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Ein Lappen als Archivgut

Ganz schön hoch: Die Performerinnen im Depot. Foto: Andreas Becker
Ganz schön hoch: Die Performerinnen im Depot. Foto: Andreas Becker
Eine erste künstlerische Performance weiht den „Speicher der Zukunft“ Im Franck-Areal ein

Ludwigsburg. Etwas mehr Schwung braucht es in den kommenden Wochen wohl noch, um den „Speicher der Zukunft“ mit seinen 66 Fächertaschen an einer langen, von der hohen Decke hängenden Stoffbahn ganz zu füllen. Gerade mal drei Neu-Archivalien sind am ersten Abend im Franck-Areal neben dem Bahnhof verfügbar: ein Reisepass, ein Teppich und ein Waschlappen. Eher minimalistisch kommt die Installation von Festivalkurator Julian Warner und dem Künstler Thomas Rustemeyer daher, die anlässlich des ab jetzt in insgesamt 21 Kommunen stattfindenden Festivals „Über:morgen“ der Kulturregion Stuttgart entstand.

Geplant ist ein wachsendes Schaudepot, in dem mehr oder weniger besondere Gegenstände von Bürgern abgegeben werden, um eingelagert zu werden. Zu jedem Objekt wird auf einem großen Pappbogen eine Akte angelegt, in der auf einer Seite der Gegenstand und seine Bedeutung für das Gestern, Heute und Morgen beschrieben wird. Fester Bestandteil dieses Prozesses ist eine künstlerische Performance. „Was hier entsteht, ist eine paradigmatische Akte“, erklärt Warner. „Ein Gegenstand wird durch den Ablauf zur Sache.“ Die Performance ritualisiere den Vorgang, um Objekten eine Bedeutung einzuschreiben. Soweit die Theorie.

Monoton summend marschieren die drei Performerinnen – Patricia Franke und Mu Wang (beide Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg) sowie Hanna Ulmer (Staatlichen Akademie für Bildende Künste Stuttgart) – ein, eine kleine, leise Prozession, die akustisch nur von den bewusst geräuschvoll gelösten Radbremsen des rollbaren Baugerüsts gestört wird. Nach und nach werden die Beschreibungen der Objekte verlesen, woraufhin diese hinter den transparenten Stoff ihres mit einem mehr oder weniger bedeutungsvollen Piktogramm versehenen Fachs bugsiert werden. Den Gegenstand erhält man nach Abschluss des Projekts zurück – die Akte bleibt.

Ludwigsburgs Erste Bürgermeisterin Renate Schmetz hat eines der ersten Archivgüter beigesteuert: den kleinen bunten Waschlappen. Für sie sei es eine Erinnerung an die Kindheit mit sieben Geschwistern und ohne Dusche. In diesen Krisenzeiten und nicht zuletzt angesichts der Empfehlung des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, öfter zum Lappen zu greifen, statt zu duschen, um Energie zu sparen, kriege er eine ganz neue Bedeutung. „Manche Dinge müssen wir zurückschrauben – dafür steht für mich dieser Waschlappen“, erklärt Schmetz.

Das zweite Archivstück ist ein zusammengerollter Teppich aus alten Mullbinden, der im Zusammenhang mit einer interaktiven Installation („Umarmungsgerät“) des Residenzkünstlers der Ludwigsburger Schlossfestspiele, Brad Hwang, 2021 in der Karlskaserne entstand – als Symbol für die Verbindung zwischen Menschen. Leider passt er in keines der Fächer und ist zudem zu schwer für das Material. Eine Lösung für größere Archivalien werde zeitnah gefunden, versichert Julian Warner.

Drittes Objekt ist das Faksimile eines Reisepasses aus dem Staatsarchiv, das Leiter Peter Müller am Eröffnungsabend mitgebracht hat. Der Pass aus dem Interniertenlager in Ludwigsburg stammt aus dem Jahr 1939 und hat eine wahre Weltreise hinter sich – über Hongkong, Shanghai und Italien gelangte er schließlich nach Lissabon. Er erinnert daran, dass die Aufarbeitung der Nazi-Zeit im Grunde nie enden wird.

Wie die drei Performerinnen künftig an die obersten Fächer des Archivs kommen, die deutlich höher liegen, als das Baugerüst erreichbar macht? Das sei noch nicht klar, sagt Warner und lacht. Vielleicht würden die Objekte von oben an einer Seilvorrichtung herabgelassen. Oder es findet sich eine andere Lösung. Kunst ist eben häufig vor allem eines: ein offener Prozess.

Info: Gegenstände für das Schaudepot können bis 15. Oktober donnerstags und freitags von 17 bis 20 Uhr und samstags von 12 bis 20 Uhr abgegeben werden. Der „Speicher der Zukunft“ kann in dieser Zeit auch einfach nur besichtigt werden. Weitere Infos zum Festival unter www.kulturregion-stuttgart.de.