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Ein durchgängiges Fußgängerkonzept fehlt

Stolperfallen und Barrieren: Die beiden Rollstuhlfahrer Alexander Lang und Jürgen Schick haben Bürgermeister Uwe Seibold und Gemeinderäten gezeigt, wo die Gefahrenstellen in Kirchheim lauern. Der Rundgang der Arbeitsgruppe „Barrierefreiheit im öffentlichen Raum“ hat übrigens zum ersten Mal stattgefunden.

Die Rollstuhlfahrer Jürgen Schick (links) und Alexander Lang weisen Bürgermeister Uwe Seibold (rechts) auf ein Hindernis direkt vor dem Rathaus hin: die Pflastersteine. Foto: Alfred Drossel
Die Rollstuhlfahrer Jürgen Schick (links) und Alexander Lang weisen Bürgermeister Uwe Seibold (rechts) auf ein Hindernis direkt vor dem Rathaus hin: die Pflastersteine. Foto: Alfred Drossel

Kirchheim. Wer gut zu Fuß ist, bemerkt sie kaum. Doch für andere stellen sie ein großes Hindernis dar: Kanten an den Pflastersteinen, Wasserrinnen, enge Fußwege und hohe Bordsteine. Bei einem Ortsrundgang haben der externe Berater, Alexander Lang aus Mühlacker, und der Kirchheimer Jürgen Schick Bürgermeister Uwe Seibold und Gemeinderäte für das Thema Barrierefreiheit sensibilisiert. Lang sitzt seit einem Verkehrsunfall vor 30 Jahren im Rollstuhl. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, Bauherren, Unternehmen und Kommunen für Barrierefreiheit zu sensibilisieren (wir berichteten). Jürgen Schick wohnt in Kirchheim und unterstützt die Wählergemeinschaft Kirchheim beim Thema Barrierefreiheit und Schule. Er ist Rehamanager und ebenfalls Rollstuhlfahrer.

„Wir wollen heute gucken, wo Maßnahmen sinnvoll und wichtig sind und wo sie nur Aktionismus wären und zurückgestellt werden können“, sagt Seibold zum Start des Ortsrundgangs am Rathaus. Denn für den Rathauschef ist es zudem wichtig, dass Mittel dafür von Land und Bund fließen. Lang und Schick haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Teilnehmer des Rundgangs darauf aufmerksam zu machen, welche Stolper- und Gefahrenstellen auf dem Weg vom Rathaus bis zum Bahnhof lauern – nicht nur für Rollstuhlfahrer, auch für ältere Menschen mit Rollator, Familien mit Kinderwagen, Hörgeschädigte, Blinde oder Menschen mit Lern- und Verhaltenseinschränkungen.

Bereits vor dem Rathaus wartet das erste Hindernis: die Pflastersteine. „Wenn Sie beispielsweise den Fuß hinterherziehen, bleiben Sie andauernd daran hängen“, weiß Alexander Lang. Und Jürgen Schick hat die Erfahrung gemacht, dass das Fahren mit dem Rollstuhl über kleinere Pflastersteine körperlich sehr anstrengend ist. Ein glatteres oder größeres Pflaster wie am Schillerplatz – ohne breite Fugen wie vorm Rathaus – wäre sinnvoll, raten die beiden Rollstuhlfahrer.

