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„Die atomare Bedrohung bleibt“

Seit sieben Jahren ist der Hemminger Arzt Dr. Robin Maitra aktiv in der Friedensbewegung. Vergangene Woche protestierte er im rheinland-pfälzischen Büchel gegen die dort stationierten Bundeswehr-Tornados und die gelagerten Atomwaffen. Was treibt ihn an?

Blockade am Fliegerhorst im rheinland-pfälzischen Büchel. Auch der Hemminger Arzt Robin Maitra hat sich an den Aktionen beteiligt. Foto: privat
Blockade am Fliegerhorst im rheinland-pfälzischen Büchel. Auch der Hemminger Arzt Robin Maitra hat sich an den Aktionen beteiligt. Foto: privat
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Kreis Ludwigsburg. Er gehört zu den profiliertesten Hausärzten im Kreis Ludwigsburg. Gemeinsam mit seiner Frau Carola Maitra, Vorsitzende der Kreisärzteschaft in Ludwigsburg, kämpft er an vorderster Front gegen das Coronavirus. Noch bevor es mit den Impfungen in den Hausarztpraxen losging, hat der sich einem Pilotprojekt angeschlossen, mit dem getestet werden sollte, ob die Hausärzte der Aufgabe gewachsen sind. Mittlerweile ist die Impfkampagne ohne sie nicht mehr vorstellbar. Der 55-jährige Familienvater hat dabei aber auch die schwächsten der Gesellschaft im Blick: Schon früh hatte er sich dafür eingesetzt, dass auch Flüchtlinge geimpft werden. „Schließlich leben sie auf engstem Raum und können so das Virus schnell weiter verbreiten.“ Vor dem Hintergrund der Delta-Variante ein wichtiger Ansatz.

„Aber ich verstehe meinen Arztberuf nicht nur als heilend, sondern auch als vorsorgend und sozial.“ Das sei nicht alleine medizinisch gemeint. So engagiert sich Maitra seit vielen Jahren in zahlreichen Bürgerinitiativen und Vereinigungen. „Der Kampf gegen das Atomkraftwerk Neckarwestheim und den Freimessmüll im Froschgraben haben mich geprägt“, sagt Maitra. Denn Atomkraft sei eine Bedrohung. Ob zivil oder militärisch. Deshalb hat er sich den „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“ (IPPNW) angeschlossen. Die größte berufsgebundene Friedensorganisation wurde Anfang der 1980er Jahre auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges von dem sowjetischen Kardiologen Jewgeni Tschasow und seinem US-amerikanischen Kollegen Bernard Lown gegründet. In Deutschland war vor allem der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter aktiv. 1984 erhielt die IPPNW den Unesco-Preis für Friedenserziehung, 1985 den Friedensnobelpreis. Mittlerweile hat die Organisation weltweit Zehntausende Mitglieder in rund 60 Staaten. Aber ist die Zeit der Friedensbewegung nicht längst rum? „Die Bedrohung ist geblieben“, sagt Maitra. Dabei verweist er auf die rund 13400 Atomwaffen, wovon fast 4000 sofort einsatzbereit sind – genug um die Welt mehr als einmal zu zerstören. Geschätzte 1800 dieser Atomwaffen werden in höchster Alarmbereitschaft gehalten. Sie sind innerhalb weniger Minuten zum Start bereit, falls die USA oder Russland von einem atomaren Angriff der Gegenseite ausgehen. Außerdem wurden in den vergangenen Jahren wichtige Abrüstungsverträge gekündigt, mit denen das Wettrüsten eingedämmt werden sollte. Immerhin: die USA und Russland haben den New START-Vertrag verlängert, mit dem sie ihre strategischen Nuklear-Arsenale begrenzen. Zudem haben mittlerweile rund 120 Länder einen Vertrag zum Verbot von Atomwaffen unterzeichnet. Deutschland ist nicht dabei.

Unter anderem stationierten die USA auf einem Fliegerhorst der Bundeswehr im rheinland-pfälzischen Büchel etwa 20 Atombomben. Im Rahmen der sogenannten nuklearen Teilhabe in der NATO trainieren deutsche Bundeswehr-Piloten regelmäßig den Abwurf und sind im Kriegsfall verpflichtet, die Atombomben im Zielgebiet abzuwerfen. Dagegen hat Maitra in einem Friedencamp in der vergangenen Woche protestiert. „Die Sitzblockaden liefen immer friedlich ab, wir suchten zudem das Gespräch mit den dort stationierten Soldaten“, erzählt der Hemminger Arzt. „Es geht darum, Vertrauen aufzubauen.“

Rund 100 Menschen haben an den Aktionen im Friedenscamp von Büchel teilgenommen. „Vor allem viele Junge haben sich beteiligt“,so Maitra, der im Vorstand der Deutschen Sektion der IPPNW zuständig für Klimafragen ist. „Das macht Hoffnung für die Zukunft.“ Denn der engagierte Mediziner kann nicht nachvollziehen, dass Deutschland immer noch rund 7,2 Milliarden Euro für die „nukleare Teilhabe“ ausgibt. „Das Geld wäre in der Bildung und Gesundheit viel besser angelegt.“ Das habe man spätestens in der Corona-Krise gesehen. Womit sich der Kreis schließt.

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