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Digitale Arztbesuche nehmen deutlich zu

Die Menschen sind nun seit fast einem Jahr angehalten, die Kontakte zu anderen zu minimieren. Das hat auch Auswirkungen auf den Arztbesuch. Seit der Pandemie bieten viele Ärzte Online-Sprechstunden an. Das sei in diesen Zeiten eine gute Möglichkeit, aber längst kein ebenbürtiger Ersatz für den Arztbesuch, wie Ärzte vor Ort erzählen.

Ein Hausarzt sitzt während einer Videosprechstunde in seiner Praxis vor einem Laptop. Foto: Monika Skolimowska/dpa
Ein Hausarzt sitzt während einer Videosprechstunde in seiner Praxis vor einem Laptop. Foto: Monika Skolimowska/dpa

Ludwigsburg. Die Augenarztpraxis Dres. Kortüm in Ludwigsburg bietet nun seit einiger Zeit Video-Sprechstunden für ihre Patienten an. Gerade während des ersten Lockdowns seien viele Patienten verunsichert gewesen und hätten sich einen Besuch in der Praxis gerne erspart, um die Kontakte zu anderen Menschen zu verringern. „Wir haben in der ganzen Zeit vielleicht 40 bis 50 Video-Sprechstunden durchgeführt“, sagt Augenarzt Karsten Kortüm. „Für gewisse Krankheitsbilder wie beispielsweise Bindehautentzündung oder Gerstenkorn ist das durchaus möglich.“ Doch er betont auch: „Die Video-Sprechstunden haben gerade in der jetzigen Zeit einen gewissen Stellenwert. Aber sie ersetzen keine augenärztliche Untersuchung.“

Dass Online-Sprechstunden in der Coronazeit einen regelrechten Boom erlebt haben, zeigt auch ein Blick auf die Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW),die bis zur Jahreshälfte 2020 vorliegen. Während im vierten Quartal des Jahres 2019 27 Praxen im Land die Möglichkeit von Video-Sprechstunden anboten, waren es im zweiten Quartal des Jahres 2020 schon 3120 Praxen. Deutlicher wird es bei den behandelten Fällen. Im vierten Quartal 2019 waren es 145. Im zweiten Quartal 2020 bereits 51551. „Online-Sprechstunden gibt es bereits seit ein paar Jahren“, sagt Kai Sonntag, Pressesprecher der KVBW. „Bis vor einem Jahr haben sie allerdings keine Rolle gespielt. „Nun geht die Zahl der Video-Sprechstunden drastisch nach oben.“ Die mit dem Coronavirus verbundenen Maßnahmen und der erste und auch zweite Lockdown spielen dabei für Sonntag eine große Rolle.

Die Alternative zum persönlichen Arztkontakt ist allerdings nicht mit jedem beliebigen Videodienstanbieter möglich. „Es gibt eine Liste mit zertifizierten Anbietern, aus denen die Ärzte wählen können“, sagt Sonntag. Das habe auch datenschutzrechtliche Gründe. Nur mit den zertifizierten Anbietern ist auch eine Abrechnung möglich. Ansonsten benötigen Praxen für die Video-Sprechstunde eine Internetanbindung, einen Monitor beziehungsweise einen Bildschirm, Kamera, Mikrofon und Lautsprecher sowie die Einwilligung des Patienten. Der Patient wiederum benötigt neben der Internetanbindung ein Tablet oder Smartphone mit Kamera, Mikrofon und Lautsprecher.

Doch nicht alle Ärzte sind auf den Zug aufgesprungen. In der Praxis von Hausärztin Brigitte Szaszi in Sachsenheim, die gleichzeitig Vorsitzende des Virchowbundes Baden-Württemberg ist, werden nach wie vor keine Online-Sprechstunden angeboten. „Viele Patienten brauchen und schätzen den persönlichen Arztkontakt“, sagt sie. „Es ist ein großer Unterschied, ob man vom PC aus oder persönlich behandelt.“ Doch sie sagt auch, dass Online-Sprechstunden in der Coronazeit ein Vorteil sein können. „Für kleinere Erkrankungen wie einen Schnupfen zum Beispiel. Doch ein Restrisiko bleibt immer.“ Sie erzählt, dass ihr Praxisteam relativ jung ist und man immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten sei. „Doch ich hoffe, dass auf Dauer nicht alles ausschließlich digitalisiert wird. Ich möchte als Hausarzt ja nicht nur der Datensammler sein.“

Viele ihrer Kollegen würden die Möglichkeit zur Video-Sprechstunde allerdings nutzen. „Wenn es in Richtung Stadt geht, nimmt das Angebot zu“, sagt Szaszi. Ein Kollege von Augenarzt Kortüm, der die Patientenzufriedenheit bei Online-Sprechstunden ausgewertet hat, komme zudem zu einem positiven Ergebnis. „Die Zufriedenheit der Patienten ist in dem Zusammenhang sehr hoch“, sagt Kortüm. „Für die Zeit von Corona ist es ein gutes Mittel, in gewissen Fällen auf Video-Sprechstunden zurückzugreifen. Aber nicht auf Dauer.“

Auch Kinderarzt Thomas Kauth spricht im Zuge der Pandemie von einer deutlichen Zunahme der Video-Sprechstunden. Kauth, stellvertretender Vorsitzender der Kreisärzteschaft Ludwigsburg, sieht die Befunderhebung und somit auch die Diagnosesicherheit per Video allerdings deutlich eingeschränkt. „Ein Primärbefund per Video ist meistens schwierig“, sagt er. Für die Verlaufskontrolle, bei Fragen zur Medikation oder dann, wenn eine körperliche Untersuchung nicht unbedingt notwendig ist, sei die Sprechstunde per Video allerdings von Vorteil. „So reduzieren wir in Zeiten von Corona die Kontakte und die Patienten können sich zudem den Anfahrtsweg sparen“, sagt er. Einen Mehraufwand bei Video-Sprechstunden sieht er nicht. „Auch wenn das Gespräch vielleicht ausführlicher ist, da gewisse Dinge abgefragt werden müssen.“

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