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Ein Kampf mit Worten statt mit Waffen

Natalka Sniadanko. Foto: Ramona Theiss
Natalka Sniadanko. Foto: Ramona Theiss
Die ukrainische Schriftstellerin und Übersetzerin Natalka Sniadanko ist mit ihren Kindern aus der Ukraine geflohen, nun ist sie Gastautorin in Marbach

Marbach/Lwiw. Als Natalka Sniadanko Mitte Februar mit ihrem Mann und den beiden Kindern aus Lwiw in der West-Ukraine ins polnische Krakau reist, um für ein paar Tage Freunde zu besuchen, ahnt sie nicht, dass sie für lange Zeit nicht nach Hause zurückkehren wird. Wie so oft im Leben spielt der Zufall eine Rolle: Der 18-jährige Sohn der Schriftstellerin und Übersetzerin muss wegen einer fehlenden Coronaimpfung in Quarantäne, der Aufenthalt verlängert sich. Der Mann fährt zwischenzeitig in die Ukraine, um sie später abzuholen, so der Plan – dann kommt der Krieg. Ihr Mann entscheidet, in Lwiw zu bleiben, Frau und Kinder bleiben gleich im sicheren Polen. Der russische Angriff trennt die Familie – über eine Zwischenstation in Budapest kommen Sniadanko und ihre beiden Kinder schließlich nach Marbach, wo sie kurzfristig ein Stipendium als Gastautorin am Deutschen Literaturarchiv (DLA) erhält und im Collegienhaus wohnen darf.

„Es kam alles sehr überraschend, wir hatten gar keinen Plan“, erzählt sie in flüssigem Deutsch. „Marbach ist natürlich der Traum eines jeden Philologen – wenn nur nicht die Umstände so schwierig wären.“ Zum Genießen bleibt kaum Zeit, denn neben der Sorge um ihr Land und um ihren Mann, der sich freiwillig beim Militär gemeldet hat, hat sie auch einen prall gefüllten Terminkalender zu verwalten, mit Lesungen und Diskussionsveranstaltungen rund ums Thema Ukraine – bis nach Hamburg.

Dass die 48-Jährige so gut Deutsch spricht und damit in der Schillerstadt direkt loslegen kann, hat biografische Gründe, eine glückliche Fügung: Nach ihrem Magister in Ukrainistik in Lwiw arbeitet sie ab 1995 zwei Jahre als Au-pair in der Nähe von Baden-Baden, beginnt danach ein Slawistik-Studium in Freiburg. „Wie eine andere Welt“ sei es damals schon in Deutschland gewesen, so kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs – das gilt heute wieder, wenn auch etwas anders, zugespitzt: Es herrscht Frieden. 1998 geht sie zurück nach Lwiw, arbeitet zehn Jahre lang als Journalistin bei einer Zeitung, dazu als Autorin und Übersetzerin, nebenbei als Brotjob für IT-Firmen im Bereich Dokumentation. Schon in Freiburg kommt Sniadanko mit Kafka in Berührung, übersetzt 2003 „Das Schloss“ erstmals ins Ukrainische.

Zuvor gab es von vielen Werken der Weltliteratur nur russische Übersetzungen, mit denen russische Verlage den ukrainischen Markt dominierten. Mehr als hundert Übersetzungen hat sie mittlerweile aus dem Deutschen und Polnischen publiziert, Fragmente eingerechnet. Mit der Geschichte der Ukraine und speziell des einst habsburgischen Lemberg (heute Lwiw) befasst sich Sniadanko in ihrem 2017 verfassten und 2021 auch auf Deutsch erschienenen Generationenroman „Der Erzherzog, der den Schwarzmarkt regierte, Matrosen liebte und mein Großvater wurde“. Ihr Buch werde auch von ukrainischen Soldaten gelesen, erzählt die Autorin, und das freue sie. Historisches Quellenstudium sei eben etwas ganz anderes als Putins Propaganda. Die Ukraine sei keine Nation im ethnischen Sinne, sondern beziehe ihre Stärke gerade aus ihrer Vielfalt – und, in Abgrenzung zu Russland, durch den starken Wunsch nach Demokratie. „Das ist eine gute Grundlage für die Bildung der politischen Nation“, sagt sie, während das Handy der gefragten Gesprächspartnerin fast pausenlos brummt. „Die Ukraine könnte deshalb niemals totalitär sein.“

Natalka Sniadanko hofft derzeit vor allem, dass ihr Mann nicht direkt in den Krieg muss. Auch, weil er bislang keine Militärerfahrung hat – und weil die Lage nunmal eben schwierig ist. Die Ukrainer kämpften aktuell schließlich „mehr mit Fleisch als mit Waffen“, sagt sie mit Blick auf die eher spärliche Ausrüstung. Ihr Mann etwa muss sich weitgehend selbst für den Ernstfall einkleiden. Welche Perspektive sie für ihr Land sieht? Ein weiteres Minsk-Abkommen, in dem nur ein Status quo festgeschrieben wird, dürfe es nicht geben, betont sie. „Wir müssen überlegen sein und gewinnen – das schafft die Ukraine alleine aber nicht.“ Wenn die Ukraine falle, werde es weitergehen, etwa in Georgien. „Der Dritte Weltkrieg läuft bereits, egal, ob mit oder ohne direkte Beteiligung der Nato.“ In der Hand hat sie selbst es nicht, sie kämpft aber immerhin mit Worten. Und versucht, in den Weiten des Marbacher Archivs auf andere Gedanken zu kommen. Die Ruhe auf der Schillerhöhe genießen und viel arbeiten, das ist in diesen Wochen ihr Rezept gegen die Angst.

Info: Am Donnerstag, 5. Mai, um 19.30 Uhr liest Natalka Sniadanko im Deutschen Literaturarchiv Marbach aus ihrem Roman und spricht über die aktuelle Situation in ihrer Heimat. Der Eintritt ist frei – um Spenden für die Ukraine wird gebeten.