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Die Musikschule trotzt der Coronakrise

Aus dem einen Zimmer ertönen Geigenklänge. Aus dem anderen dringen Klavierakkorde. Trotz des zweiten coronabedingten Lockdowns herrscht in den Räumlichkeiten der Musikschule im Steinhaus Leben. Schulleiter Roland Haug erzählt aus dem Musikschulalltag und verrät, welche Musik ihn dahinschmelzen lässt.

Trotz der Coronapandemie und unter strengsten Bedingungen findet in der Musikschule im Steinhaus Musikunterricht statt. Archivfoto: Holm Wolschendorf
Trotz der Coronapandemie und unter strengsten Bedingungen findet in der Musikschule im Steinhaus Musikunterricht statt. Foto: Holm Wolschendorf
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Besigheim. Seit Anfang November befinden wir uns im zweiten Lockdown. Sie als Fachmann haben doch bestimmt zwei, drei Tipps, wie man sich in dieser Situation bei guter Laune hält. Welche Musik hören Sie momentan gerne? Roland Haug: Wenn die Tage jetzt grauer werden, würde ich Liebesduette für Sopran und Tenor aus der Barockoper empfehlen. Die Spanier Nuria Rial und Juan Sancho singen Duette und Arien von Georg Friedrich Händel zum Dahinschmelzen schön. Shirley Bassey hat auf ihrem letzten Album neben neuen Songs auch Titel, die ihre beeindruckende Karriere reflektieren. Mir zaubert der Evergreen „Smile“ immer ein Lächeln ins Gesicht.

Wie wichtig ist Musik für die Kinder und Jugendlichen?

Sehr wichtig, und zwar aus ganz unterschiedlichen Gründen: Musizierende Kinder und Jugendliche sind besser in der Schule. Aktiv Musik zu machen, kann Intelligenz und Sprachvermögen fördern. Das Musizieren stärkt das Selbstvertrauen. Man gewinnt die Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren, und erlangt eine gesteigerte soziale Kompetenz im Miteinander. Musizieren steigert die kognitiven Fähigkeiten und die Konzentration. Ein Instrument zu erlernen fördert Geduld, Durchhaltevermögen und Kreativität. Mit der Musik kann man Gefühle ausdrücken und erzeugen. Und man kommt mit vielen netten Gleichgesinnten zusammen.

Wie reagiert die Musikschule im Steinhaus auf den zweiten Lockdown?

Wir dürfen unterrichten sowie proben und halten uns sehr genau an die mittlerweile bekannten Vorgaben. Den Großteil unseres Unterrichtsangebots können wir, trotz der ganzen Einschränkungen, aufrechterhalten.

Stimmt Sie die derzeitige Lage nicht eher pessimistisch?

Ich bin ein überzeugter Optimist, auch wenn wir uns mit den sich ändernden Vorschriften fast jeden Tag auf neue Situationen einstellen, manchmal auch ärgern und wieder Lösungen finden müssen. Bei allem Optimismus müssen wir schon auch mit Langzeitfolgen bei den Musikschulen und Vereinen rechnen.

Also gab es schon Eltern, die sich entschlossen haben, ihre Kinder von der Musikschule abzumelden, weil vielleicht nicht der Unterricht in der gewünschten Form und im gewünschten Umfang stattfinden konnte?

Ja, vornehmlich bei der Musikalischen Frühförderung, da in diesem Bereich die Einschränkungen am spürbarsten sind. Wir haben für einen Großteil dieser Kurse gute Lösungen finden können, aber leider nicht für alle. Grundsätzlich haben wir viel Lob und Verständnis von Elternseite für unsere Angebote und das Engagement unserer Lehrkräfte bekommen.

Bieten Sie Fernunterricht über Videokonferenzen an?

