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„Das ist die absolute Katastrophe“

Fassungslos verfolgt Michael Lutz-Dettinger die Ereignisse in Afghanistan. Der Leitende Notarzt im Kreis Ludwigsburg war mehrfach mit der Bundeswehr im Einsatz am Hindukusch. „Was dort gerade passiert, ist eine absolute Katastrophe für die Bevölkerung“, sagt er im LKZ-Gespräch. „Vor allem für die Frauen.“

Die Atefa-Mädchenschule in Estalef, nördlich von Kabul, wird nach der Machtübernahme der Taliban geschlossen. Michael Lutz-Dettinger hat die Schule auch finanziell unterstützt. Fotos: privat
Die Atefa-Mädchenschule in Estalef, nördlich von Kabul, wird nach der Machtübernahme der Taliban geschlossen. Michael Lutz-Dettinger hat die Schule auch finanziell unterstützt. Foto: privat
Die Atefa-Mädchenschule in Estalef, nördlich von Kabul, wurde nach der Machtübernahme der Taliban geschlossen. Michael Lutz-Dettinger hat die Schule auch finanziell unterstützt. Fotos: privat
Die Atefa-Mädchenschule in Estalef, nördlich von Kabul, wurde nach der Machtübernahme der Taliban geschlossen. Michael Lutz-Dettinger hat die Schule auch finanziell unterstützt. Foto: privat
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Kreis Ludwigsburg. Dreimal war der ehemalige Gemeinderat aus Mundelsheim für die Bundeswehr im Auslandseinsatz. 2002 im Kosovo und Mazedonien, 2004 und 2009 tat er Dienst in Afghanistan, war als Oberst-Arzt der Reserve und Leitender Sanitäts-Stabsoffizier der ISAF vor Ort. Unter anderem war er stationiert in Mazar-i-Sharif, arbeitete aber auch im Marmal-Gebirge an der Grenze zu China. „Die meisten Menschen, die ich getroffen habe, waren froh, dass wir gekommen sind, um zu helfen“, so der 67-Jährige, der viele Jahre als ärztlicher Direktor in einem Kasseler Gefängniskrankenhaus gearbeitet hat. Immer wieder war er mit dem Hubschrauber mit einer Intensiveinheit für Schwerverletzte und dem Krankenflugzeug mit 24 Intensiv- und 48 Nichtintensivplätzen unterwegs. Aber auch im gepanzerten Lkw Richtung Kabul. Wüste und Gebirge – das war sein Einsatzgebiet. Dabei gab es auch immer wieder riskante Situationen. So wurde er nach einer medizinischen Sprechstunde vom Dorfältesten gewarnt, dass auf seiner Fahrstrecke ins Camp eine Mine gelegt worden sei. Der Afghane schickte seinen Sohn mit, der Lutz-Dettinger sicher an sein Ziel führte.

„Die Menschen, denen ich begegnet bin, waren sehr froh, dass der Westen beim Aufbau des Landes hilft“, berichtet der Mediziner von seinen beiden Aufenthalten am Hindukusch. „Deshalb sind die vergangenen zwanzig Jahre auch nicht umsonst gewesen“, ist der verheiratete Vater zweier Kinder und dreifache Großvater sicher.

Vor allem die Frauen konnten ein vergleichsweise normales Leben führen, zur Schule gehen und eine Ausbildung absolvieren. „Das ist jetzt alles in großer Gefahr“, so der Notfall-Mediziner. Die Fotos von Talibanmilizen, die Bilder von Frauen auf den Straßen weiß übertünchten, seien ein Symbol für die Rolle rückwärts, die Afghanistan nun erlebe.

Große Sorge um Mädchenschule

In großer Sorge ist der Afghanistankenner auch um die Atefa-Mädchenschule im Ort Estalef nördlich von Kabul. Seit 20 Jahren engagiert er sich auch finanziell für das Projekt, in dem Mädchen unterrichtet werden. Doch jetzt ist die Schule geschlossen. Rolf Scholten, Schatzmeister des Unterstützervereins Eschan berichtet, dass es nicht mehr möglich gewesen sei, Spendengelder von den Banken in Kabul abzuheben und vor dem Zugriff der Taliban zu retten. Dennoch sei nicht alles umsonst gewesen. 20 Jahre lang hätten viele Hundert Mädchen eine schulische Ausbildung erhalten, was es vorher noch nie in Estalef gegeben habe. Über 150 junge Frauen hätten einen Beruf erlernt, sind Lehrerinnen, Hebammen, Ärztinnen.

„Auch wenn ihre beruflichen Möglichkeiten eingeschränkt werden oder sie nicht mehr arbeiten können, haben sie Kenntnisse und Fähigkeiten erlangt, die sie in ihren Familien und ihrem Umfeld nutzen können“, schreibt Scholten an die Vereinsmitglieder „Viele von ihnen haben ein neues Selbstbewusstsein erlangt.“ Dies sieht auch Lutz-Dettinger so. Dennoch erwartet er jetzt einen Exodus der gut ausgebildeten Frauen aus dem Land.

Flüchtlinge aufnehmen

„Wer kann, wird Afghanistan verlassen“, ist sich der 67-Jährige sicher. In den kommenden Wochen würden sich Massen über den Iran in die Türkei aufmachen, um dort vor den Taliban Zuflucht zu finden. „Der Iran wird einen Korridor bilden, über den die Afghanen aus dem Land flüchten können“, so der Notarzt. Die Wege über Tadschikistan und Usbekistan seien versperrt. „Man darf gespannt sein, wie die Türkei mit dem zusätzlichen Flüchtlingsstrom umgehen wird“, so Lutz-Dettinger. Denn dort seien ja schon Millionen Flüchtlinge aus Syrien gestrandet. „Es liegt jetzt an uns, die Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen“, sagt er auch mit Blick auf die dramatischen Szenen, die sich am Flughafen in Kabul abspielten, wo auch deutsche Ortskräfte auf ihre Ausreise hofften. „Wir sind es diesen Menschen schuldig, sie nicht im Stich zu lassen“, so der ehemalige Bundeswehr-Arzt.

Er kann überhaupt nicht verstehen, warum die afghanische Armee den Taliban kampflos das Feld überlassen hat. „Aber die Truppen waren der korrupten Regierung gegenüber nie loyal.“ Trotzdem habe die Armee eine deutliche militärische Übermacht besessen. „Offenkundig wurde ihr Vormarsch heimlich von wichtigen Stellen in der Generalität toleriert.“

Ein Hort für Terroristen

Aber man dürfe sich keine Illusionen über die Entwicklung machen. Auch wenn die Talibanführung jetzt eine Generalamnestie für de Regierungsmitglieder angeboten habe und es in den Straßen relativ ruhig zuginge: „Das sind übelste Terroristen, die vor nichts zurückschrecken“, so seine Erfahrung. Wenn man die Taliban gewähren lasse, dann würde das Land auch zu einem Auffangbecken für andere islamistische Terrorgruppen. „Es würde mich nicht wundern, wenn der Islamische Staat sich in Afghanistan wieder sammeln könnte, um in anderen Ländern Angst und Schrecken zu verbreiten.“

Dennoch sei er sich nicht sicher, ob die Menschen sich alles von den Islamisten gefallen ließen. „Vielleicht waren die vergangenen 20 Jahre, die Erfahrung der Freiheit dann doch nicht umsonst“, so seine Hoffnung. „Aber für Widerstand gegen die Taliban braucht es unendlich viel Mut.“

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