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Die alten Mären erzählen viel über die heutige Zeit

Heldenepos? Pustekuchen – das, was der Theatersommer im Clussgarten aus der Nibelungen-Saga macht, hat mit Helden nichts mehr zu tun. Vielmehr treffen wir in der Inszenierung von Peter Kratz auf eher armselige Menschen, getrieben von Eitelkeit, Eifersucht und Angst, die zum Teil nur notdürftig kaschiert werden durch die ansonsten so hervorgehobenen Tugenden wie Ehre, Treue oder gar Staatsräson.

Ludwigsburg. So wird hier in den alten Mären nicht nur „wunders viel geseit, von Helden lobebæren“, wie es im ersten Vers des Nibelungenliedes heißt, sondern es wird vielmehr vor allem von gebrochenen Antihelden berichtet. Plötzlich werden aus den fernen Sagengestalten Menschen wie sie waren, vor allem Menschen, wie sie auch heute noch sind. So ist in der Fassung des Theatersommers eben weniger die Rede von Helden, sondern die alten Mären erzählen hier von Figuren, die nicht in der Sagenwelt verortet sind. Sondern in ihren Mängeln und Schwächen, ihren Bosheiten und Intrigen genauso gut in der Gegenwart leben könnten.

Da ist Siegfried, in der Sage der strahlende Held, der Übermensch, das Idol. Kratz macht ihn nicht nur nahezu zu einer Karikatur, wenn er Andreas Klaue mit einer blonden Perücke, Hirschlederhosen und Plateausohlen über die Bühne stapfen lässt, ihn, den so überaus deutschen Siegfried, zum Holländer macht. Der Held ist auch von eher schlichtem Gemüt, ist eine kleine Kampfmaschine ohne viel Nachdenken, der vor allem losziehen und kämpfen will. Das Bild rundet sich aufs Vortrefflichste, wenn Siegfrieds Schwert Balmung auf der Bühne eine Art E-Gitarre ist. Eine wunderbare Metapher die diesen Siegfried als eine Art Popstar ausweist.

Und doch, hinter dem naiv-protzigen Blöndling steckt ein Trickser, ein Täuscher, ein Betrüger, der – um selbst Kriemhild, die Schwester des Burgunderkönigs Gunther, zu bekommen – mit seiner Tarnkappe diesen gegenüber Brünhilde vertritt, vom Kampf bis ins Ehebett. Gunther, in den herrlich schrägen Kostümen von Laura Yoro mit der Nachbildung des Wormser Doms, auch Schauplatz der Nibelungenfestspiele, als Krone, ist ein Schwächling. Verliebt in die Macht und ihre Annehmlichkeiten, voller Abscheu gegenüber den Pflichten und Verpflichtungen des Regierens und des Kämpfens ist er ein Verschwender, dessen Land unter Feinden wie unter Geldmangel leidet. Um beides zu beseitigen, ist er zu jeder Schandtat bereit.

Und auch Hagen von Tronje, normalerweise der Schurke in dem Stück, der den Helden schließlich meuchelt, ist eine eher traurige Gestalt. Bei ihm, zunächst zurückhaltend in seiner Treue von Bernhard Linke gespielt, weiß man am Ende auch nicht, was ihn angetrieben hat. Sklavische Nibelungentreue, zum Land, zu Gunther oder zu Kriemhild, Neid, Wichtigtuerei, Eifersucht oder sprechblasenhafte Staatsräson, vor allem aber Wankelmut hinter der eisernen Fassade, alles trägt er in sich.

Eine Gratwanderung, die Kratz da hinlegt, die gelungene Entgermanisierung des Stoffes, die schon Moritz Rinke in seiner Wormser Fassung, auf die sich auch Kratz stützt, zwar wollte, die ihm nicht gelungen ist. Trotz Starregisseur Dieter Wedel, trotz einem Großaufgebot zum Teil berühmter Mimen. Und eine Gratwanderung, die auch auf der noch schmäleren Klinge zwischen Witz und Drama gelingt, etwas, was Kratz umgetrieben hat. Aber, alles ist gelungen, in der umfangreichen Komplexität, der Vielschichtigkeit der Charaktere, deren trostlose Heutigkeit, die sich im fröhlichen, witzigen Spiel spiegelt. Eine wunderbare Inszenierung, die zu einem Meilenstein in der Geschichte des Theatersommers werden könnte. Denn wohl noch nie wurde ein derart komplexes Stück so dezidiert interpretiert wie diese Sage, die heute höchst aktuell daherkommt. Das gelingt nur mit einem wunderbaren Ensemble, das sich mit dem Regisseur durch den ganzen Stoff gearbeitet hat und auch am Premierenabend vor Spielfreude sprüht. Eine Interpretation der alten Mär, die ihresgleichen sucht.

INFO: „Die Nibelungen“ wird am heutigen Freitag und am Samstag, 30. Juli, um 20 Uhr sowie am Sonntag, 31. Juli, um 19 Uhr gezeigt. Infos und Karten unter www.theatersommer.net.