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„Die Verwirrung im Handwerk ist groß“

Kontrollen auf Baustellen, Umgang mit Leiharbeitern, Wartezeiten: Betriebe müssen nach Einführung der 3G-Regel am Arbeitsplatz viele Fragen klären

Mit Pinsel, Bürste, Walze und, in der Kiste, Schleifmaschine: Malermeister Niklas Gruber arbeitet auch an seinem Geburtstag. Das darf er neuerdings nur nach Vorlage seines Impfnachweises. Foto: Holm Wolschendorf
Mit Pinsel, Bürste, Walze und, in der Kiste, Schleifmaschine: Malermeister Niklas Gruber arbeitet auch an seinem Geburtstag. Das darf er neuerdings nur nach Vorlage seines Impfnachweises. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Der Mittwoch dieser Woche war für Niklas Gruber kein Tag wie jeder andere. Erstens wurde er an diesem Tag 26 Jahre alt, zweitens startete sein Arbeitstag so wie nie zuvor: Um in die Werkstatt gehen zu können, musste er erst seinen Corona-Status offenlegen. Gruber ist gegen das Virus geimpft, im Verwaltungsgebäude des Handwerkverbunds Arta zeigte er seinen Nachweis vor. Erst danach durfte er mit der Arbeit beginnen.

Seit Mittwoch gilt die 3G-Regel am Arbeitsplatz – ein gesetzliches Instrument, das dabei helfen soll, die in die Höhe schießenden Corona-Infektionszahlen wieder zu senken. Für das Handwerk ist es jetzt, zu Beginn, schwierig, die verschärften Regeln im Kampf gegen die Pandemie umzusetzen. „Die Hotlines unserer Handwerkskammern und der Fachverbände laufen heiß“, sagte der Hauptgeschäftsführer beim Baden-Württembergischen Handwerkstag, Peter Haas, jetzt im SWR-Radio. Auch Arta-Prokurist Björn Foetsch sagt im LKZ-Gespräch: „Die Verwirrung ist derzeit groß, es gibt einen Sack voller Fragen, die nicht einfach zu klären sind.“ Die Umsetzung der Coronavorgaben sei „sehr, sehr aufwendig, sie ist inzwischen ein beachtlicher Teil unserer Aufgaben bei der Baustellenplanung und -steuerung. Das überrollt uns gerade.“

Zugang zu einem Betrieb bekommt seit Mittwoch nur noch, wer geimpft, genesen oder getestet ist. Handwerker aber arbeiten nicht im Büro, sondern fahren in der Regel von zu Hause aus direkt auf in der Region verstreute Baustellen und zu Kunden. Die Arta-Betriebe müssen nun klären, wer dort werktäglich den „Getestet“-Status überprüft – darf das der Vorarbeiter machen oder muss der Meister hin? „Stand jetzt“, sagt Foetsch, „muss die Führungskraft, also die erste Gehaltsstufe, das machen.“ Einige Kunden prüfen darüber hinaus ebenfalls den 3G-Status jedes Handwerkers, der ihr Firmengelände betritt. Müssen Handwerker deshalb eine halbe Stunde vor einem Werkstor warten – „ist das dann Arbeitszeit oder nicht?“ Arta setzt, etwa bei Auftragsspitzen, auch Leiharbeiter ein, „aber wir sind ja nicht deren Arbeitgeber. Wie prüfen wir dann den Status dieser Leiharbeiter? Solche Dinge müssen wir jetzt gerade klären“, sagt Foetsch, „das ist ein enormer Verwaltungsaufwand“. Auch müsse geklärt werden, wie mit den gesundheitsbezogenen Personendaten der Mitarbeiter umgegangen wird: „Wir sind nicht darauf eingestellt, diese Daten zu erfassen.“ Foetsch: „In welcher Form legen wir diese Daten ab, wer darf darauf zugreifen, wie schaffen wir es, dass wir das alles datenschutzkonform hinbekommen?“ Diese Probleme „sind nicht unlösbar, aber sie beschäftigen uns stark und nehmen sehr viel Zeit in Anspruch“. Am nächsten Dienstag trifft sich die Arta-Leitung mit ihrem Datenschutzberater, um diese sensiblen Fragen zu klären.

