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Der drohenden Gefahr begegnen

Die Unwetter der vergangenen Woche haben Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz mit voller Wucht getroffen. Auch im Landkreis Ludwigsburg sind extreme Wetterereignisse mit Starkregen und Hochwasser nicht auszuschließen. „Wir können solche Katastrophen nicht verhindern, ihnen aber begegnen“, sagt Andy Dorroch, Kreisbrandmeister und Leiter des Fachbereichs Bevölkerungsschutz im Landratsamt Ludwigsburg

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Foto: Ramona Theiss/LKZ
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Foto: Ramona Theiss/LKZ
Überschwemmungen in der Ditzinger Realschule, in Steinheim und im Vaihinger Stadtteil Roßwag (im Uhrzeigersinn). Die Gefahr von Starkregen und Hochwasser steigt. Auch im Landkreis Ludwigsburg werden viele Vorsorgemaßnahmen getroffen. Archivfotos: Ram
Überschwemmungen in der Ditzinger Realschule, in Steinheim und im Vaihinger Stadtteil Roßwag (im Uhrzeigersinn). Die Gefahr von Starkregen und Hochwasser steigt. Auch im Landkreis Ludwigsburg werden viele Vorsorgemaßnahmen getroffen. Foto: Ramona Theiss/LKZ

Kreis Ludwigsburg. Viele Menschen werden sich noch daran erinnern, als 1993 im Vaihinger Stadtteil Roßwag die Enz nach einem Dammbruch den halben Ort überflutete. Andere denken an den Sommer 2010 zurück, als die Glems über die Ufer trat und Gebiete im Strohgäu überschwemmte. Unliebsam auch die Erinnerungen an den Januar 2011, als die Murr in Steinheim übertrat und das Kleeblatt-Pflegeheim sicherheitshalber evakuiert wurde. „Wenn schwere Unwetter nur langsam vorüberziehen und eine hohe Menge Wasser mitbringen, gibt es große Probleme“, sagt Andy Dorroch. Eine genaue Vorhersage, wo der Starkregen besonders heftig ausfällt, sei nicht möglich, zumal die Unwetter „eine sehr kurze Vorwarnzeit aufweisen“. Deshalb gebe es im gesamten Landkreis auch keine speziell ausgewiesenen Risikogebiete. Gefahr drohe bei Starkregen insbesondere durch die Geländestruktur. In den hiesigen Hügellandschaften fließe das Wasser vor allem außerhalb von Bächen und Flüssen auf der Geländeoberfläche ab, was schlicht als Sturzfluten bezeichnet wird. Einige Kommunen verfügen daher bereits über Starkregengefahrenkarten. Dazu gehören laut Dorroch die Glems-Anrainerkommunen sowie Bietigheim, Vaihingen, Steinheim und Tamm. Bei Hochwasserlagen gehen die Überschwemmungen von fließenden Gewässern aus. Dabei werden aus Bächen schnell reißende Flüsse. Hochwassergefahrenkarten würden zeigen, welche Auswirkungen alle 10, 50 oder 100 Jahre auf die Städte und Gemeinden zukommen können. „Wenn aber 250 Liter Regenwasser auf einem Quadratmeter niederprasseln, wird jeder Feldweg zu einem reißenden Fluss“, sagt Dorroch.

Um besiedelte Gebiete und Einrichtungen der kritischen Infrastruktur zu schützen – dazu gehören Stromversorger ebenso wie Wasserversorger und -entsorger, Kliniken und die integrierte Rettungsleitstelle – stecken die Kommunen viel Geld in Retentionsflächen wie es sie zwischen Freiberg und Ingersheim am Neckar gibt. Auch in Regenrückhaltebecken wird investiert. So befinden sich derzeit zwei Becken mit einem Fassungsvermögen von je 120000 Litern, die im Prevorster Tal und im Kurzacher Tal entstehen sollen, im Planfeststellungsverfahren, wie Ralf Zimmermann, Bürgermeister in Großbottwar, auf Anfrage unserer Zeitung mitteilt. Innerörtliche Abflussmulden, der Umbau von niedrigen Brücken sowie das Beseitigen von Durchflusshindernissen wie Mauern, Zäune und Verdolungen seien weitere wichtige Maßnahmen, sagt Kreisbrandmeister Andy Dorroch. Im Landkreis Ludwigsburg fänden schon lange Planungen und Übungen zu den kritischen Bereichen statt. Einen großen Impuls hinsichtlich der Planung habe das Hochwasser 2010 in den Gemeinden im Strohgäu und Umgebung gegeben.

