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Dicke Luft auf der Schillerhöhe

Mit der neuen Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach, Sandra Richter, schien frischer Wind in die etwas angestaubte Institution zu kommen. Doch nun regt sich Widerstand unter den Mitarbeitern. Was ist geschehen?

Traditionell ein heißes Pflaster: Das Deutsche Literaturarchiv – links das Literaturmuseum der Moderne, hinten das Schiller-Nationalmuseum – ist ein Ort der Debatte.Foto: Ramona Theiss
Traditionell ein heißes Pflaster: Das Deutsche Literaturarchiv – links das Literaturmuseum der Moderne, hinten das Schiller-Nationalmuseum – ist ein Ort der Debatte. Foto: Ramona Theiss
Sandra Richter. Archivfoto: Holm Wolschendorf
Sandra Richter. Foto: Holm Wolschendorf

Marbach. Als Sandra Richter zu Beginn des Jahres 2019 ihr Amt als neue Direktorin des Deutschen Literaturarchivs (DLA) antrat, waren die Erwartungen an die Mittvierzigerin von allen Seiten gewaltig: Die akademische Senkrechtstarterin, bis dato Professorin für Neuere Deutsche Literatur in Stuttgart, sollte die Institution mit ihren Museen gefühlt von der Vergangenheit in die Zukunft führen, die Außenwirkung verbessern, die Digitalisierung vorantreiben und nach der 14-jährigen Ära Ulrich Raulff für Aufbruchstimmung sorgen. Das schrieb sich auch die Germanistin selbst auf die Fahnen, die Marbach, dieses weltweit bedeutsame Gedächtnis der deutschsprachigen Literatur, schon bei ihrer feierlichen Amtseinführung im Februar vergangenen Jahres als eine „sich selbst notwendigerweise stetig reflektierende Einrichtung“ bezeichnete, in der die Auffassungen mitunter konkurrierten.

Es war wohl eine Art Vorahnung: Denn nun, nur eineinhalb Jahre später, hängt der Haussegen offenbar gewaltig schief. In einem internen Brief an das 20-köpfige Kuratorium der Deutschen Schillergesellschaft, seit jeher Trägerin des Literaturarchivs, beklagt die Betriebsratsvorsitzende des DLA, Ulrike Weiß, die „desolate Lage“ der traditionsreichen Institution, verbunden mit der Bitte, zu handeln. Der Umgang miteinander und die Atmosphäre ließen unter der neuen Leitung zu wünschen übrig. Bereits auf einer Personalversammlung im Frühjahr wurde ein schlechtes Arbeitsklima beklagt, so ist zu hören. Die Stimmung entzündete sich zunächst vor allem an zwei Personalien. So wurde im April 2019 die – allseits geschätzte – Verwaltungsleiterin Dagmar Janson ohne nähere Begründung freigestellt. Als unnötige, „drastische Maßnahme“ wird dies in Weiß’ Brief bezeichnet. Ebenfalls umstritten war in der Belegschaft die vorgezogene Rückkehr der zuvor noch unter Richters Vorgänger wegen angeblicher Verfehlungen beurlaubten Museumsleiterin Heike Gfrereis. Ob diese sich tatsächlich eines Fehlverhaltens gegenüber Mitarbeitern schuldig gemacht hatte oder ob sie schlicht mit Ex-Direktor Raulff über Kreuz lag, ist in der Nachbetrachtung umstritten.

Mit einem gewissen Argwohn wurde in der Belegschaft in den ersten zwölf Monaten zudem verfolgt, dass Sandra Richter ihren Erstwohnsitz mit ihrer Familie nach wie vor in Frankfurt hat. Sie sei zu wenig im Hause, hieß es, bisweilen wurde die Notwendigkeit einer Residenzpflicht angemahnt. Unterschwellig steht also die Frage im Raum: Nimmt Sandra Richter, die in ihrem Habitus stets zwischen studentisch und hochintellektuell zu pendeln pflegt, ihre Aufgabe etwa nicht ernst genug?

