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Den Metermichel gibt’s wirklich nur einmal

Wölfe und Wolfsjäger, Kropfschellen und auch der Metermichel tummeln sich an diesem Wochenende in Gerlingen und treiben ihren Schabernack. Zwei Tage lang verwandelt sich die Stadt in eine Hochburg der schwäbisch-alemannischen Fasnet. Mehr als 5000 Narren und voraussichtlich 15 000 Zuschauer werden dem Höhepunkt, dem großen Umzug am Sonntag, zuschauen. Dieses Spektakel und das weitere Programm am Samstag und Sonntag verlangen einiges an Vorbereitung.

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Uli Theurer (links) und Jürgen Zeiher wissen alles über die lustigen und spannenden Geschichten, die hinter der Entstehung der Gerlinger Masken stecken. Foto: Fotos: Karin Rebstock
Ludwigsburg. Uli Theurer und Jürgen Zeiher vom Frohen Faschingsclub Gerlingen sind schon seit dem vergangenen März mit den Vorbereitungen beschäftigt. „Wir sammeln erst einmal alles, was wir an dem Wochenende brauchen, in unserem Vereinsheim. Grills, Glühweintöpfe, Servietten und so weiter“, sagt Zeiher, hinter dem sich die Kartons und Kisten türmen. Der Schatzmeister des Frohen Faschingsclubs Gerlingen kam vor etlichen Jahren über seine inzwischen erwachsenen Töchter in den Verein und blieb beim Fasching, als die Kinder irgendwann nicht mehr in der Garde tanzten.

Überhaupt hat der Verein kein Nachwuchsproblem. In den Garden sind gut 30 Kinder aktiv, das jüngste ist zwei Jahre alt. Das älteste Mitglied zählt 86 Jahre. Mit den meisten Vereinsjahren kann aber der deutlich jüngere Theurer glänzen. Er wurde vor 44 Jahren von einem Arbeitskollegen, der zu den Gründern des Vereins gehörte, angeworben. „Du hast doch auch Spaß an der Freud‘“, sagte dieser damals zu Theurer.

In einem zwölfköpfigen Team haben Zeiher und Theurer nun das 36. Landesnarrentreffen, das zum fünften Mal in Gerlingen stattfindet, geplant. Knapp Hundert weitere Brauchtumsvereine zeigen bei dem Treffen ihre Kostüme und ihr Können. Die Brauchtumsvereine, erklären die beiden, sind diejenigen, die verkleidet auf die Straße gehen. Der Karneval spielt sich mehr in den Hallen ab. Mit einem närrischen Abend in der Stadthalle am Samstag bietet der Verein aber auch ein Karnevalsprogramm an, das schon eher in die rheinische Tradition passt. „Wir haben bei uns eine Schnittstelle zwischen schwäbisch-alemannischem Brauchtum und rheinischem Karneval“, sagt Zeiher.

Auf dem Tisch liegen die Masken des Vereins, von jeder ein Exemplar. Vier Charaktere gibt es bei den Gerlingern, die sonst so verbreitete Hexe findet man nicht darunter. Der ehemalige Maskenmeister Theurer kann erklären, warum: „Die Masken haben immer einen historischen Bezug. Da für Gerlingen aber keine Hexengeschichte und kein Hexenprozess überliefert sind, haben wir eben keine.“ Dafür hat Gerlingen andere interessante Figuren. Ganz speziell ist die Kropfschelle. Die Figur geht auf einen Schmähnamen zurück, der den Gerlingern in früheren Zeiten verpasst wurde: Da das Brunnenwasser der Gegend sehr jodarm war, waren Kröpfe in Gerlingen keine Seltenheit und sorgten für Spott.

Nur ein einziges Exemplar gibt es von der Symbolfigur des Vereins, dem Metermichel (Bild rechts). Als 1872 der Meter als amtliches Maß eingeführt wurde, wollte der historische Michel wohl alles, sogar sein Bier, in Metern bestellen. Bislang trägt Theurer die Metermichel-Maske. Möchte er sie irgendwann nicht mehr, kann sich ein anderes Mitglied um die Maske, die für mehrere hundert Euro von einem Maskenschnitzer hergestellt wurde, bewerben.

Am närrischen Wochenende sind dann deutlich mehr Personen als das Dutzend aus der Planungsgruppe von früh bis spät beschäftigt. Vom Essen bis hin zum Bühnenprogramm sind nicht nur die eigenen Vereinsmitglieder, sondern auch Helfer befreundeter Vereine eingespannt. Auch wenn nicht gerade ein großes Landesnarrentreffen in Gerlingen ansteht, sorgt der aus etwa 180 Mitgliedern bestehende Verein am närrischen Wochenende für ein großes Fest. „Unser Programm sieht dann sehr ähnlich aus. Es ist bloß alles etwas kleiner gehalten“, sagt Theurer. Was es zum Beispiel nur alle paar Jahre zum Landesnarrentreffen gibt, ist die Narrenmesse. Sie findet am Samstag in der Petruskirche statt. „Es ist alles etwas unterhaltsamer gestaltet als sonst in der Kirche üblich. Es treten dann auch Guggenmusiker auf. Aber trotzdem ist es ein richtiger Gottesdienst“, erklärt Theurer.

Wenn das Landesnarrentreffen geschafft ist, geht es noch bis zum Aschermittwoch weiter mit der Fasnet. Einmal hilft der Verein dann noch in Iptingen mit, ansonsten gehen die Aktiven nur als Besucher zu anderen Umzügen. Am Aschermittwoch selbst wird die Fasnacht dann mit einem Heringsessen verabschiedet.

Außerhalb der Faschingszeit engagieren und treffen sich die Mitglieder des Vereins ebenfalls. Die Narren helfen beim Straßenfest und beim Ditzinger Maislabyrinth oder machen gemeinsame Ausflüge. Einmal im Jahr veranstalten sie ein Weißwurstessen. Der Erlös daraus wird für einen guten Zweck gespendet. Vergangenes Jahr konnten so 20 Geschenke für die Aktion Weihnachtsbaum finanziert werden.