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Die Sorge vor dem ewigen Zwischenlager

„Für meine Generation ist das Zwischenlager ein Endlager“, sagt Jörg Frauhammer. Der Gemmrigheimer Bürgermeister ist 55 Jahre alt, wenn die aktuelle Genehmigung für das Standort-Zwischenlager 2046 ausläuft, wird er 81 sein. Und schon jetzt ist klar: Das Atomzeitalter wird in Gemmrigheim und Neckarwestheim auch dann nicht beendet sein, das Zwischenlager wird länger bleiben. Im besten Fall vier Jahre.

Hat Platz für 151 Castorbehälter: das Atommüll-Zwischenlager in einem ehemaligen Gemmrigheimer Steinbruch. Archivfoto: Sebastian Kahnert/dpa
Hat Platz für 151 Castorbehälter: das Atommüll-Zwischenlager in einem ehemaligen Gemmrigheimer Steinbruch. Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Gemmrigheim/Neckarwestheim. Würde der offizielle Zeitplan eingehalten, fiele die Entscheidung über das künftige Endlager 2031, in Betrieb könnte es aber erst 2050 gehen – vier Jahre nach Auslaufen der bestehendenden Betriebsgenehmigung für das Standort-Zwischenlager am AKW Neckarwestheim, das komplett auf Gemmrigheimer Markung liegt. Eine Verlängerung der Laufzeit des Zwischenlagers ist also unumgänglich – und die wird nicht unbürokratisch vonstatten gehen, sondern bedarf einer aufwendigen Neugenehmigung mit acht Jahren Vorlauf. Der müsste also 2038 beginnen.

Sollte bis dahin – aus gleich welchen Gründen – immer noch unklar sein, wo der Neckarwestheimer Atommüll dauerhaft landet, werde es in Gemmrigheim heftigen Widerstand geben, sagt der promovierte Ingenieur Frauhammer, dessen Vater im Atomkraftwerk gearbeitet hat. Er verlangt daher nicht nur, dass vor einer Verlängerung fürs Zwischenlager alles, auch die Castorbehälter für die abgebrannten Brennstäbe, nochmals auf den Prüfstand kommt – er drängt vor allem auf eine Einhaltung des Zeitplans für die Endlagersuche.

Ins gleiche Horn stößt sein Neckarwestheimer Kollege Jochen Winkler: Er wünsche eine „geordnete, zielgerichtete und zügige Endlagersuche“, sagt er, fürchtet aber, dass die zerredet werden könnte. Doch selbst wenn das mindestens noch elf Jahre lange Verfahren selbst nicht durch Störfeuer gestört werde – wie etwa den Schwur der bayrischen Koalitionäre, kein Endlager im Freistaat zu akzeptieren – sei der künftige Standort mit einem wissenschaftlich flankierten und politisch legitimierten Beschluss allein noch lange nicht durchgesetzt, erinnert Winkler an Gorleben: „Egal wen es trifft: Keiner wird das Endlager haben wollen!“ Das wird wohl erst recht dann zutreffen, wenn sich Anti-AKW-Initiativen – wie das Bündnis „ausgestrahlt“ oder der Bund der Bürgerinitiativen Mittlerer Neckar – in ihrer Befürchtung bestätigt sehen sollten, dass am Ende bei der Standortwahl nicht die wissenschaftsbasierte Eignungsprüfung, sondern der zu erwartende Widerstand vor Ort den Ausschlag geben könnte.

Aber selbst wenn das künftige Endlager – wie vorgesehen – 2050 in Betrieb gehen sollte, wäre das wohl noch lange nicht das Ende des Zwischenlagers in Gemmrigheim. Denn dann müssen erst einmal insgesamt 1900 Castorbehälter aus den 16 Zwischenlagern ins neue Endlager transportiert werden: eine Prozedur, die sich wohl über etliche Jahre hinziehen wird, selbst wenn sich die aus Gorleben bekannten – oder demnächst bei einem Castortransport nach Biblis erneut möglichen – Bilder nicht mehr wiederholen. Hinzu kommt: Gemmrigheim ist das einzige deutsche Zwischenlager unter Tage und gilt deshalb als besonders sicher. Frauhammer und Winkler nehmen daher an, dass die Bundesanstalt für Zwischenlagerung, die das 2006 eröffnete Lager Anfang 2019 von der EnBW übernahm, für die Neugenehmigung abermals eine Laufzeit von 40 Jahren beantragen wird – und diese zumindest zu einem beträchtlichen Teil auch ausschöpfen muss.

Das Atomkraftwerk Neckarwestheim wird dann längst verschwunden sein – und mit ihm, sagt Frauhammer, nicht nur die Arbeitsplätze, sondern beispielsweise auch die Werksfeuerwehr der EnBW. Aber wer, fragt der Schultes vorsorglich, soll sich dann um den Brandschutz im fortbestehenden Zwischenlager kümmern?

Frauhammer und Winkler werden sich die heute beginnende Fachkonferenz Teilgebiete des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung, zu der auch Vertreter der Kommunen eingeladen sind, im Livestream ansehen. Vertreten lassen sie die Interessen ihrer Gemeinden von der Asketa, der Arbeitsgemeinschaft der Standortgemeinden kerntechnischer Anlagen. Auch sie erwartet eine „Langzeit-Zwischenlagerung“ und fordert deshalb neue Sicherheitskonzepte für die Zwischenlager sowie – analog zum Endlager-Suchverfahren – ein „gesellschaftliches Begleitgremium“ für ihre Neugenehmigung. Außerdem müssten die Standortgemeinden für ihre Nachteile durch ihren Zusatzbeitrag zur Lösung der Endlagerfrage genauso entschädigt werden wie die Kohleregionen.

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