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Die Seeschnecke bleibt rätselhaft

Spuren des Kolonialismus: Der Tauf-Register-Auszug von Luiz Heinrich Mann. Fotos: DLA, privat
Spuren des Kolonialismus: Der Tauf-Register-Auszug von Luiz Heinrich Mann. Fotos: DLA, privat
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Bei der dritten „Zoom-Kapsel“ am Deutschen Literaturarchiv Marbach sichten der stellvertretende Leiter des Archivs, Jan Bürger, und die Forscherin Veronika Fuechtner unveröffentlichte Korrespondenz aus dem Nachlass Heinrich Manns.

Marbach. Überraschend leicht zu entziffern ist diese wie vom Fahrtwind der Lesrichtung erfasste und geneigte Handschrift, die in wohlgeordneten Zeilen nahezu den gesamten Raum des Papierbogens einnimmt. Analog zum Buchdruck strukturieren Einzüge die gliedernden Absätze in Heinrich Manns Briefen, wobei der Textkörper auf der linken Seite oft ein wenig nach unten abrutscht. Einblicke wie diese gewährte die dritte Ausgabe der „Zoom-Kapsel“ des Deutschen Literaturarchivs (DLA), der aufgrund der Pandemie ins virtuelle Format transformierten Digitalversion der „Zeitkapsel“-Reihe. Am 27.März jährt sich sein Geburtstag zum 150. Mal, auf der Schillerhöhe nahm man das bevorstehende Jubiläum zum Anlass, sich über ausgewählte Archivalien aus dem Nachlass zu beugen. Dieser befindet sich zwar zum Großteil in der Berliner Akademie der Künste, schließlich war Heinrich Mann als deren erster Präsident auserkoren. Doch auch das Marbacher Archiv bewahrt ein Konvolut aus dem Nachlass des älteren Bruders von Thomas Mann auf, das dort immerhin elf Archivkartons füllt.

Weniger das Interesse an klassischem Tratsch als die Tatsache, dass die darin verwahrte, mehrheitlich noch unveröffentlichte Korrespondenz vielfach an weibliche Adressaten gerichtet war, habe sie zu dem etwas reißerischen Veranstaltungstitel „Die Frauen um Heinrich Mann“ veranlasst, erklärte der stellvertretende DLA-Archivleiter Jan Bürger und begrüßte mit Veronika Fuechtner eine ausgewiesene Expertin für die Verhältnisse der Familie Mann an Bord des Literatur-Orbiters.

Mit Julia Bruhns da Silva stehe derzeit Heinrich Manns in Brasilien geborene Mutter im Mittelpunkt ihres Interesses, so Fuechtner. Wie direkt die Lübecker Kaufmannsfamilie mit dem Kolonialismus und daraus resultierenden Migrationsbewegungen verknüpft ist, habe in der Mann-Forschung bislang kaum Beachtung gefunden. Dabei werde dies bereits beim ersten Blick auf den Taufregister- Auszug von Heinrich Mann deutlich: Luiz Heinrich Mann steht dort in Schönschrift zu lesen – die brasilianische Herkunft seiner Mutter war ihm also namentlich eingeschrieben. Als Taufpate fungierte deren Vater Johann Ludwig Hermann Bruhns, der 1837 von Lübeck nach Südamerika ausgewandert war. „Der deutsche Norden und der brasilianische Süden waren sehr eng verbundene Welten – und Brasilien immer sehr präsent in der Familie“, unterstrich die am renommierten Dartmouth College lehrende Germanistin.

In einem Brief an ihren Sohn anlässlich seiner geplanten Hochzeit mit der Argentinierin Inès Schmied äußert Julia Bruhns da Silva sich 1908 sehr begeistert über ihre potenzielle Schwiegertochter, bevor sie auf „klassische Familienbriefthemen“ (Bürger) wie Geld und Gesundheit zu sprechen kommt und in einer Schlussformel endet, für die sie ins Portugiesische wechselt – offensichtlich für sie die „Sprache der Intimität“, meinte Fuechtner. Rätselhaft dagegen die folgende Zeile, um die Bruhns da Silva eine Klammer gefügt hat: „Die Seeschnecke liegt immer still, und Musik ist ihr ganz gleichgültig.“

Bitter klingt der Brief der polnischen Schauspielerin Maria Kanová, die Mann dann tatsächlich geheiratet hat, als es 1928 zur Trennung kommt: „Werde so glücklich als Du es kannst“ schreibt Kanová zum Abschied. Während seine Ex-Frau 1947 an den Folgen der Lagerhaft in Theresienstadt stirbt, überlebt Leonie, das einzige Kind von Heinrich Mann, die Wirren des Zweiten Weltkriegs. „Mixed messages“ – gemischte Botschaften attestierte Fuechtner den Briefen des Literaten, der mit Büchern wie „Der Untertan“ und „Die Jugend des Königs Henri Quatre“ heute zum Kanon gehört, zu Lebzeiten aber im Schatten seines literaturnobelpreisgekrönten Bruders stand, an die Tochter, die er stets mit dem Kosenamen „Goschi“ adressiert. „Ungeheuer kalt“, sekundierte Bürger und diagnostizierte eine „Unfähigkeit zur Empathie“. Erst mit der Geburt des Enkels ändert sich der Tonfall: „Der kleine Heinrich beherrscht die linke (Licht- und Herzens-)Seite meines Schreibtischs“, schreibt Mann 1949, ein knappes Jahr vor seinem Tod, aus dem amerikanischen Exil an Leonie. Abschließend beantworteten Bürger und Fuechtner Fragen der rund 50 zugeschalteten Literaturfreunde. Der Fall „Seeschnecke“ blieb jedoch ungeklärt.