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Das grüne Gewissen als Motor der neuen Omas for Future-Gruppe

Längst kämpfen nicht mehr nur Kinder und Jugendliche für ein besseres Klima, sondern auch die Generation 50+. Sie nennt sich Omas for Future. Ein Besuch bei Gisela Schramm in Gerlingen

„Wir muten unserem blauen Planeten zu viel zu“, sagt Gisela Schramm aus Gerlingen. „Er braucht uns nicht.“ Foto: Ramona Theiss
„Wir muten unserem blauen Planeten zu viel zu“, sagt Gisela Schramm aus Gerlingen. „Er braucht uns nicht.“ Foto: Ramona Theiss

Gerlingen. Es ist nur ein Detail, das in Gisela Schramm die Erkenntnis reifen lässt, dass etwas nicht im Gleichgewicht ist. Sie schlendert über den Rathausplatz in Gerlingen, als sie auf einen achtlos weggeworfenen Pizzakarton stößt. Darin ein halb angenagter Fladen, auf dem noch Salami und Schinken zu sehen sind. „Das hat mir wehgetan“, sagt Gisela Schramm, 72, Mutter von zwei Kindern, Großmutter von zwei Enkeln und Greenpeace-Mitglied – und nicht nur das.

Schramm hat eine Mappe dabei, darin sammelt sie Informationen über Solarenergie und Ökostrom sowie Zeitungsartikel, wie der E-Autospezialist Tesla in Grünheide bei Berlin Grundwasserquellen für das neue Werk anzapfen will oder wie Coca-Cola in Lüneburg plant, einen dritten Brunnen in Betrieb zu nehmen, aus dem doppelt so viel Wasser wie bisher gefördert werden kann. Schramm, die aus einem 300-Einwohner-Dorf in der hessischen Rhön stammt, wo der Vater einen Gemischtwarenladen geführt, Hühner und Schweine gehalten und einen Gemüsegarten kultiviert hat, stört sich daran, dass die Natur so ausgebeutet werden soll. „Ich will, dass wir bewusster leben“, sagt sie, „und Maß halten – aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger.“

Schramm will die Klimawende von unten

In der Mappe klebt ganz vorne auch ein Foto. Es zeigt ein Bild, das Schramm gemalt hat, Holzrahmen auf Leinwand. In der Mitte steht der Slogan Fridays for Future, drumherum sind Vögel zu sehen, Fische, die Sonne und das Meer. Schramm hat es ihrem Enkelsohn in die Hand gedrückt, als die ganze Familie noch vor Corona auf einer Demo gegen den Klimawandel in Stuttgart war. Zehntausende, vor allem junge Menschen, waren auf der Straße. „Mich hat das sehr bewegt“, sagt die Gerlingerin.

In ihrem Kopf wächst der Wille, mehr zu machen, damit die Pariser Klimaziele eingehalten werden können – die Erderwärmung deutlich unter zwei Grad zu halten. „Damals konnte ich den Gedanken noch nicht so richtig fassen“, sagt Schramm. Aber ihr Ziel ist ihr klar: die Klimawende von unten zu schaffen.

Schramm stößt auf die Leipziger Unternehmerin Cordula Weimann. Ihre Vision: Die Generation 50+ zu aktivieren, aus ihrer Liebe zu ihren Kindern und Enkeln ihr Verhalten zu ändern und eine nachhaltige, lebenswerte Zukunft zu erschaffen. Der Name der Bewegung: Omas for Future. Weimann sagt: „Ohne uns haben die Jugendlichen kaum eine Chance, denn wir stellen 56 Prozent aller Wähler.“

Mehr als 40 Regionalgruppen gibt es bereits bundesweit – die erste im Landkreis Ludwigsburg startete in Vaihingen, sie ist heute aber laut Omas for Future nicht mehr aktiv. Die zweite hat Gisela Schramm jetzt in Gerlingen gegründet. Sie hat vor, Gleichgesinnte zu finden, auf den Wochenmarkt zu gehen oder in den Gemeinderat, um ihre Bewegung bekannter zu machen und zu zeigen, dass die Umwelt auch im Kleinen geschützt werden kann. Dass Wäsche im Sommer nicht in den Trockner kommen muss, sondern an die frische Luft kann oder Haushaltsreiniger aus Essig, Zitrone und Natron ebenfalls gute Ergebnisse liefern. Dazu sollen Workshops etwa über Solartechnik kommen. Wenn Schramm durch Gerlingen spaziert und auf dem Weg zu ihrer dementen Mutter im Pflegeheim ist, stört es die Oma for Future, dass sie kaum Solaranlagen auf den Dächern sieht.

Über das Schicksal ihrer Mutter hat Schramm ein Büchlein geschrieben, für das sie noch einen Verlag sucht. Außerdem hat sie handschriftlich einen Brief an den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann verfasst, in dem sie die Ökobilanz von Elektroautos kritisiert, weil die Produktion der Batterien einen hohen CO-Ausstoß verursacht. Das Büro des grünen Spitzenpolitikers hat Schramm tatsächlich geantwortet und eine Erwiderung geschickt, in dem es sich offen für diverse Technologien zeigt, die den Verbrennungsmotor ablösen sollen. „Das finde ich ganz toll“, sagt Gisela Schramm. Den Brief hat sie selbstverständlich auch in ihrer Mappe aufbewahrt, mit der sie das Klima retten will.

Info: Erreichen kann man Gisela Schramm und ihre Omas-for-Future-Gruppe per E-Mail an gerlingen@omasforfuture.de.

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