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„Die Nerven liegen blank“

Julia Dröber hat mehrere Jahre in der West Bank gelebt. Im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet die Islamwissenschaftlerin und Ethnologin von dem Leben dort und blickt auf den Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis.

Gemmrigheim. Die Schlagzeilen über die Raketenangriffe im Nahen Osten, über Tote und Verletzte auf israelischer und palästinensischer Seite machen betroffen, auch wenn jetzt wieder eine Waffenruhe herrscht. Julia Dröber fühlt besonders mit den Menschen dort mit. Die 49-jährige Gemmrigheimerin hat Familie in der West Bank. Ihr Mann ist Palästinenser. Zum Glück jedoch sei es in Nablus, Ramallah und Bethlehem, wo ihre Schwiegereltern sowie Schwager und Schwägerin mit ihren Familien leben „ruhiger“ als im Gazastreifen, von wo aus die radikalislamische Hamas die Angriffe auf die israelische Metropole Tel Aviv gestartet hatte. Trotz der starken emotionalen Betroffenheit spricht Dröber abgeklärt über die Situation im Nahen Osten und ist bereit, für unsere Zeitung einen persönlichen Einblick in das Leben dort zu geben.

Denn Dröber hat selbst sechs Jahre in Nablus gelebt und zuvor in Jordanien. Vor fünf Jahren kehrte die gebürtige Welzheimerin nach Deutschland zurück. Überhaupt ist die Islamwissenschaftlerin und Ethnologin in den vergangenen Jahrzehnten viel in der Welt herumgekommen. „Von Zentralasien bis Großbritannien war ich an verschiedenen Universitäten tätig“, erzählt sie von ihrer beruflichen Laufbahn, die sie inzwischen an die Pädagogische Hochschule Ludwigsburg geführt hat. Ihr Forschungsschwerpunkt ist das Zusammenleben verschiedener Religionen.

Insofern blickt Dröber nicht nur aus subjektiver Sicht auf die Konflikte im Nahen Osten. Eigentlich habe Palästina eine „relativ gute Geschichte“, was das Zusammenleben verschiedener Religionen angehe, sagt Dröber. Die heutige Situation sei „ein zentral europäisch gemachtes Problem“, an dem Deutschland durch die Verfolgung der Juden während des Dritten Reichs Schuld trage.

Doch spiele in den Konflikt nicht allein die verschiedenen Religionen rein, wie von außen betrachtet häufig der Eindruck entstehe, erklärt Dröber. Viel mehr kämpften die Menschen im palästinensischen Autonomiegebiet mit ganz anderen Problemen: Armut und Arbeitslosigkeit. Vor allem Jugendliche hätten keine Berufsperspektiven. Corona habe die Situation verschärft. „Die Nerven liegen blank. Ein Tropfen genügt und das Fass schwappt relativ schnell über und die Sache schaukelt sich hoch.“

Auch sei der Konflikt nicht allein eine Angelegenheit zwischen Juden und Muslimen. „In dem Gebiet leben auch orthodoxe Christen, die ebenfalls darin verwickelt sind“, erläutert Dröber, die für ihren Ehemann vom evangelischen zum orthodoxen Christentum übergetreten ist.

Und wie ist es dort zu leben? „Um einiges entspannter. Die Leute sind relaxter“, berichtet Dröber. Die Checkpoints der Israelis seien zwar anstrengend, aber selbst an den Anblick von Soldaten mit Maschinengewehren im Alltag gewöhne man sich. Auch ihre drei Kinder, zwischen sechs und zehn Jahre alt, reagierten darauf nicht erschrocken, erzählt Dröber, die in Vor-Corona-Zeiten regelmäßig mit ihrer Familie auf Verwandtschaftsbesuch in der West Bank war. Doch 2014 als die Lage ebenfalls eskalierte, sei sie jede Nacht weinend dagesessen, da sie sich Bilder und Berichte von Toten und Verletzen angesehen habe. „Irgendwann habe ich aufgehört, mir die Bilder anzuschauen.“ Doch jetzt verfolge sie die Nachrichten wieder täglich. Was sie oft dabei störe sei, dass Religion und Staat in einen Topf geworfen würden. Judentum und israelische Politik seien Zweierlei. Umso mehr freue es sie, wenn in der Berichterstattung wie in unserer Zeitung beide Seiten des Konflikts dargestellt würden, die israelische und die palästinensische.

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