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Die Mängel der virtuellen Welt

Auf der Frühjahrssynode des evangelischen Kirchenbezirks Vaihingen-Ditzingen wird klar, dass die Coronakrise nicht nur in finanzieller Hinsicht eine Belastung ist

Ditzingen/Vaihingen. Im vergangenen Herbst hatte die Synode erstmals online getagt. Bei der Frühjahrssynode stellt sich fast schon eine Art digitaler Gewöhnungseffekt ein. Vor dem offiziellen Beginn darf sich das Online-Publikum an einem musikalischen Intermezzo erfreuen: Der Hemminger Projektchor Sola La! gibt ein virtuelles Gastspiel. Der Auftritt hinterlässt zwiespältige Gefühle. Das Ensemble überzeugt mit Stimmkraft – doch am heimischen Rechner stellt sich unweigerlich das Bedauern ein, dass der Zauber der menschlichen Stimme durch die Übertragung per Internet beeinträchtigt wird.

Dieser Gegensatz zwischen virtueller und realer Welt soll sich wie ein roter Faden durch die Frühjahrssynode ziehen. Die Coronakrise habe auch den Vaihinger Kirchengemeinderat überrascht, berichtet etwa der Gremiumsvorsitzende Markus Widmann. Die Pandemie habe die interne Kommunikation erheblich erschwert. Bei einem gemeinsamen Wochenende im Kurort Bad Herrenalb habe das Gremium das Potenzial der persönlichen Begegnung wieder zu schätzen gelernt. „Die virtuellen Kontaktmöglichkeiten sind ein Segen, aber sie können die zwischenmenschlichen Kontakte nicht ersetzen“, lautet Widmanns Fazit.

Diese Erfahrung hat auch die Pfarrerin Claudia Hertler gemacht. Sie ist Seelsorgerin in einem sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum. Die dortigen Klienten litten massiv unter der Pandemie, erzählt Hertler. „Sie stellen sich Fragen: Die Frage, warum Gott das zulässt? Sie fragen, ob Gott sie vergessen hat.“

Erschwerend sei hinzugekommen, dass die Besuchsmöglichkeiten zeitweise komplett eingeschränkt waren. Auch die Mitarbeiter hätten gelitten. „Es kostet Kraft, sie sind müde und erschöpft“, so Hertler. Der Stresslevel sei deutlich angestiegen. Unter dem Strich steht die gleiche Erkenntnis: „Telefon und Medien sind hilfreich, aber sie können die persönliche Begegnung nicht ersetzen.“

Eberhard Kleinmann ist Religionslehrer. „Für mich sind die Schulleitungen Helden dieser Pandemie“, betont er. „Seit einem Jahr arbeiten sie in den Ferien, müssen ständig neu organisieren.“ Sein Lob erweitert er ausdrücklich auf die IT-Spezialisten. „Sie haben unsere Schulen im vergangenen Jahr digital weit nach vorne katapultiert. Dabei haben sie auch zunächst ängstliche Kollegen mitgenommen, zu denen ich mich selbst rechne.“ Die Pausenhöfe seien verwaist, zufällige Begegnungen zwischen Lehrern und Schülern nicht mehr möglich. Dank der IT-Expertise bestehe nun aber die Möglichkeit, mit jedem Schüler per E-Mail in Kontakt zu treten. „Für uns Schulseelsorger ist das Gold wert“, sagt Kleinmann.

In der Coronakrise steige die Arbeitslosigkeit, sagt Dekan Friedrich Zimmermann, der in einem halben Jahr in den Ruhestand geht. Familien gerieten unter Druck, immer mehr Menschen hätten unter psychischen Erkrankungen zu leiden. In dieser prekären Ausgangslage drängten sich Fragen auf. „Was wird nach Corona sein? Wie wird kirchliche Arbeit 2022 aussehen? Werden sich die Menschen der Kirche immer noch verbunden fühlen?

Er sei derzeit ein wenig ratlos, gesteht Zimmermann. Corona habe auch in der evangelischen Kirche Trauer und Verunsicherung ausgelöst. „Es bleibt ein unlösbares Rätsel, ein Mysterium“, sagt der Dekan, der trotz aller Probleme nicht resignieren will. Sein Appell: „Wir müssen Achtung und Wertschätzung wieder mehr Raum geben.“

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