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Der Wolf – ein beherrschbares Risiko?

Im März 1847 wurde auf Sachsenheimer Markung der letzte Stromberg-Wolf erlegt. Er soll, so heißt es auf dem Gedenkstein am Rennweg bei Spielberg, über 50 Schafe gerissen haben. 171 Jahre später ist der Wolf zurück im Kreis Ludwigsburg – vorerst nur als Durchreisender. Eine Bereicherung – oder eine Gefahr? Wir sprachen mit dem Grünen-Landtagsabgeordneten und Nabu-Wolfsbotschafter Markus Rösler.

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Wer aus Angst vor dem Wolf nicht allein in den Wald geht, hat Angst vor dem falschen Tier, sagt Markus Rösler. Foto: Ramona Theiss

Ludwigsburg. Herr Rösler, wo kommen die in Baden-Württemberg gesichteten Wölfe eigentlich her?

Markus Rösler: Baden-Württemberg ist in dieser Hinsicht besonders interessant. Bei uns und in Bayern kommen die Tiere sowohl aus der alpinen Population, vor allem aus dem sogenannten Calanda-Rudel in der Schweiz, als auch aus der mitteleuropäischen Flachland-Population, also aus dem Raum zwischen Niedersachsen, Sachsen und Westpolen. Früher oder später werden sich diese beiden Populationen hier bei uns vermischen.

 

Sie haben recherchiert, dass die drei zuletzt bei Sersheim, Widdern bei Heilbronn und im Odenwald festgestellten Wölfe in großer Nähe zu den Revieren der letzten, vor 150 und mehr Jahren hier erschossenen, Wölfe festgestellt wurden. Ist das bloßer Zufall?

Die Doppelungen sind so zahlreich, dass man an einem Zufall zweifeln muss. Sowohl im Odenwald als auch in Jagsttal und Stromberg sind in es keine 20 Kilometer Abstand zu den Stellen, wo die letzten drei Wölfe Baden-Württembergs hier erschossen wurden. Hinweise auf dieses Phänomen hatte ich schon 1990 von einem Freund erhalten, der dasselbe für Wölfe und andere große Säugetiere für das Gebiet der DDR und Polen rekonstruiert hat. Vielleicht liegt das an bestimmten Feld- und Waldverteilungen, irgendwelchen Feldmarken oder Landschaftsformen, die Wölfen besonders interessant erscheinen.

 

Das heißt, dass sich der Wolf dann auch wieder hier bei uns ansiedeln dürfte?

Er wird sich in Baden-Württemberg sicher wieder ansiedeln. Wo genau, wird Zufall sein, nämlich dort, wo ein junger Wolf auf eine junge Wölfin trifft. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eines der ersten Rudel Baden-Württembergs im Stromberg ansiedelt, ist eher gering. Aber möglich ist das.

 

Ist unsere Landschaft in einem waldarmen und stark zersiedelten Raum wie dem Kreis Ludwigsburg denn überhaupt als Aufenthaltsort für Wölfe geeignet?

Der Wolf ist seit Jahrtausenden ein Kulturfolger. Das Bundesamt für Naturschutz hat in einer Habitat-Eignungskarte untersucht, welche Lebensräume im Deutschland von heute mit über 80 Millionen Einwohnern, mit oft großflächigen Ackerkulturen und zahlreichen Verkehrswegen für Wölfe geeignet sind. Dabei wurden bundesweit etwa 440 Reviere in Flächengrößen von 15 000 bis 35 000 Hektar festgestellt. 15 000 bis 35 000 Hektar – das entspricht einmal dem gesamten Stromberg-Heuchelberg. Von diesen 440 Revieren liegen deutlich weniger als zehn Prozent in Baden-Württemberg, eben wegen der hohen Besiedlung und Zerschneidung der Landschaft bei uns.

 

Von welchen Zahlen sprechen wir denn im Blick auf Rudel und Individuen?

