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„Die Leute sehen sich jetzt ständig selbst“

„Die Menschen haben Zeit, die ästhetischen Eingriffe zu Hause auszukurieren, ohne dass es sofort jeder mitbekommt“: Frederic Becker (links) und Philipp Schönle in ihrer Praxis in Marbach. Foto: Andreas Becker
„Die Menschen haben Zeit, die ästhetischen Eingriffe zu Hause auszukurieren, ohne dass es sofort jeder mitbekommt“: Frederic Becker (links) und Philipp Schönle in ihrer Praxis in Marbach. Foto: Andreas Becker
Masken, Videokonferenzen, Homeoffice: Die Pandemie wirbelt den Alltag der Menschen durcheinander. Schönheitschirurgen wie Frederic Becker und Philipp Schönle haben in ihrer Praxis in Marbach gerade viel zu tun. Ein Gespräch über Falten, Facetime und Selbstoptimierer.

Marbach. Erleben ästhetische Eingriffe wegen Corona einen Boom?

Frederic Becker: Wir registrieren, dass die Zahl der ästhetischen Eingriffe, die bei uns angefragt werden, steigt. Ich finde es aber schwierig zu sagen, ob das allein durch Corona gekommen ist. Grundsätzlich steigt die Nachfrage nach ästhetischen Eingriffen seit Jahren.

Woran liegt das?

Philipp Schönle: Dieses Jahr war es komplizierter zu verreisen. Dafür geben die Deutschen normalerweise viel Geld aus. Ich glaube, dass die eine oder der andere bereit war, das Urlaubsbudget einzusetzen, um zum Beispiel die Schlupflider korrigieren zu lassen.

Becker: Hinzu kommt, dass die Leute Zeit haben, die ästhetischen Eingriffe zu Hause auszukurieren, ohne dass es sofort jeder mitbekommt.

Sind Homeoffice und Maskenpflicht praktisch, um Eingriffe besser zu kaschieren?

Schönle: Mir haben Patienten bestätigt, dass es gerade leichter ist, etwa nach einem Facelift, zwei Wochen daheimzubleiben. Da fragt keiner mehr groß nach. Vor Corona war es deutlich schwieriger, sich komplett aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen.

Becker: Es ist ein Vorteil, dass Patienten vor allem bei Gesichtseingriffen die Folgen hinter der Maske verstecken können, bis alles verheilt ist.

Beschäftigen sich die Leute im Lockdown intensiver mit sich selbst?

Becker: Die Menschen sind gerade viel in Videokonferenzen unterwegs und sehen sich dadurch ständig selbst. Das kann dazu führen, dass sie sich anders wahrnehmen, den einen oder anderen Makel entdecken, der dann zu der Entscheidung führt, sich ästhetisch behandeln zu lassen.

Geraten Augen-OPs in den Fokus, weil Zoom, Facetime und Co. jede Falte offenlegen?

Schönle: Wir haben nicht das Gefühl, dass die Leute jetzt verhältnismäßig mehr im Gesicht machen lassen. Oberlidkorrekturen sind in der ästhetischen Chirurgie generell ein großes Thema. Nach wie vor sind aber auch Brustvergrößerungen, Bauchdeckenstraffungen oder Fettabsaugungen stark nachgefragt.

Wie sieht es mit Korrekturen des Doppelkinns aus?

Schönle: Doppelkinn-Operationen machen wir meistens bei Facelifts mit. Dass nur nach Korrekturen des Doppelkinns gefragt wird, passiert nicht so häufig.

Mit welchen Veränderungswünschen kommen die Menschen vor allem zu Ihnen?

Schönle: Hauptanliegen sind Augenlider, Falten, Alterungserscheinungen im Gesicht, zu kleine, zu große oder asymmetrische Brüste und natürlich Fettpolster.

Becker: Die Faltenbildung an der Stirn ist ein starkes Thema, weil man da oft auch einen Gesichtsausdruck vermittelt, den man gar nicht vermitteln will.

Schönle: Denken Sie nur an die Zornesfalte.

Wachsen die Fettpolster an, weil die Leute mehr zu Hause sind?

Becker: Wir führen dazu keine Statistik. Es ist vorstellbar, dass das so ist. Bei uns machen wir Fettabsaugungen ambulant. Sie werden danach nicht krankgeschrieben und können weiter gut im Homeoffice arbeiten. Ich gehe davon aus, dass Fettabsaugungen weiter zulegen werden. Das ist aber nur eine Vermutung.

Schönle: Das Problem ist ja auch, dass der Breitensport flachfällt und die Fitnessstudios zu sind. Das hat schon den Effekt, dass Sie im Winter ein oder zwei Röllchen mehr haben.

