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Ein Macher will Macher ermuntern

Trotz einer politisch wachsenden Einsicht in die Notwendigkeit eines konsequenten Umwelt-, Arten- und Klimaschutzes sowie breiter Informationsmöglichkeiten für jedermann beklagt Claus-Peter Hutter eine „Wissenserosion in Sachen Umwelt“. Das klingt resigniert nach 35 Jahren engagierten Einsatzes für die Umweltbildung. Doch der Benninger, der jetzt als Leiter der Umweltakademie des Landes in den Ruhestand trat, will weiter Mut machen: „Wir brauchen mehr Schaffer in Natur und Landschaft“, sagt er. Dazu wolle er ermuntern.

„Wir brauchen mehr Schaffer in Natur und Landschaft“, sagt Claus-Peter Hutter. Ein positives Beispiel ist für ihn die Initiative „Wengerter auf Probe“ in Benningen. Foto: Holm Wolschendorf
„Wir brauchen mehr Schaffer in Natur und Landschaft“, sagt Claus-Peter Hutter. Ein positives Beispiel ist für ihn die Initiative „Wengerter auf Probe“ in Benningen. Foto: Holm Wolschendorf

Benningen. Claus-Peter Hutter, Jahrgang 1955, ist 14 Jahre jung, als er vor dem Marbacher Rathaus ein Plakat in die Höhe hält: Ganz allein protestiert er gegen den geplanten Bau eines neuen Kraftwerksschlots. Als Benninger Bub ist er ganz selbstverständlich mit und in der heimischen Kulturlandschaft aufgewachsen, aber auch mit den Umweltschäden, die das Wirtschaftswunder angerichtet hatte. Noch heute stehen Hutter die meterhohen Schaumberge vor Augen, die Industrie- und Haushaltsabwässer auf dem Neckar auftürmten. Der Kampf um den Erhalt von Natur und Umwelt ist ihm früh zum Lebensthema geworden, schon bevor der Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ beschwor.

Dass der Marbacher Block III gebaut wird, entmutigt den Teenager nicht. Er engagiert sich fortan für die Erhaltung von Wiesental und Altneckar zwischen Pleidelsheim, Ingersheim und Freiberg. Dem Ornithologen Claus König, damals Leiter der Vogelschutzwarte Ludwigsburg, war es 1965 gelungen, es auf zwölf Jahre befristet als Schutzgebiet ausweisen zu lassen. Dieser Erfolg gerät in Gefahr, als der Neckarkanal neu ausgehoben und der Aushub in den Altneckar verfrachtet werden soll: Mit seinen 16 Lenzen gründet Hutter 1971 die Bürgerinitiative „Rettet die Talaue zwischen Freiberg und Pleidelsheim“, aus der 1975 der BUND-Kreisverband hervorgehen wird, den er bis 1993 leitet. Die dauerhafte Unterschutzstellung von Wiesental, Altneckar und Baggersee gelingt 1977.

Doch Hutter schafft es auch, aus der Berufung zum Umwelt- und Naturschutz einen Beruf zu machen: Er geht als junger Diplomverwaltungswirt zum Landratsamt nach Ludwigsburg, lernt, wie Behörden und Kommunalpolitik funktionieren, darf sich nach einiger Zeit, in der er unter anderem für Hebammen und die Heimaufsicht zuständig ist, ausschließlich um Naturschutzfragen kümmern – ein in den Unteren Verwaltungsbehörden des Landes noch präzedenzloser Posten. 1986 folgt die Berufung an die Umweltakademie, Hutter ist jetzt nicht mehr für konkrete Projekte vor Ort, sondern für die Umweltbildung im Land zuständig, schreibt sich die Etablierung des Nachhaltigkeitsgedankens auf die Fahne. Was er aus der Erfahrung von Bürgerinitiativen und kommunalem Verwaltungshandeln mitbringt, ist die Erkenntnis, dass Natur- und Umweltschutz am besten gelingt, „wenn man aus Konfliktgegnern Konfliktpartner macht“.

