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Ein Mediziner verlässt Freiberg

Mehr als 18 Jahre lang hat der Internist Dr. Michael Mezger in der Kleiststraße in Freiberg praktiziert. Jetzt muss er ausziehen, weil ihm, wie er sagt, die neuen Hausbesitzer wegen Eigenbedarfs den Mietvertrag gekündigt haben. Da er in der Stadt keine Räume für seine Praxis gefunden hat, wird er sich im April in Ludwigsburg niederlassen. Eine Geschichte mit Widersprüchen.

Zum 31. März wird Dr. Michael Mezger die Räume in der Kleiststraße verlassen und nach Ludwigsburg ziehen. Foto: Holm Wolschendorf
Zum 31. März wird Dr. Michael Mezger die Räume in der Kleiststraße verlassen und nach Ludwigsburg ziehen. Foto: Holm Wolschendorf

Freiberg. Die Gestaltung der ärztlichen Versorgung auf dem Land ist eine große Herausforderung. Denn: Der typische Arzt, der täglich von morgens bis abends für seine Patienten da ist und sie auch noch zu Hause besucht, ist eine aussterbende Spezies. Heutzutage organisieren sich Mediziner oft in Praxisgemeinschaften, gehen gerne in ein Angestelltenverhältnis und arbeiten viel in Teilzeit. So gesehen kann sich die medizinische Versorgung in Freiberg durchaus sehen lassen – noch. Denn mit Dr. Michael Mezger verlässt ein langjährig praktizierender Arzt die Stadt. Ob freiwillig oder unfreiwillig – darüber darf sich der Leser selbst ein Bild machen. Hier die Aussagen einiger beteiligter Protagonisten:

Der Patient: Kristian Ladesic ist traurig und wütend zugleich. Seit 14 Jahren gehen er und seine Mutter zu dem beliebten Mediziner unweit des Bahnhofs. Jetzt werden sie sich unter Umständen nach einem neuen Internisten umschauen müssen. Seine 68-jährige Mutter benötigt aufgrund ihrer Erkrankung ebenso regelmäßigen Kontakt zu einem Internisten wie er selbst – wenn möglich am Ort. Aber: Woanders unterzukommen gestaltet sich recht schwierig. „Ich habe überall angerufen, doch die Ärzte wollen keine neuen Patienten haben“, sagt Ladesic im Gespräch mit unserer Zeitung. Seiner Meinung nach „hätte man schon viel früher etwas machen können“, denn in der Freiberger Stadtverwaltung sei es längst bekannt, dass Internist Mezger neue Räume sucht. „Da wird ein Monstrum von Schule gebaut – was ja auch gut ist –, doch für Ärzte hat man keine Räume“, schimpft Ladesic. Unzählige Patienten müssten sich nun ohne große Hoffnung auf Erfolg nach einem neuen Arzt umsehen. „Das ist eine Schande“, sagt der 42-Jährige.

Der Arzt: Der Facharzt für Innere Medizin Dr. Michael Mezger bezeichnet die Situation als „schade“. Von 2002 bis 2020 habe er die Praxisräume im Erdgeschoss des Hauses in der Kleiststraße 1 angemietet. Doch der Besitzer der Immobilie wollte offenbar Deutschland verlassen und in seine Heimat Griechenland zurückkehren. Nachdem die Räume verkauft wurden, hätten die neuen Besitzer im September Mezger den Mietvertrag für die Praxisräume wegen Eigenbedarfs gekündigt. „Innerhalb eines halben Jahres muss ich draußen sein“, sagt der Internist. Er habe seine Miete stets bezahlt und die Räume immer in Schuss gehalten. Was für ihn besonders schwer wiegt: Eigentlich wollte der 68-Jährige in Rente gehen und hat sogar einen Nachfolger gefunden. Die Praxisübernahme war laut Mezger bereits vertraglich geregelt, als die Kündigung für die Immobilie ins Haus flatterte. Sein Nachfolger hätte plötzlich keine Perspektive mehr gehabt und folglich nach etwas anderem suchen müssen. Er wurde mittlerweile in einer Nachbarstadt fündig. Und Mezger? Viele seiner Patienten haben ihn wohl darum gebeten, doch noch weiterzumachen. Das hat ihn angespornt, nach anderen Räumen zu suchen. Hilferufe bei der Stadtverwaltung seien ergebnislos gewesen. „Ich habe oft bei der Verwaltung nach Praxisräumen gefragt, aber keine bekommen“, so Mezger. Im Medizinischen Versorgungszentrum in der Holderstraße hätten sich potenzielle Räumlichkeiten als nicht ausreichend entpuppt. Am Ende wurde er mithilfe seiner Kontakte doch noch fündig. Am 1. April übernimmt er eine Praxis in der Erlachhofstraße 1 in Ludwigsburg, wo abends und am Wochenende die Notfallpraxis untergebracht ist. Damit der Umzug bewältigt werden kann, hat Mezger in Freiberg noch bis zum 13. März geöffnet.

