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Prävention

„Das Opfer trägt niemals die Schuld“

Frauen lernen in Workshops der Polizei das richtige Verhalten bei brenzligen Situationen in der S-Bahn

Workshop in der S-Bahn: Kriminalhauptkommissarin Andrea Glück (stehend) gibt Frauen Tipps und Ratschläge.Foto: Holm Wolschendorf
Workshop in der S-Bahn: Kriminalhauptkommissarin Andrea Glück (stehend) gibt Frauen Tipps und Ratschläge. Foto: Holm Wolschendorf

marbach. Martina R. passiert es samstagabends in der S-Bahn von Stuttgart nach Marbach. Der Zug leert sich immer mehr, plötzlich ist sie allein im Abteil. Der Mann, der am Favoritepark einsteigt, setzt sich genau neben sie „und wurde sofort zudringlich“. Auch wenn Vorfälle wie dieser in Relation zur Zahl der S-Bahnfahrgäste in der Region Stuttgart vergleichsweise selten sind, so tragen sie doch zu einem sinkenden Sicherheitsgefühl bei. Darauf reagiert die Polizei mit dem Aktionstag „Zivilcourage“ und legt gestern in Marbach einen besonderen Schwerpunkt auf die Sicherheit in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Neben allgemeinen Informationen zum richtigen Verhalten in schwierigen Situationen (siehe Text unten) organisiert das Referat Prävention des Polizeipräsidiums Ludwigsburg zwei Workshops speziell für Frauen. Dazu stellt die Deutsche Bahn am Marbacher Bahnhof eine S-Bahn zur Verfügung, denn drei Gewaltschutztrainer zeigen den 25 Teilnehmerinnen, wie sie sich in übergriffigen Situationen in Bahnen oder Bussen am besten verhalten oder sich gegen zudringliche Mitreisende wehren können.

438 Sexualstraftaten hat die Polizei im vergangenen Jahr im Landkreis Ludwigsburg registriert, 161 davon spielten sich im öffentlichen Raum ab. Die Statistik, sagt Kriminalhauptkommissarin und Präventionsexpertin Andrea Glück, könne also das sinkende Sicherheitsgefühl nicht bestätigen. Dennoch wolle die Polizei mit den Workshops gerade Frauen, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind, etwas mehr Sicherheit vermitteln.

Andrea Glück legt bei ihren Tipps den Fokus auf die Risikovermeidung. Zwar gelte der Grundsatz „Das Opfer trägt niemals die Schuld“, dennoch sei es hilfreich, ein gewisses Gefahrenbewusstsein zu entwickeln, um möglichst erst gar nicht zum Opfer zu werden. Wichtig sei es, „sich gedanklich vorzubereiten, zu überlegen, was passieren und was ich tun könnte“, so die Kommissarin. Wer Handlungsoptionen durchspiele, sei im akuten Fall handlungsfähiger.

Die Polizeibeamtin rät, gerade auch in der Bahn die Umgebung, die Mitreisenden zu beobachten und auf das Bauchgefühl zu achten. „Wenn mir etwas komisch vorkommt, wenn ich zum Beispiel merke, dass jemand betrunken ist, setze ich mich an einen anderen Platz. Eine S-Bahn ist 70 Meter lang“, verdeutlicht sie eine Handlungsoption.

Markus Volzer, regionaler Securitymanager bei der Deutschen Bahn, verweist nicht nur auf die Sprechstellen an den Türen, sondern auch auf die Videokameras, die in allen S-Bahnwaggons an den Decken montiert sind und permanent das Geschehen aufzeichnen. 72 Stunden lang kann die Bundespolizei als für die Bahn zuständige Instanz auf die Aufnahmen zugreifen.

Von einer Bewaffnung, womit auch immer, rät Andrea Glück übrigens eindringlich ab. Zum einen bestehe das Risiko, dass der Angreifer Pfefferspray oder Messer in die Hände bekommt und dann gegen sein Opfer einsetzt, zum anderen „ist die richtige Handhabung in einer Situation voller Angst und Adrenalin für einen ungeübten Menschen nahezu unmöglich“, so die Kommissarin.

