von meinen durch die Schließungen betroffenen Mandanten geraten 30 bis 40 Prozent in eine kritische Situation, wenn es für sie keine Perspektive gibt, dass es ab Februar weitergeht“, betont Hess. Die Not sei am größten im Tourismus-, Kultur- und Veranstaltungsbereich – Hotellerie, Reisebüros, Tanzschulen oder Fitnessstudios. Denn auch nach Aufhebung des Lockdowns würden in diesen Branchen die Geschäfte wohl eher zögerlich anlaufen. Auch im Einzelhandel sei die Lage problematisch – Kleidergeschäfte, im Floristik- und Spielwarenbereich. Die Gastronomie könne sich im Frühjahr eher erholen, schätzt der Steuerexperte. „Die Unternehmen brauchten Planungssicherheit.“

Wie könnte es besser laufen? „Der Staat sollte sich auf die Anträge der Steuerberater verlassen, die ganze Summe auszahlen, statt Abschlagszahlungen zu leisten“, meint Hess. Der Steuerberater müsse schließlich die Schlussrechnung machen. Dann zeige sich, ob die jeweilige Firma zu viel Geld erhalten hat – und was es eventuell zurückzahlen muss. Zudem müssten Steuerberater dafür auch haften.

Bisher haben die Unternehmen in Baden-Württemberg wie auch in den anderen Ländern Abschläge auf die von ihnen beantragten Gelder aus der Novemberhilfe erhalten. Doch nun kann die Auszahlung beginnen. Die technischen Voraussetzungen dafür stehen, wie das Bundeswirtschaftsministerium gestern mitteilte. Damit könnten die Auszahlungen starten. Zuvor hatte es Verzögerungen gegeben, Grund war die Software für die Antragsseite. Der Baden-Württembergische Industrie- und Handelskammertag hatte zuvor mit Unverständnis auf die Verzögerung reagiert. Diese Warterei sei mit Blick auf Betriebe, die massiv vom Lockdown betroffen seien, „kaum hinnehmbar – schließlich geht es hier mit Datum Mitte Januar um die Gelder von November“, betont BWIHK-Präsident Wolfgang Grenke.

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