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Die Palette muss erst ins Wasserbad

Die Möglingerin Marlis Albrecht beschäftigt sich seit über 25 Jahren mit dem Material Wachs – Freude am Experiment

Begreift den Lockdown auch als Chance, Neues auszuprobieren: Die Künstlerin Marlis Albrecht.Foto: Holm Wolschendorf
Begreift den Lockdown auch als Chance, Neues auszuprobieren: Die Künstlerin Marlis Albrecht. Foto: Holm Wolschendorf

Möglingen. Ein leises Glucksen und Blubbern unterlegt, einer akustischen Grundierung gleich, die ruhige Atmosphäre im vom Licht des winterweißen Februartags durchfluteten Atelier von Marlis Albrecht. In der Luft eine Ahnung von Kerzenduft mit honigsüßem Unterton.

Vor mehr als 25 Jahren hat die Möglinger Künstlerin im Wachs der Bienen das ihrer Persönlichkeit entsprechende Material entdeckt. Seitdem hat sie sich in ihrer Arbeit diesem Werkstoff komplett verschrieben: „Das ist oft mein erster Gang morgens: rüber ins Atelier und den Wachsherd anstellen. Wenn ich mit dem Frühstück fertig bin, ist das Wachs flüssig – und dann geht’s los“, erzählt die 1956 in Ludwigsburg geborene Malerin.

Eine Batterie von Metallgefäßen, ihre Palette gewissermaßen, steht im Wasserbad. Das Wachs, einziges Bindemittel ihrer Bilder, bezieht Albrecht von der Landesanstalt für Bienenkunde der Universität Hohenheim, die mineralischen, organischen und historischen Pigmente fügt sie selbst hinzu.

Die allgegenwärtige Pandemiekrise – hier scheint sie fast wie ausgesperrt zu sein. „Was die Ausstellungstätigkeit betrifft, hatte ich Glück und bin mehr oder weniger an der Krise vorbeigesegelt“, sagt Albrecht. Die Art Karlsruhe fand als eine der letzten Großveranstaltungen statt, eine geplante Ausstellung musste zwar um einen Monat verschoben werden, konnte dann aber öffnen. Die ausgefallene Luxembourg Art Week konnte durch kurzfristiges Einspringen der dortigen Galerie Schortgen, mit der Albrecht bereits seit vielen Jahren zusammenarbeitet, kompensiert werden.

So sei keine ihrer geplanten Ausstellungen ersatzlos abgesagt worden: „Alle haben stattgefunden und liefen gut. Ich hatte keine Einbußen – eher im Gegenteil.“ Dadurch, dass vielfach keine Urlaube gemacht wurden, sei möglicherweise mehr Geld für Kunst übrig geblieben, vermutet Albrecht. Entsprechend habe sie natürlich auch keine Unterstützung beantragt.

Schwieriger könnte es in diesem Jahr werden: Sowohl die Art Karlsruhe als auch eine in der Hechinger Villa Eugenia geplante Schau sind auf Mai verschoben, mit ungewisser Perspektive.

Allerdings verschaffe ihr diese Entschleunigung andererseits auch Zeit, um mehr über ihre Kunst nachzudenken und zu experimentieren, so Albrecht. Nachdem das „Vakuum“ des ersten Lockdowns, in dem ihr zunächst die Fokussierung schwer gefallen sei, überwunden war, begreife sie zunehmend jetzt auch die Chance, Neues auszuprobieren. In ihrer seit rund einer Dekade den Hauptanteil in ihrem Œuvre einnehmenden Werkgruppe „Walden“ sind in jüngster Zeit Arbeiten entstanden, denen auf Batiststoff gedruckte Fotografien zugrunde liegen. Aus dem Beifahrerfenster heraus hält sie darauf den Eindruck am Auto vorbeifliegender Waldgebiete fest. Mittels darüber gelegter Gazestoffe und verschiedener Wachsschichten führe sie die abgebildeten Geschwindigkeitsspuren in die Ruhe und kontemplative Wirkung der Waldlandschaft zurück.

Ob hier oder in ihren über viele Jahre hinweg entstandenen Bildern, die Frauengesichter zeigen, ohne als konkretes Porträt gemeint zu sein, stets geht es Albrecht nicht darum, einen konkreten Eindruck wiederzugeben.

Jenseits des Abbilds und der Sprache versuche sie vielmehr, das dahinterliegende, sich der Anschauung entziehende, dem Intellekt nicht zugängliche „Geheimnis“ zu erfassen: „Sowohl bei den Wäldern als auch bei den Menschen geht es mir um Innerlichkeit“ – Albrecht spricht von „sinnlicher Poesie“.

Noch relativ neu ist eine Tendenz zu größeren, ruhigeren Farbflächen. Trotz intensiver Durcharbeitung komme dem Zufall eine gewisse Rolle zu: Die Arbeit mit Wachs sei nie gänzlich kontrollierbar und daher alles andere als eine Technik, betont Albrecht: „Ich fange mit jedem Bild neu an.“

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