Diesem Eindruck tritt die Direktorin entschieden entgegen. „Dass es Kritik gab, hat mich nicht überrascht, wohl aber die Art und Weise“, erklärt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Im Laufe der Coronapandemie sei zu spüren gewesen, dass sich im Haus einiges aufgestaut habe, dass geplante Entwicklungen nicht so schnell vorangehen konnten, wie es gedacht war – etwa die Planung des dringend benötigten Erweiterungsbaus. Ihre regelmäßige Abwesenheit und die Probleme in der Abstimmung im Haus sieht sie in direktem Zusammenhang: „Für das DLA kann ich nicht nur in Marbach arbeiten, denn dazu gehören ja auch das Einwerben von Drittmitteln für Erwerbungen, Gespräche mit Mäzenen und Politikern, das Vertreten des Hauses nach außen“, sagt sie. Und das sei in ihrem ersten Jahr besonders notwendig gewesen. „Der Reformstau im Haus war merklich, weshalb ich mehr nach außen gehen, Stellen und Gelder für den Bau einwerben musste – manchmal zulasten der Kommunikation nach innen.“ Sie habe natürlich auch eine Wohnung in Marbach und sei „oft und regelmäßig“ im Archiv.

Mit Blick auf die beiden umstrittenen Personalien hält sie sich bedeckt, vor allem bei Verwaltungsleiterin Janson. „Dabei handelt es sich um eine Freistellung, zu der ich mich aus arbeitsrechtlichen Gründen nicht äußern kann“, so der knappe Kommentar. Will heißen: Ein Verfahren ist hier noch anhängig. Heike Gfrereis wiederum habe immer einen gültigen Arbeitsvertrag gehabt und sei nur beurlaubt gewesen. „Da die Stelle frei wurde, durfte sie wiederkehren“, so Richter. „Es wäre unsinnig gewesen, eine Vertretung zu suchen.“ Sie habe gewusst, dass es kritische Stimmen gab – aber die gebe es immer. „Über das, was in der Amtszeit meines Vorgängers liegt, steht es mir nicht zu, mir ein Urteil anzumaßen“, betont sie. „Wir wollten ihr einen Neuanfang ermöglichen.“

Nach den Erfahrungen der letzten Wochen will die Direktorin nun verstärkt das Gespräch suchen, schließlich sei die Situation belastend. „Das Haus ist sehr groß, mit sehr unterschiedlichen Bereichen, unterschiedlichen Erwartungen“, sagt sie. Die Diskussionen seien jetzt wichtig, „um aus einer solchen Krise gestärkt hervorzugehen“. Im September soll daher ein „Change-Management“ begonnen werden, ein Prozess, bei dem Abteilungsleiter, Betriebsrat, und Beschäftigte gemeinsam neue Konzepte für die Arbeit am DLA erarbeiten. Alles soll auf den Prüfstand.

Das Haus sei mit seinen mittlerweile 272Mitarbeitern in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen, betont Richter. „Ich merke, wie Vorstellungen deutlich werden, die möglicherweise schon viel früher einer Diskussion bedürft hätten.“ Zumal in Bereichen, die personell nicht ausreichend mitgewachsen sind: Im Bereich der Bibliothek etwa hätten in den letzten Jahren Stellen gefehlt, die nun möglichst bald nachbesetzt werden sollen. Trotz allem erhalte sie häufig die Rückmeldung von Mitarbeitern, dass das Arbeitsklima durchaus als positiv wahrgenommen werde. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind sehr motiviert, sie wollen sich den aktuellen Entwicklungen – wie etwa im Bereich der Digitalisierung – stellen.“

Mit Spannung verfolgt Richter auch die am 25. September anstehende Wahl des neuen Präsidenten der Schillergesellschaft. Peter-André Alt tritt nach acht Jahren nicht wieder an. Als ein aussichtsreicher Kandidat gilt derzeit Kai Uwe Peter, Geschäftsführer des Berliner Sparkassenverbands. Ursprünglich hätte der Nachfolger bereits im Juni gefunden werden sollen. Doch bei der wegen der Coronakrise per Briefwahl durchgeführten Abstimmung wurde das Quorum von 50 Prozent Beteiligung bei 2000 Vereinsmitgliedern klar verfehlt.

Bleibt die Frage, warum sich der Betriebsrat an das Kuratorium und nicht direkt an die Direktorin gewandt hat. Das DLA mit seinen komplexen Strukturen war nie ein sonderlich ruhiges Pflaster, schon unter Ulrich Raulff rumorte es immer wieder. Sandra Richter, so scheint es, hat die Vielfalt der Interessen und die damit verbundene Konfliktfreudigkeit geahnt und doch unterschätzt. Unabhängig von der Frage, welche Fehler sie selbst gemacht hat, könnte dies eine schmerzhafte, aber zugleich hilfreiche Erfahrung für sie sein. An ihren Erfolgen, auch im Umgang mit der Kritik, dürfte sie gemessen werden.

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