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„Die Krise hat Spuren hinterlassen“

Corona hat den Alltag in den Schulen grundlegend verändert. Doch wie läuft der Unterricht unter Pandemiebedingungen? In unserer Serie „Schule in Corona-Zeiten“ berichten wir in regelmäßigen Abständen, wie die Oscar-Paret-Schule (OPS) in Freiberg mit der „neuen Normalität“ umgeht. In der heutigen Folge blickt Schulleiter René Coels auf ein Jahr Corona zurück.

Ab kommenden Montag wird es keinen Präsenzunterricht mehr geben. Foto: Andreas Becker
Ab kommenden Montag wird es keinen Präsenzunterricht mehr geben. Foto: Andreas Becker

Freiberg. René Coels kann sich noch sehr gut an den 29. Februar 2020 erinnern. An dem Tag hat er in einem Elternbrief erstmals das Coronavirus angesprochen und auf potenzielle Auswirkungen auf den Schulbetrieb hingewiesen. Zwei Wochen später war es dann so weit: „Am 13. März habe ich die erst Info über die anstehende Schulschließung verbreitet, drei Tage später habe ich die Schüler und Lehrer verabschiedet“, blickt Coels zurück.

Zwar hat sich die Situation bezüglich der Pandemie nicht grundlegend verändert: Die Infektionszahlen steigen rasant an, die meisten Schüler sind zu Hause, die AHA-Regeln gelten nach wie vor. Doch der Schulleiter der OPS kann der Krise auch etwas Gutes abgewinnen. „Das träge System Schule ist in Fahrt gekommen“, sagt er. Insbesondere bei der Bereitstellung von Laptops und der Erstellung digitaler Unterrichtskonzepte habe sich einiges getan. Bildungspläne seien entrümpelt und Prüfungen verschoben worden. Außerdem hätten die Schulen die Möglichkeit bekommen, weniger Klassenarbeiten schreiben zu lassen.

In der täglichen Arbeit in der Schule sei seit einem Jahr nach wie vor viel Kreativität seitens der Schulleitung, Lehrkräfte und Schüler gefragt. Neuorganisation und -konzeption des Unterrichts, Entflechtung der Schülerströme, damit auf den Gängen nicht so viel Begegnungsverkehr stattfindet, Umsetzung des Hygienekonzepts, Schaffung von Regelungen für Fernlern- und Präsenzunterricht: „Ein Jahr später kann man sagen, dass uns viel gelungen ist“, sagt Coels. Und nach wie vor sei bei allen Beteiligten eine große Bereitschaft zum Mitmachen vorhanden. Das schlage sich auch in einer großen Anerkennung für die generell an Schulen geleisteten Arbeit nieder.

Wie viele Coronafälle es an der OPS bislang gegeben hat, kann der Schulleiter nicht sagen, weil darüber im Haus nicht Buch geführt wird. Gleichwohl sei an der Schule die Nachverfolgung von Infektionsketten und die entsprechende Veranlassung von Quarantäne „in Fleisch und Blut übergegangen“. Coels freut sich dabei, dass es für das Lehrpersonal Impfstoffe gibt und die Testkapazitäten auch für die Schüler steigen. „Das nährt die Hoffnung, dass wir doch noch mit einem Ausstieg aus der Pandemie rechnen dürfen“, sagt er. Ärgerlich sei dagegen, dass seit einem Jahr um eine bessere Luftqualität an den Schulen gerungen werde. Auch die Problematik der Schülerbeförderung sei noch nicht gelöst.

Bezüglich des Bildungsangebots habe das Jahr unter Corona zu großen Unterschieden bei den Schülern geführt. Wer in Quarantäne geschickt wurde, hat laut Coels nicht den gleichen Fernlernunterricht erhalten, wie wenn die gesamte Klasse in Quarantäne gegangen wäre. Auch die Situationen und Möglichkeiten der Schüler zu Hause seien sehr verschieden. Nicht jeder habe ein eigenes Zimmer und einen ordentlichen Schreibtisch zur Verfügung. Auch die Disziplin und Fähigkeit zur Selbstorganisation im Homeschooling sei sehr unterschiedlich. „Das hat Spuren in den Leistungen aber auch in der persönlichen Entwicklung der Schüler hinterlassen“, bedauert der Schulleiter.

Doch auch an den Lehrkräften ging die Pandemie bislang nicht spurlos vorüber. Laut Coels haben die Schulen an ihrem jeweiligen Standort insgesamt „alles Mögliche dafür getan, die Schüler zu unterstützen“. Alle daran Beteiligten seien mittlerweile mit ihren Kräften am Ende. Die Erholungstage der Lehrer in der Ferien hätten sich coronabedingt deutlich reduziert. Er selbst hat sich lediglich zwischen Weihnachten und Silvester freie Tage gegönnt und war zuletzt im vergangenen Sommer vier Tage wandern im Schwarzwald. Er fordert vom Land zusätzliche Ressourcen an Lehrkräften. „Die Lehrer sollen sich um den Unterricht kümmern dürfen – das Testen der Schüler darf nicht Teil des Unterrichts sein“, sagt Coels. Es sei auch nötig, „nachhaltige Unterstützungsabgebote unterbreiten zu können“. Auch dafür seien weitere Ressourcen notwendig. Nicht zu vergessen die sozialen und psychologischen Folgen der Krise bei den Schülern, um die man sich kümmern müsse. Gleichzeitig dürfen laut dem Schulleiter zusätzliche Lehrerstunden nicht derart umgewidmet werden, dass sie für Nachhilfe in Deutsch und Mathe verwendet werden. „Es braucht an der Schule weiterhin attraktive Angebote wie Sprachreisen, Theater-AG und Jugend forscht – das muss wieder möglich sein“, so Coels.

Ein weiteres Ärgernis für den Schulleiter: Änderungen der Coronaverordnungen erfährt er seit einem Jahr schneller von der Presse als vom Land. Da bleibe jedes Mal aufs Neue nur wenig Zeit, Lösungen zu finden und diese umzusetzen. Wenn Beschlüsse wenige Tage später wieder korrigiert werden, weil sie nicht funktioniert haben, mache es die Arbeit nicht leichter. Gleichzeitig müsse man einräumen, dass es eine solche Situation zuvor noch nie gab. Umso mehr baut Coels auf die ungebrochene Solidarität, die sich zwischen Schule, Träger, Lehrer, Schüler, Eltern, Hausmeister, Verwaltung und auch dem örtlichen Apotheker entwickelt habe. René Coels: „Es sind unfassbar viele Menschen, die Lösungen finden wollen, um möglichst gesund durch die Krise zu kommen.“

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