Hinsichtlich etwaiger Starkregenereignisse und Hochwasser sieht sich der Katastrophenschutz des Landkreises daher gewappnet. Dazu trage auch die technische Ausstattung bei. Für die ergänzende Hilfe wurden beispielsweise für die Feuerwehren im Landkreis zwei Abrollbehälter Hochwasserschutz beschafft. Diese sind flexibel in besonders betroffenen Bereichen einsetzbar und haben sich bereits mehrfach bewährt, beispielsweise in Affalterbach-Wolfsölden oder Remseck. In Schwieberdingen, Remseck und Kirchheim seien mobile Hochwasserdämme angeschafft worden, die zusammengefügt über eine Strecke von 800 Metern rund 100000 Sandsäcke ersetzen.

Und wie ist es um die Alarmierung der Bevölkerung bestellt? Er setze auf einen breiten Informationsmix, sagt Andy Dorroch. „Wir warnen bei besonderen Schadenereignissen mit der Warn-App Nina und empfehlen jedem Bürger dringend, diese zu installieren.“ Dabei räumt der Kreisbrandmeister ein, dass Smartphones schnell nicht mehr funktionieren, wenn Mobilfunkmasten wegen Stromausfalls nicht mehr sendet. Sirenen seien für den Katastrophenfall nur bedingt nutzbar, da diese nur noch im Bereich von Kernkraftwerken betrieben werden müssen. Weitere Möglichkeiten seien Durchsagen per Radio und Lautsprecher sowie die direkte Warnung von Tür zu Tür. Die Anschaffung von modernen, mit Notstrom versorgten elektronischen Sirenen, wie sie im Notfall beispielsweise in Nürnberg zum Einsatz kommen, könnten einen weiteren Baustein darstellen. „Die Sirenen sind nicht tot, sondern erfahren eine Wiederbelebung“, stellt Andy Dorroch fest.

Eine besondere Bedeutung kommt im Katastrophenfall auch der Integrierten Rettungsleitstelle (ILS) des Landkreises Ludwigsburg zu. Dort stehen bis zu 20 Abfrageplätze zur Notrufannahme bereit. Melden sich zeitgleich 100 Bürger, müssen demnach mindestens 80 warten. „Diese Situation erleben wir bereits jetzt bei Unwetterlagen, wenngleich das Personal in der Leitstelle einen herausragenden Job macht. Wir erhoffen uns vom geplanten Leitstellengesetz, das die Landesregierung auf den Weg bringen möchte, ganz wichtige Impulse für eine bessere Vernetzung der Leitstellen im Katastrophenfall“, sagt Dorroch.

Wie schnell der Bevölkerung im Notfall geholfen werden kann, hänge von vielen Faktoren ab. Sind die Straßen befahrbar? Ist Rettung aus der Luft möglich? Wie viele Notfälle liegen zeitgleich vor? Die Priorisierung erfolge bei der Notrufannahme in der ILS. Für notwendige Evakuierungsmaßnahmen stehen Sport- und Festhallen der Kommunen zur Verfügung, die mit Mobiliar des Bevölkerungsschutzes ausgestattet werden.

Vom Gemeinschaftskernkraftwerk (GKN) Neckarwestheim scheint im wetterbedingten Katastrophenfall keine Gefahr auszugehen. „Das GKN ist gegen das 10000-jährliche Hochwasser ausgelegt. Daher gab es durch Starkregen- und Hochwasserereignisse keine sicherheitstechnischen Beeinträchtigungen. Das erwarten wir bei dieser Auslegung auch künftig nicht“, teilt das Umweltministerium auf Anfrage unserer Zeitung mit. Durch die Regulierung des Neckars mit Staustufen lasse sich der Pegelanstieg des Flusses auch bei Hochwasser relativ gering halten. Nur die Abflussmenge erhöhe sich. Eine spezielle Untersuchung im Jahr 2003 habe ergeben, „dass die vorhandenen Auslegungsreserven der sicherheitstechnisch wichtigen baulichen und maschinentechnischen Einrichtungen auch extreme Witterungseinflüsse abdecken“, teilt das Ministerium weiter mit.

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