440 Reviere würden 440 Rudel bedeuten. Wobei 2019 eine neue Habitat-Eignungskarte erscheinen wird, die nach meinen Kenntnissen mehr theoretisch geeignete Reviere aufweisen wird. Wichtig ist die Anmerkung, dass es sich dabei nicht um Zielsetzungen oder Planungen handelt, sondern um eine rein beschreibende, wissenschaftlich-ökologische Karte unserer heutigen Kulturlandschaft und ihrer Eignung als Wolfslebensräume. Die Zahl der in dieser Kulturlandschaft als Wolfshabitat geeigneten Räume dürfte auf über 500 ansteigen. Für Baden-Württemberg gibt es daher langfristig betrachtet und rein theoretisch eine Eignung für mehr als zehn, aber wohl auch deutlich weniger als 30 Rudel. Ein Wolfsrudel besteht in Europa im Regelfall aus sechs bis zehn Tieren.

 

Das Image des Wolfs ist seit den Tagen der Brüder Grimm nicht besonders gut…

Das Image des Wolfs ist nach allen Umfragen, die wir kennen, gar nicht so schlecht, wobei es ein starkes Stadt-Land-Gefälle gibt. Die Mehrzahl der Bevölkerung sagt sogar, sie freue sich, wenn wieder Wölfe hier lebten. Es gibt aber sowohl auf der Seite der Wolfsgegner als auch auf der der Wolfsfreunde ziemlich kleine, aber lautstarke und teils radikale Minderheiten. Die übertönen die weit überwiegende Mehrheit der Menschen, die vernünftig mit der Rückkehr der Wölfe umgehen.

 

Wie können Sie das belegen?

Durch viele Rückmeldungen genauso wie durch jede meiner Veranstaltungen – und das sind viele. Da sind immer auch Schäfer, Jäger, Förster, Natur- und Tierschützer dabei. Besonders interessant ist Folgendes: Es gibt Schäfer mit viel Wolfserfahrung, die gelernt haben, dass ein stabiles Wolfsrudel in ihrer Region berechenbar und daher vorteilhaft ist, darunter Frank Neumann aus Sachsen. Er war als erster deutscher Schäfer von einem Wolfsriss – und dies gleich massiv mit 22 Tieren – betroffen. Doch sagt er heute, dass ein stabiles Wolfsrudel den Herdenschutz mit Zäunen und Hunden akzeptiert und durchreisende Jungwölfe wegbeißt.

 

Deshalb zurück zu den Grimm’schen Märchen – zu den sieben Geißlein und zum Rotkäppchen. Wie gefährlich ist der Wolf denn für die Geißlein? Und was habe ich mir unter einem funktionierenden Herdenschutz vorzustellen?

Elektrozäune und Herdenschutzhunde! Je länger Schäfer mit dem Wolf umgehen und je besser sie ihn kennen und wissen, wie sie mit ihm umzugehen haben, desto besser wissen „beide Seiten“, wie die Spielregeln sind. Herdenschutz kann erfolgreich sein – das zeigen Schäfereien mit unterschiedlich großen Herden zwischen 50 und 2000 Tieren nicht nur in Sachsen, sondern auch in Niedersachsen, in der Schweiz, in Italien, Portugal… Interessant ist schon: In allen Regionen Europas, in denen Wölfe das 20. Jahrhundert überlebt haben – Karpaten, Abruzzen, Spanien und Portugal, Balkan –, hat genau in denselben Regionen auch Weidetierhaltung überlebt. Koexistenz von Weidetieren und Wölfen war und ist also überall die Realität. Wer anderes erzählt, will diese Realität offensichtlich nicht wahrhaben.

 

Das Risiko ist also beherrschbar?

