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Ein ehrgeiziges Vorhaben

Vor etwa einem halben Jahr ist die Gemeinde Kirchheim in den Weinbau eingestiegen und setzt sich so für den Erhalt der Kulturlandschaft ein. Mehr als zwei Hektar Steillagen werden derzeit bewirtschaftet – Tendenz steigend. Wenn das zunächst auf drei Jahre begrenzte Projekt fortgesetzt werden soll, müssen über kurz oder lang Einnahmen her. Und dafür gibt es bereits im Wortsinn monsterhafte Ideen.

Noch ist es ein Entwurf, aber so könnte die Flasche mit dem Kirchheimer Rosé aussehen. Betriebsleiter Thomas Nollenberger (links) und Bürgermeister Uwe Seibold zumindest sind von dem kleinen, süßen Monster auf dem Etikett überzeugt. Foto: Ramona Thei
Noch ist es ein Entwurf, aber so könnte die Flasche mit dem Kirchheimer Rosé aussehen. Betriebsleiter Thomas Nollenberger (links) und Bürgermeister Uwe Seibold zumindest sind von dem kleinen, süßen Monster auf dem Etikett überzeugt. Foto: Ramona Theiss

Kirchheim. Die Entscheidung im Januar war im Kirchheimer Gemeinderat unstrittig. Vielmehr noch: Den Gremiumsmitgliedern war bewusst, wie wichtig dieser Beschluss für die Zukunft der terrassierten Lagen sein wird. Denn in Kirchheim ist es wie andernorts auch – die Brachflächen in den arbeitsintensiven Steillagen werden mehr. Pächter geben ihre Flächen an Eigentümer zurück und diesen ist es häufig nicht mehr möglich, die eigenen Lagen weiter zu bewirtschaften oder zu pflegen – ob aus Alters-, Zeit- oder Gesundheitsgründen. Je mehr brach liegt, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Hubschrauberspritzung eingestellt werden muss. Die Folge: Noch mehr Wengerter werden ihre Steillagen aufgeben. Deswegen hatte sich Kirchheim entschlossen, die Bewirtschaftung der brachen terrassierten Flächen zu übernehmen. Dabei geht es auch um die Verkehrssicherungspflicht der an den Weinbergen verlaufenden Wege, im Speziellen um den bei Ausflüglern so beliebten Neckartalradweg.

Ein halbes Jahr ist seitdem verstrichen. „Es hat sich als sehr herausfordernd dargestellt“, fasst Bürgermeister Uwe Seibold die Geschehnisse im Gespräch mit unserer Zeitung zusammen. Denn als der Beschluss damals fiel, war unklar, wie viele Flächen zu bewirtschaften sein werden. Die Kommune kann im Zuge des Projekts mit den betreffenden Grundstückseigentümern kostenfreie Pachtverträge abschließen und zudem Flächen, die ihr bereits als Schenkung angeboten worden waren, als „bedingte Schenkung“ annehmen. Mit dem Ergebnis, dass „wir jetzt 2,3 Hektar haben. Komplette Steillagen“, sagt Seibold. Die Anzahl kam relativ schnell zusammen. Und es hätten auch noch mehr sein können, Anfragen gab es nämlich viele – allerdings nicht immer aus den möglichen Gebieten. Denn der Gemeinderat hatte zuvor das Areal festgelegt, in dem der kommunale Weinbau möglich sein soll: der terrassierte Steillagenbereich am Neckar und im Areal „Hinter der Kirche“. Würde das Angebot für sämtliche Steillagen gelten, „wären wir wohl schnell bei sieben Hektar“, vermutet der Bürgermeister.

So aber sind es 2,3 – zunächst. „Die Tendenz geht dahin, dass wir noch mehr Flächen dazubekommen“, sagt Thomas Nollenberger. Er ist als Betriebsleiter für die Bewirtschaftung zuständig. Seit 1. Mai wird er von Malte Arnold (im Bild ganz oben bei der Arbeit) unterstützt und von Brigitte Wittich. Drei Beschäftigte mit einem Stellenumfang von insgesamt 130 Prozent. „Das ist natürlich ehrgeizig, bei der Fläche, die wir bewirtschaften“, sagt der Bürgermeister.

Deswegen wurde von vorneherein auf Unterstützung gesetzt. Es gebe einige Leute, die sich ehrenamtlich dafür engagierten und begeisterten. „Während der Lese müssen wir auf Betriebshelfer der örtlichen Betriebe und auf ehrenamtliche Lesehelfer setzen“, erklärt Nollenberger. Mit offenen Armen empfangen worden seien die kommunalen Weinbauer auch von den Weingärtnern Stromberg-Zabergäu, bei der die Kommune ein ganz normales Mitglied ist. „Das war wirklich positiv“, sagt Seibold.

Gute Gespräche mit der Kellerei sind auch deswegen wichtig, weil in enger Zusammenarbeit mit den Weingärtnern eigener Wein hergestellt werden soll. Denn schließlich geht es darum, wirtschaftlich zu arbeiten. „Das Rückgrat für die schwarze Null ist der Weinverkauf“, betont der Bürgermeister. Auch wenn der erste Wein vermutlich im späten Frühjahr, frühen Sommer 2021 ausgeschenkt werden kann, so laufen jetzt bereits die Vorbereitungen auf Hochtouren. Es sind drei sehr trockene Weine geplant, die laut Thomas Nollenberger im gehobenen Mittelfeld angesiedelt sind. Der Rotwein wird demnach eine Cuvée aus Cabernet Sauvignon, Spätburgunder und Lemberger. Aus den Riesling-Trauben wird ein Weißwein, und der „frische, aber trockene“ Rosé kommt vermutlich als Cuvée aus Lemberger mit einem Schuss Trollinger daher. „Das sind Weine, die zu 100 Prozent hier wachsen“, sagt Seibold. Geplant ist, etwa 2000 Flaschen von jeder Sorte zu verkaufen, die übrigen Trauben würden dann ganz normal bei der Kellerei abgeliefert. Und die Kirchheimer Flaschen sollen ja auch hübsch aussehen. Das tun die drei Probeetiketten, die Seibold und Nollenberger beim Gespräch präsentieren. Ganz oben steht „Wein Kultur Kirchheim“. Darunter ziert jedes Etikett ein kleines Monster – und die sind in Kirchheim nicht unbekannt. Schließlich sind sie von der hiesigen Künstlerin Lisa Nollenberger gestaltet worden und haben unlängst im Zuge von „Kunst im Mai“ in größerer Version entlang des Neckartalradwegs für Aufsehen gesorgt. Monsterdame Regina steht für den Riesling, Rosa für den Rosé und Monstermann Roberto für den Rotwein. „Das ist alles noch im Entwurfsstadium“, betonen die beiden Männer – wenngleich es nicht zu übersehen ist, wie angetan sie von den Etiketten sind. Zumal sich mit den Monstern auch noch weitere Aktionen in den Kirchheimer Steillagen verbinden ließen. Wie berichtet, soll dort ein Erlebnisweg-Rundwanderweg eröffnet werden. Und eines der Monster könnte gerade den jungen Ausflüglern plakativ etwas über den Weinbau und die vielen Sagen und Legenden erzählen. Passend zur jungen Zielgruppe sei zudem eine Traubensaft-Schorle in der Entwicklung. Seibold: „Wir wollen also mit vier Produkten an den Start gehen.“ Kommt die Eigenmarke gut an, könnte der kommunale Weinbau auch länger als drei Jahre gehen. „Wir arbeiten mit allen daran, dass das Projekt erfolgreich wird.“

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