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Ein Albatros mit Wortgewalt

Der Dichter Rainer René Mueller erhält den Gerlinger Lyrikpreis

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Sperrige Textgebilde: Rainer René Mueller und Petra Schmidt-Hieber bei der Verleihung des Lyrikpreises.Foto: Benjamin Stollenberg

Ludwigsburg. Gerlingen. Der Dichter ist wie ein Albatros. Der Seevogel segelt elegant mit riesenhaften Flügeln übers Wasser, doch an Land lässt er die Flügel traurig hängen, mit seinem Ungeschick zieht er den Spott der Menschen auf sich. „Der Dichter ist wie jener Fürst der Wolke“ schrieb einst Charles Baudelaire. Auf den französischen Schriftsteller berief sich auch Mäzenin Petra Schmidt-Hieber bei der Verleihung des ersten Gerlinger Lyrikpreises an Rainer René Mueller.

 

Dass Lyrik normalerweise ein Nischendasein führt, mochte man an diesem Abend nicht glauben. Die Stadtbücherei war dicht besetzt, die Besucher saßen sogar auf den Treppenstufen, als Stifterin Petra Schmidt-Hieber den Bogen von den Albatrossen zu den Dichtern schlug. Würden beide aus ihrem Element gerissen, gerieten sie in Konflikt mit den gesellschaftlichen Normen und Konventionen, führte die Stifterin aus. Der Albatros muss fliegen und der Dichter schreiben. Dafür braucht der Albatros den Wind, um abheben zu können und der Dichter die finanzielle Unterstützung, um weiter wirken zu können.

 

So war die Freude bei Rainer René Mueller groß, als er den mit 5000 Euro dotierten Preis von der engagierten Literaturförderin entgegennahm. Der 67-Jährige ist in Würzburg geboren und studierte in Heidelberg Theologie, Germanistik, Philosophie, Französisch sowie Kunstgeschichte. Seit Mitte der siebziger Jahre ist er freiberuflich publizistisch tätig und veröffentlichte 1981 seinen ersten Gedichtband „LiedDeutsch“, weitere folgten. Die Markenzeichen des in einem Dorf in Lothringen und in Heidelberg lebenden Dichters sind laut Jurymitglied Hans Thill seine sperrigen Textgebilde, sein Mut zu Wortfragmenten und zu zerrissener Syntax.

 

Wie Thill in seiner Laudatio weiter ausführte, haben Muellers Texte fränkische, alemannische, jiddische, französische und italienische Sprengsel. Thill bescheinigte dem Preisträger eine Knappheit und Radikalität wie sie sonst nur in der Musik bei Jazz und Punk zu finden sei.

 

Mueller las zum Abschluss seiner Dankesrede eines seiner bekanntesten Gedichte „Lirum larum“ vor. Mit Wortgewalt presste er die Botschaft über das Deutschsein hervor. Lange Gekeimtes, in Metronome und Schlagstöcke gehängt. Das Lied des Vogelsängers wird zum Stürmer- und zum Trümmerlied. Kurz und knapp rechnete er mit dem düstersten Kapitel der deutschen Geschichte ab und die Art, wie er das in seinem ersten Buch erschienene Gedicht vortrug, ließ traurige Wut spüren. „Lirum larum, Löffelstiel“: Was sich wie ein Kinderreim anhörte, war eine Anklage an Hass und Menschenverachtung.