Arta mit Stammhaus in Ludwigsburg ist das Markendach, unter dem sich eigene und lizenzierte Betriebe versammeln, um am Markt Handwerksarbeiten anzubieten. Das Netzwerk beschäftigt insgesamt rund 1000 Menschen an knapp 30 Standorten in Deutschland und Österreich. An jedem dieser Standorte versammelten sich am Mittwoch, als noch viele Fragen offen waren, ausnahmsweise alle Mitarbeiter: Vor der Fahrt zu Baustellen und Kunden mussten sie ihren Impfnachweis oder Teststatus vorzeigen, alles wurde in Listen eingetragen.

Geplant werden muss auch für den Fall, dass auf Baustellen 2G (geimpft und genesen) gilt und ungeimpfte Handwerker deshalb nicht mehr dort arbeiten können. Auch wer – unter der 3G-Regel – weder einen Impf- noch einen Testnachweis vorzeige, falle als Arbeitskraft aus. Wie damit umzugehen ist – um das alles müssen sich die Führungskräfte des Arta-Verbunds nun kümmern.

Klar ist, dass Kontakte reduziert werden müssen. Waren Baustellenteams früher durchmischter, weil Handwerker individueller eingesetzt wurden, werden die Teams jetzt in konstanter Besetzung gehalten – Versetzungen sind kaum noch möglich. In jedem Fahrzeug sitzen maximal zwei Mitarbeiter – also müssen mehr Wagen eingesetzt werden, was die Kosten für Sprit und Fuhrpark deutlich erhöhe, so Foetsch.

Die Mitarbeiter des Arta-Verbunds haben in dieser Woche Informationsblätter erhalten, wie sie sich unter Coronabedingungen zu verhalten haben, auf was sie achten müssen und welche Konsequenzen ihnen drohen, wenn sie sich an bestimmte Vorgaben nicht halten. Es haben sich nun so viele Corona-Hinweise angesammelt, dass die Mitarbeiter viel zu lesen haben – das Regelwerk ist fünf Seiten dick.

Zusatzbox:

Die Kontrolle der 3G-Regel bedeute für Betriebe „einen zusätzlichen bürokratischen Aufwand“, teilt Julia Häcker, Sprecherin der Handwerkskammer Region Stuttgart, auf Anfrage mit. Innerbetrieblich lasse sich die Überprüfung gut umsetzen, doch „bei Dienstleistungen in Privatwohnungen beispielsweise lässt sich nicht prüfen, ob der Kunde geimpft oder getestet ist und damit der Schutz des Mitarbeiters gewährleistet ist.“

Fallen ungeimpfte Mitarbeiter von Handwerksbetrieben als Arbeitskraft aus (etwa bei 2G-Regelungen auf Baustellen oder bei Kunden), dann sei es „fraglich, ob Lohnkürzungen ein gutes Instrument für den Arbeitgeber sind. In Zeiten des Fachkräftemangels werde jeder qualifizierte Mitarbeiter und jede qualifizierte Mitarbeiterin in der Branche gebraucht“, so Häcker. Die Handwerkskammer rate, dass alle Mitarbeiter mit Kundenkontakt geimpft sein sollten.

Der Ludwigsburger Kreishandwerksmeister Albrecht Lang sagt: „Die Lösung des Problems wäre, wenn sich alle Mitarbeiter impfen lassen würden.“ Die Handwerksbetriebe seien „unterschiedlich stark“ von der Coronalage betroffen – „der Dachdecker, der vor allem im Freien arbeitet, weniger stark, die Handwerker mit körpernahen Dienstleistungen stärker“. Alle Betriebe, so der Kreishandwerksmeister, „kämpfen gerade damit, die vielen Vorschriften des Infektionsschutzgesetzes umzusetzen“. (wd)

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