Ja, während des ersten Lockdowns gab es Unterricht per Video oder telefonisch. Aufgaben wurden per E-Mail geschickt, Tonaufnahmen weitergeleitet. Vor der Coronapandemie hatten wir uns mit dem Thema Online-Unterricht nicht auseinandergesetzt. Mittlerweile gehört er zu unserem Alltag, wenn wir Räumlichkeiten nicht nutzen können. Oder wenn Schüler oder Lehrer zu Risikogruppen zählen oder sich in Quarantäne befinden.

Sie arbeiten eng mit dem Musikverein Gemmrigheim und dem Musikverein Walheim zusammen. Welche Unterstützung erfahren Sie durch die Vereine?

Wie die Musikschule müssen die Vereine auch Hygienepläne vorlegen und sich genehmigen lassen. Für die Verantwortlichen ist das nicht ganz einfach, da die Vorsitzenden ja alle ehrenamtlich tätig sind und diese Aufgaben nebenher bewältigen müssen. Zusätzlich mussten Probleme mit nicht vorhandenen Fluchttüren oder das Putzen der Vereinsräumlichkeiten gelöst werden. Uns hat sehr geholfen, dass wir auf eine jahrzehntelange, sehr gute Zusammenarbeit bauen können. Ich bin froh und dankbar, dass in dieser Woche der Präsenzunterricht im Probelokal des Gemmrigheimer Musikvereins und in der kommenden Woche auch in Walheim wieder beginnen kann.

Von wem wurden Sie noch unterstützt?

Von allen Kooperationspartnern wie Schulen, Vereine und Kindertagesstätten sowie von allen verantwortlichen Stellen in den drei Rathäusern unseres Musikschulgebiets. Die Stadt Besigheim hatte uns zum Beispiel erlaubt, in der Stadthalle Alte Kelter zu unterrichten, als die Kapazitäten unserer Schule erschöpft waren.

Sind Musikerinnen und Musiker betrübt, weil zurzeit keine Vorspiele und Konzerte stattfinden können?

Nicht vor Publikum aufzutreten, fehlt sicherlich allen Musikerinnen und Musikern, und zwar im Profibereich genauso wie an den Musikschulen. Zu spielen und vorzuspielen gehört zum Musizieren dazu. Wir bieten unseren Schülern Workshops an, wie „Atmung, Lockerheit, Klang für Querflöte“, „Richtig Geige stimmen und Verständnis für Rhythmus“ oder auch Probephasen in den Ferien.

Die Musikschule im Steinhaus ist ja am öffentlichen Kulturleben beteiligt. Sind Sie jetzt vollkommen ausgebremst?

Derzeit sind Veranstaltungen mit Publikum ausgeschlossen. Unterricht und Proben dürfen stattfinden. Auch wenn wir momentan nicht im Konzert musizieren können, bekommen wir viele positive Rückmeldungen, dass Kinder und Jugendliche deutlich mehr üben und auch daheim innerhalb der Familie vorspielen. Lehrkräfte und Schüler, die an Wettbewerben teilgenommen haben, haben Konzerte geplant. Und wir hoffen, dass wir in der Vorweihnachtszeit vor dem Besigheimer Robert-Breunig-Stift und in den Kleeblatthäusern in Gemmrigheim und Walheim spielen dürfen.

Können Sie denn eine Veranstaltung so schnell auf die Beine stellen?

Mittlerweile sind wir sehr routiniert darin, ein Konzert rasch zu organisieren und gegebenenfalls wieder abzusagen. Da braucht man nicht nur Plan B, sondern schon Plan C und D in der Schublade.

Als Leiter der Musikschule müssen Sie vielen gerecht werden? Wie halten Sie alle bei Laune?

Über die Verordnungen, die die Coronapandemie betreffen, diskutiere ich nicht mehr. Die Regeln müssen einfach umgesetzt werden. Ich trage Verantwortung. Für die einen bin ich vielleicht der Entertainer, für andere bin ich ein Spielverderber. Damit kann und muss ich leben.

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