Für seine Patienten tut es ihm leid. „Andere Praxen sind voll und nehmen ungern Patienten auf“, weiß Mezger. Außerdem sei die Busverbindung zur neuen Praxis nicht ideal, was besonders die Menschen treffe, die nicht mobil sind. Für Autofahrer gebe es in Ludwigsburg immerhin eine Tiefgarage. „Vier bis fünf Jahre“ möchte er jetzt dort noch weitermachen.

Der Bürgermeister: Verwaltungschef Dirk Schaible weist die Kritik an der Verwaltung, sie hätte sich nicht genügend für den Erhalt der Praxis in der Stadt eingesetzt, zurück. „Wir haben ein großes Interesse daran, dass es eine gute ärztliche Versorgung in der Stadt gibt“, sagt Schaible und führt fünf kommunale Liegenschaften an, die derzeit an Ärzte und eine Physiotherapeutin vermietet seien. Eine weitere sei an einen Mediziner verkauft worden. Nachdem die Verwaltung die Information erreicht hat, dass Michael Mezger Räumlichkeiten für einen Nachfolger sucht, habe sie Kontakte an private Immobilieneigentümer vermittelt. „Wir haben uns da schon stark eingesetzt, doch offenbar hat es nirgends geklappt, was wir bedauern“, sagt der Bürgermeister. Nachdem Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung bereits im Gemeinderat vorstellig geworden seien, sei angedacht, zu dem Thema auch mit der Ärzteschaft in Kontakt zu treten. Das sei in Zeiten der Coronapandemie allerdings nicht einfach. In der Neugestaltung des Ortszentrums gebe es da mit Sicherheit Potenzial. Dass es Mezger nicht gelungen sei, den Standort Freiberg zu halten, sei bedauerlich. „Wir lassen uns aber nicht nachsagen, dass wir das Thema Ärzteversorgung nicht erkennen – das Gegenteil ist der Fall“, sagt Schaible.

Der Eigentümer: Der neue Besitzer der Räumlichkeiten, in der sich derzeit noch die Arztpraxis befindet, ist das Finanzmaklerbüro J&W Specht aus Freiberg. „Als wir die Immobilie im September 2020 gekauft haben, wurde uns erzählt, dass der Arzt in Rente gehen möchte“, sagt Geschäftsführer Wolfgang Specht. Mezger selbst habe ihm das bestätigt. Deshalb hätten der Finanzmakler und der Mediziner das Mietverhältnis am 10. August 2020 „in beidseitigem Einverständnis zum 31. März aufgelöst“, so Specht. Von Kündigung und Eigenbedarf keine Spur. Dass der Internist jetzt doch nicht in Ruhestand gehen möchte, sei für ihn absolut neu. „Ich bin völlig platt, dass er weitermachen möchte“, so Specht. Bis zum Tag des Anrufs unserer Zeitung sei er fest davon ausgegangen, „dass er in Rente gehen will“.

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