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Die Geschichte als Hausaufgabe

Schüler-Untersuchungen zum Zwangsarbeiterlager am Bietigheimer Bahnhof oder zur Friedensbewegung

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Die stolzen Hobby-Historiker stellen ihre Arbeiten vor: Jule Bender, Timon Blank (vorne, von links nach rechts) und Frieder Matthies, Patrick Mauch, Hans-Peter Lutsch, Daniel Szafarski (hinten, von links nach rechts) Foto: Ramona Theiss

Ludwigsburg. In der Vergangenheit steckt ganz schön viel Zukunft. Das stellten 19 Schüler vom Bietigheimer Ellental-Gymnasium fest. Fünf von ihnen präsentierten im Pädagogisch Kulturellen Centrum in Freudental ihre Arbeiten vom Seminarkurs.

 

Es gibt nämlich mehr als Google und Wikipedia: Die Schüler besuchten Archive, forschten in Bibliotheken. Sie blätterten in Tagebüchern und sichteten zeitgenössische Akten. Sie lasen Sekundärliteratur und führten Interviews. Daraus zogen sie ihre Schlüsse zu den selbst gewählten Themen.

 

„War Julius Marx ein Glückspilz in schweren Zeiten“, fragte sich Patrick Mauch. Ein in wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsener Jude. Ein Freudentaler. Und später erfolgreicher Stuttgarter Geschäftsmann. Einer, der im Ersten Weltkrieg als glühender Nationalist Deutschland in Richtung Schweiz verlassen musste. Dort gründete er einen Verlag vor allem für Exil-Schriftsteller und ließ seine Kontakte zu Hollywood spielen. Es sei kein Glück, zwei Weltkriege und den Aufmarsch der Nazis erleben zu müssen. Aber er habe Glück gehabt, zu überleben, so das Fazit von Mauch. Und er habe sich auch für andere verfolgte Literaten eingesetzt. Damit sei er Vorbild, so die Schüler.

 

Der sogenannte „Volkszorn“ war von höchster Stelle inszeniert. Zu diesem Ergebnis kam Timon Blank. Dass an Hunderten Stellen in Deutschland gleichzeitig Synagogen brannten und Geschäfte von jüdischen Inhabern spontan demoliert wurden, sei höchst unwahrscheinlich. Die Ludwigsburger hätten die Pogromnacht verschlafen, so der Schüler. In Freudental sei die Brandstiftung wegen Proteste verhindert worden. War das trotz Schändung und Demütigung der Juden doch noch Zivilcourage?

 

„Es müsste in Bietigheim längst eine Erinnerungstafel für das Zwangsarbeiterlager am Bietigheimer Bahnhof geben“, meint Daniel Szafarski. Ab 1939 seien dort über fast zwei Jahrzehnte verteilt 200 000 Kriegssklaven insbesondere aus Russland für ganz Süddeutschland als Ersatz für die Frontsoldaten ausgeliefert worden. Namhafte Firmen der Stadt, die Vereine und die Stadt Bietigheim selbst hätten den Verschleppten aus ganz Europa ihren Aufschwung und Erfolg zu verdanken. „Es wäre Zeit, sich für die Untaten zu entschuldigen“, sagt Szafarski. Für ihn ist es „vergessenes Unrecht direkt vor der Haustüre.“ Die finanzielle Wiedergutmachung sei im Jahr 2000 viel zu spät gekommen. Da waren 90 Prozent der sogenannten „Fremdarbeiter“ bereits tot.

 

Wo liegt der Unterschied zwischen Verdrängen und Vergessen? Diesem schweren Phänomen näherte sich Jule Bender am Beispiel des Vaihinger Konzentrationslagers an. Erst Tod durch Arbeit, dann durch Krankheit. Spätestens nach der Befreiung des Lagers habe jeder Vaihinger gewusst, was hier passiert war. Und doch habe es Jahrzehnte gedauert, bis die Historie aufgearbeitet wurde. Denn auch nach dem Zusammenbruch des Naziregimes hätten die NS-Bonzen lange Zeit die Macht behalten. Ist es normal, dass schreckliche Ereignisse von der Erlebnisgeneration ausgeblendet und erst viel später von den Enkeln aufgearbeitet werden? So ihre rhetorische Frage.

 

Zeitensprung mit Frieder Matthies. Der befasste sich mit der Bietigheimer Friedensbewegung. Mit all den Gruppierungen, die sich in den 1980ern gründeten. Mit Aktionen waren die Friedensaktivisten aktiv wie Schweigen am Fräuleinsbrunnen, Schweigen für den Frieden am Wochenmarkt, es gab Friedensketten, Infostände und vieles mehr. Er erinnerte an das knappe Scheitern, Bietigheim-Bissingen in Zeiten der atomaren Aufrüstung zur atomwaffenfreien Zone zu erklären. Nur eine Stimme, trotz mehr als 1800 Unterstützer, habe damals im Gemeinderat gefehlt. Mit seiner Untersuchung auch im Familienkreis legt Matthies Grundlagen für weitere Forschungen in der jüngsten Geschichte.

 

Die Lehrer Frank Bertetet und Hans-Peter Lutsch waren begeistert, auf welch große Resonanz die Arbeiten stießen und mit welchen Ergebnissen sie abgeschlossen wurden. Das Fazit der Lehrer: „Erstaunlich, wie stark das Interesse noch immer an Geschichte ist.