Das gelte noch mehr für Schreckschusspistolen, für die außerdem ein kleiner Waffenschein erforderlich ist. „Diese Pistolen sind auf den ersten Blick von scharfen Waffen nicht zu unterscheiden und können zu einer Eskalation der Gewalt beitragen“, warnt Andrea Glück.

Entschlossenheit und der richtige Griff

bringen auch einen 90-Kilo-Mann zu Boden

Holger ist ein großgewachsener Kerl, durchtrainiert, Glatze. Ein Typ, von dem frau sich definitiv lieber beschützen als angreifen lassen würde. Doch für den Workshop „Sicher. Unterwegs – Frauen im ÖPNV“ mimt der Gewaltschutztrainer den bösen Buben, der grapschen oder Schlimmeres will. Doch bevor er zeigt, welche Griffe richtig wehtun können, schärft er der Gruppe ein: „Eine körperliche Auseinandersetzung ist das letzte Mittel der Wahl und soll vor allem die Möglichkeit schaffen, abzuhauen oder andere auf das Geschehen aufmerksam zu machen.“

Selbstbehauptung beginnt im Kopf. Elementar deshalb: Die Situation in der S-Bahn scannen, bevor man sich hinsetzt. Wichtig: Am besten in der Nähe einer Tür, denn dort sind die Sprechstellen angebracht, mit denen man Kontakt zum Lokführer aufnehmen kann. Wird der Knopf gedrückt, ertönt übrigens ein lautes Signal, das auch andere Bahnfahrer auf eine besondere Situation aufmerksam macht. Die Stimme des Lokführers ist ebenso im gesamten Abteil zu hören. Genauso wichtig ist es, erklärt Holger, sich als Frau möglichst nicht ans Fenster, sondern an den Gang zu setzen, das verringert das Risiko, von einem oder mehreren Angreifern eingekeilt zu werden, der Fluchtweg ist schneller erreicht.

Doch dann schlägt die Stunde der Wahrheit, Holger gibt den Grapscher und erklärt vor der praktischen Übung, wie ein solcher Übergriff beendet werden kann. Beide Hände fixieren die Hand des Angreifers auf der Brust, eine packt das Handgelenk, und dann kommt es eigentlich nur auf den richtigen Hebel und ausreichend Entschlossenheit an – dann liegt der 90-Kilo-Mann auf dem Boden und reibt sich grinsend den Arm.

Alle Frauen, denen es mit Hilfe von Holgers Tipps gelingt, den Arm abzuschütteln, der plötzlich ungefragt um die Schulter gelegt wird, oder die Hand vom Oberschenkel zu bekommen, reagieren gleich: mit ungläubigem Staunen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich so was hinbekomme“, sagt Britta. Das ist ein gutes Gefühl, findet sie, und allein dafür habe sich der Workshop gelohnt. (fri)

Zivilcourage heißt auch

Hilfe organisieren

Jeder, der in eine gefährliche Situation gerät, hofft darauf, dass andere ihm helfen. Unter dem Motto „Zivilcourage zeigen“ gibt die Polizei dafür folgende Tipps:

Helfen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Manchmal reicht es schon, laut zu sagen „Hören Sie auf!“ oder dem Täter zu zeigen, dass er beobachtet wird.

Andere aktiv und direkt zur Mithilfe auffordern, und zwar durch gezielte Anrede wie „Sie mit der blauen Jacke, helfen Sie mir bitte“ oder „Sie in dem bunten Kleid, holen Sie die Polizei.“ In der S-Bahn kann auch über die Sprechstellen an den Türen der Lokführer informiert werden.

Die Polizei unter Notruf 110 alarmieren.

Sich um Opfer/Verletzte kümmern bis professionelle Hilfe eintrifft und auch dafür Unterstützung durch direkte Ansprache anderer organisieren.

Als Zeuge aussagen. Kommt es zu einer Straftat, ist die Polizei auf Aussagen von Zeugen angewiesen, um das Geschehen aufzuklären. (fri)

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