Hinter dieser Haltung steckt nicht nur ein bodenständiger Wertkonservatismus, aus dem Hutter kein Geheimnis macht, sondern auch ein Pragmatismus, dessen Erfolgsformel sich neuerdings beispielsweise landes- und bundesweit in der politisch moderierten Annäherung von Umweltverbänden und Landwirtschaft wiederfindet. Hutter, der sich in seinem Einsatz für eine intakte Natur nie auf seine Arbeit beschränkt hat, gewann schon vor Jahrzehnten Versicherungen, Autokonzerne und Fluggesellschaften als Sponsoren für Umweltprojekte der von ihm ehrenamtlich ins Leben gerufenen Stiftungen: zunächst Euronatur, deren Präsident er 20Jahre lang war, dann NatureLife International, die er auch weiterhin führt.

Was auch immer er tut – stets verknüpft Hutter lokales Handeln mit globalem Denken und Handeln. Wer sich über die Rückkehr der Störche in unsere Gegend freut, muss sich auch um den Umwelt- und Artenschutz in ihren Winterquartieren kümmern, weiß er. So verbinden sich nicht nur das Neckarparadies in Benningen, die Zugwiesen in Ludwigsburg oder die Wasserbüffel im Bottwartal mit seinem Namen. Er steht auch für den Brückenschlag nach Europa – etwa als Mentor der umweltorientierten Kommunalpartnerschaften Sersheims mit dem italienischen Canale und Markgröningens mit dem französischen Saint-Martin-de-Crau. Und er steht für Umwelt-, Arten- und Klimaschutz weltweit, etwa mit NatureLife-Wiederaufforstungsprojekten in den Regenwäldern auf Java, den Philippinen und Sri Lanka. „Dort sieht man, dass man mit überschaubaren Mitteln in wenigen Jahren viel erreichen kann“, sagt er und erzählt von Projekten in Vietnam, wo die Bewohner der Regenwälder deren Erhalt auch politisch in ihre Hände genommen hätten.

Dabei vergisst er keineswegs das Desaster am Amazonas. „Wenn es dort so weitergeht“, sagt er, „müssen wir nicht mehr über die Klimakrise reden. Dann reden wir über Öko-Inzidenzen!“ Zu verhindern sei der Klimawandel zwar nicht mehr, aber – wie das Artensterben – in seiner Dramatik zu mildern: „Wir stecken mittendrin und haben nur noch ein sehr enges Zeitfenster!“ Also gehe es darum, sich anzupassen und möglichst viel intakte Natur zu bewahren. Als einer, der mit 14 Jahren selbst mit Protesten begann, hat er durchaus Sympathie für die Demos der Fridays-for-Future-Jugendlichen. Doch davon werde der „Spagat zwischen Umweltbewusstsein einerseits und nachhaltigem Handeln andererseits“ nicht kleiner. Wer des Klimas wegen kein Fleisch mehr esse, müsse auch an die CO-Bilanz der Avocado denken – und um die Abhängigkeit der Kulturlandschaften im Schwarzwald und auf der Alb von der Weidewirtschaft wissen. „Damit Landschaft nicht zur Freizeitkulisse verkommt, brauchen wir im Umwelt-, Arten- und Klimaschutz wieder mehr Macher“, sagt er. „Menschen, die Obstwiesen pflegen und Trockenmauern instand setzen.“

Deshalb hat er als Treffpunkt die Benninger Weinberge vorgeschlagen. Hier erhalten Hobbywinzer im Projekt „Wengerter auf Probe“ 21 terrassierte Steillagen-Parzellen, die sonst Brombeersträuchern und Hartriegel anheimgefallen wären. Für Hutter sind sie die „Helden der Landschaft“. Nachdem er seine letzten Bücher über die Klimakatastrophe und das Artensterben geschrieben hat, will er sein nächstes solchen „Helden“ widmen. Der Optimismus des Anpackens ist Claus-Peter Hutter geblieben. Um ihn zu verlieren, hat er wohl trotz allem viel zu viel erreicht.

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