Becker: Der Weg ins Fitnessstudio ist eine Form der Selbstoptimierung, den Sie jetzt nicht mehr haben. Also suchen sich die Leute andere Wege – und kommen zu uns.

Sind jetzt auch mehr Männer bereit, etwas machen zu lassen?

Becker: Wir haben nach wie vor deutlich mehr Frauen bei uns. Aber Männer fragen mittlerweile auch nach Gesichtsbehandlungen oder kleineren Korrekturen. Dazu kommen Fettabsaugungen und Bauchstraffungen. Derzeit machen Männer 15 bis 20 Prozent bei uns aus.

Schönle: Es kommt ein bestimmter Typ Mann zu uns, den wir Selbstoptimierer nennen. Er ist in der Regel zwischen 30 und 45 Jahren alt. Manche planen den nächsten Karrieresprung. Sie haben gute Jobs, viel Kundenkontakt und müssen auch etwas darstellen.

Becker: Bei den Frauen gibt es drei Gruppen. Da sind die jungen Damen zwischen 20 und 30, die noch einmal alles aus sich herausholen wollen. Hier ist die Brust das Hauptthema. Dann kommen Frauen zu uns, die die Familienplanung abgeschlossen haben, bei denen die Körper ein wenig gelitten haben. Und schließlich die Silver Society. Das Haus ist abbezahlt, die Kinder sind groß. Sie lassen ein Facelift oder einen Oberlideingriff vornehmen. Es kommt ihnen nicht so sehr darauf an, nach außen etwas darstellen zu wollen, sie machen das allein für sich.

Sie benutzen beruflich schon immer Masken. Ist das unproblematisch für die Haut?

Becker: Wir tragen in der Summe seit 25 Jahren Masken und vertragen sie gut. Sie lösen keine Allergien aus, Sie bekommen auch weiterhin gut Luft, die Lungenfunktion leidet nicht. Es ist manchmal ein wenig unbequem, aber man gewöhnt sich dran.

Schönle: Gerade FFP2-Masken sitzen eng, die Gummibänder klemmen hinter den Ohren. Aber keine Sorge, das führt nicht zu Deformationen.

Sind ästhetische Eingriffe noch ein Tabu oder in der Mitte der Gesellschaft angekommen?

Becker: Es gibt regionale Besonderheiten. Wenn Sie zum Beispiel in Düsseldorf über die Königsallee gehen, merken Sie schnell, dass ästhetische Eingriffe ganz anders etabliert sind als im Großraum Stuttgart. Bei uns gibt es vielleicht acht bis zehn größere Anbieter in der gesamten Metropolregion. Wir haben beobachtet, dass bei vielen Menschen der Wunsch nach ästhetischen Eingriffen vorhanden ist, sie sich aber noch nicht so recht trauen und fragen: „Was könnte der Nachbar denken?“

Schönle: Das ändert sich so langsam. Die Leute merken, dass sie sich etwas Gutes tun. Außerdem wollen sie sich keine Gedanken mehr machen, was andere darüber denken.

Wie haben sich die medizinischen Möglichkeiten in der plastischen Chirurgie in den vergangenen Jahren verbessert?

Schönle: Es werden zunehmend Verfahren entwickelt, die minimalinvasiv sind, darunter operative Eingriffe ohne größere Schnitte. Wir können zum Beispiel Fettpolster mittlerweile auch mit Ultraschall, Kälteverfahren oder Spritzen verringern.

Becker: Früher waren ästhetische Eingriffe klar den Chirurgen vorbehalten. Heute haben auch Dermatologen, Hausärzte oder Orthopäden Botoxspritzen, um an diesem Markt teilzuhaben. Sie verfügen aber auch über ein viel geringeres Repertoire an Therapiemöglichkeiten.

Schönle: Wir beide haben eine plastisch-chirurgische Ausbildung durchlaufen. Wir können komplexe Verletzungen operieren und schwierige Rekonstruktionen vornehmen. Wir beherrschen die Behandlung von Haut, Fett, Muskeln, Nerven und Knochen.

Wohin geht der Trend auf Ihrem Gebiet?

Becker: Wir haben gute Erfahrungen mit ambulanten Behandlungen und lokalen Betäubungen gemacht. Die Patienten müssen nach einem Facelift oder einer Brustoperation nicht bei uns übernachten. Sie erholen sich in der Regel schneller, weil sie auch selbst Verantwortung übernehmen müssen.

Schönle: Das Ziel ist es, die Narkosezeiten, und damit auch die Belastungen für die Patienten, so kurz wie möglich zu halten. Das erreichen wir unter anderem dadurch, dass wir größere Eingriffe zu zweit operieren und damit effektiver sind.