Weiter geht’s durch die Hauptstraße in Richtung Bahnhof. Der Bürgermeister möchte wissen, ob es besser ist, einen erhöhten Gehweg zu haben oder eine niveaugleiche Ebene von Gehweg und Straße. Alexander Lang: „Ein erhöhter Gehweg mit genügend Ab- und Auffahrtsmöglichkeiten ist auf jeden Fall sicherer.“ Zum einen würden die Autofahrer in Sachen Geschwindigkeit nicht immer Rücksicht nehmen. Zum anderen sei der ebenerdige Gehweg beispielsweise auf Höhe der Hauptstraße 29 sehr schmal. Auf der einen Seite ist er von einer Hauswand, auf der anderen Seite von einer Wasserrinne begrenzt. „Das ist nicht nur für Rollstuhlfahrer eine Herausforderung, auch für Menschen mit Rollator“, sagt der Kirchheimer Schick. Langs Vorschlag: nur eine Seite mit einem erhöhten Gehweg auszubauen. Idealerweise einem, der nur zwei Zentimeter hoch ist und nicht – wie oft gängig – acht bis zehn Zentimeter. „Im Rahmen der Ortskernsanierung kann man solche Sachen anders machen“, sagt Seibold.

Den Platz gegenüber dem Gästehaus Journal finden die beiden Männer schön gestaltet. Der externe Berater Lang hat aber auch hier eine Anregung: Die Sitzfläche der Bänke sollte für die Senioren, die sich hier gerne treffen, eine Höhe von 50 bis 52 Zentimeter haben statt wie jetzt 46 Zentimeter. Gefährlich wird’s dann für die beiden Rollstuhlfahrer, als sie die vielbefahrene Schillerstraße Richtung Wilhelmstraße überqueren wollen. „Da ist es schwierig, alleine rüberzukommen, du wirst von den Autofahrern nicht gesehen“, kommentiert Jürgen Schick die Situation. Und immer wieder gibt es Bordsteine, aber keine Absenkungen, was sich für die Männer als Hindernis erweist.

Zum Bahnhof führt schließlich bequem ein Zebrastreifen hinüber. „Die Fläche vor dem Bahnhof soll sukzessive umgestaltet werden. Dazu gehört auch der Vorplatz mit den Bushaltestellen“, sagt der Schultes. Im Zuge der Neuordnung auf dem Cronimet-Areal ist ein Busbahnhof geplant. Das große Thema am Bahnhof: Man kommt nicht barrierefrei auf die andere Bahnsteigseite. Stattdessen muss man die Bahnhofstraße hinunter und durch eine Unterführung. Kirchheim wurde allerdings im vergangenen Jahr nicht ins Modernisierungsprogramm der Bahn aufgenommen (wir berichteten). „Wir wollen in ein alternatives Förderprogramm hineinkommen“, so Seibold mit Blick auf Mittel aus dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG). Wünschenswert sei eine Rampe. „Ein Aufzug ist zu kostenintensiv und ständig kaputt“, kommentiert Alexander Lang. Und der Schultes sagt: „Eine Rampe wäre günstiger. Die Frage ist aber, ob der Platz dafür reicht.“

Bushaltestellen: Laut einer EU-Vorgabe ist die Gemeinde dazu verpflichtet, bis Ende 2021 alle Bushaltestellen so umzugestalten, dass sie barrierefrei zugänglich sind.Beim Schillerplatz, der im Moment barrierefrei ist, würde das den Bau einer Rampe bedeuten, die den Einstieg in den Bus erleichtert. „Das sehe ich im Moment baulich gar nicht machbar“, so Seibold. Ansonsten habe Kirchheim vier weitere Bushaltestellen, die das betreffe. Auch in Sachen Zebrastreifen soll sich etwas tun – obwohl die Gemeinde durch das Raster des Landes-Förderprogramms „1000 Zebrastreifen“ gefallen ist. „Wir sind in enger Abstimmung mit der Verkehrsbehörde“, so der Schultes.

Fazit: Das Resümee von Alexander Lang und Jürgen Schick ist, dass es in Kirchheim kein durchgängiges Fußgängerkonzept gibt. „Man wechselt ständig von einer Seite auf die andere.“ Ein gefahrloses Queren der Straßenseite mit Auf- und Abgängen beim Bordstein sei wichtig. „Wir wollen etwas zur Barrierefreiheit erreichen und das Thema ernsthaft angehen“, betont Bürgermeister Uwe Seibold.

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