Es ist ein Risiko da – und es ist ein Konflikt da! Das ist mir ganz wichtig: Der Wolf ist ein gefährliches Raubtier und kein Kuscheltier! Er frisst, was er am leichtesten kriegen kann. Seine Hauptnahrung bei uns sind, zu über 50 Prozent, Rehe. Wir haben extrem hohe Wildbestände. Das ist vermutlich eine Hauptursache seiner schnellen Ausbreitung. Natürlich gehören Schafe und Kühe – da bin ich für sehr klare Worte, weil es Leute gibt, die das fälschlicherweise leugnen – zu den potenziellen Beutetieren des Wolfes. Als in Portugal die Herdenschutzmaßnahmen für Schafherden massiv verstärkt wurden, sank die Zahl der Schafsrisse in kurzer Zeit um 70 Prozent, aber die Risse bei Rindern stiegen an. Jetzt gibt es auch eine staatliche Förderung von Herdenschutzhunden bei Kühen – worauf der Wolf wieder vermehrt Wildtiere jagt.

 

Nun spaziert Rotkäppchen auch mal alleine und ohne Hund durch den Wald. Wie gefährlich ist der Wolf für Menschen?

Man kann Angriffe von Wölfen auf Menschen nicht zu 100 Prozent ausschließen – insbesondere wenn sie vorher angefüttert wurden, was auf dem Truppenübungsplatz Munster in Niedersachsen ja offensichtlich der Fall war. Alles andere wäre gelogen. Aber zu 99,99 Prozent gehört der Mensch nicht zum Beutespektrum des Wolfes. Niemand kann es also vollkommen ausschließen. Aber wenn wir beide in den Wald gehen, dann ist die Gefahr, dass wir von einem Wildschwein oder einem wildernden Hund angefallen werden, deutlich höher. Wenn eine Joggerin allein durch den Wald läuft und dabei Angst vor dem Wolf hat, dann hat sie Angst vor dem falschen Tier. Das gilt auch für Kinder.

 

Und wie ist mit einem Wolf umzugehen, der gleichwohl regelmäßig Tiere reißt und sich als gefährlich erweist?

Wenn er sich nicht vergrämen lässt: abschießen – auf Basis des berühmten Paragrafen 45 Bundesnaturschutzgesetz.

 

Die von Ihren Koalitionspartner – in Person von Landwirtschaftsminister Peter Hauk – verlangte Unterstellung des Wolfes unters Jagdrecht braucht es gar nicht?

Nein. Der Wolf ist auf internationaler, EU- und nationaler Ebene streng geschützt. Das können wir auf Landesebene mit Jagdrecht überhaupt nicht ändern. Schon jetzt dürfen wir auf der Basis des Naturschutzrechts gefährliche Tiere abschießen, wie den Wolf Kurti in Niedersachsen, den „Problembären“ Bruno in Bayern oder ganz aktuell die Wolfshybriden in Thüringen. Das geht übrigens schneller und unbürokratischer, als wenn der Wolf auf Landesebene unter das Jagdrecht gestellt würde, weil dann zwei Behörden zugleich zuständig wären.

 

Herr Rösler, ein „Wolfskuschler“ sind Sie offenkundig nicht. Wie verstehen Sie Ihre Aufgabe als Nabu-Wolfsbotschafter?

Die zentrale Aufgabe ist die sachliche Information über den Wolf. Mein persönliches Anliegen ist zudem die intensive Unterstützung der Weidetierhalter – wo es nur geht. Die sind wichtige Partner des Naturschutzes, die wir sowohl für die Heiden bei Gerlingen und Markgröningen und Grünlandflächen im Kirbachtal und im Bottwartal brauchen, sowohl im Naturpark Stromberg-Heuchelberg als auch im Schwarzwald oder auf der Schwäbischen Alb. Deshalb muss die Gesellschaft sie unterstützen und dazu bereit sein, die finanziellen und rechtlichen Folgen zu tragen, wenn eine Mehrheit sagt, dass sie den Wolf bei uns wieder akzeptieren will. Dies gilt umso mehr, weil der Stundenlohn eines Schäfers deutlich unter dem Mindestlohn liegt, über den sonst in der Gesellschaft leidenschaftlich debattiert wird.