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Ein paar Schrammen bleiben

Auch die Musikschulen leiden unter Corona. Vor Weihnachten gibt es keine Konzerte, der ganze Betrieb musste immer wieder umgestellt werden. Doch kaum Schüler haben sich abgemeldet, vielmehr scheinen die jungen Musiker fleißiger geworden zu sein. Die Musikschulen sind bisher ganz gut durch die Krise gekommen.

Ein Bild aus früheren Zeiten: Kleine Bläser vor dem Bietigheimer Schloss. Archivfoto: Alfred Drossel
Ein Bild aus früheren Zeiten: Kleine Bläser vor dem Bietigheimer Schloss. Foto: Alfred Drossel

Bietigheim-Bissingen/Marbach/Markgröningen/Ditzingen. In der Vorweihnachtszeit kommen normalerweise die Musikschulen ganz groß raus – nicht nur im Landkreis. Fast jeden Tag findet ein Konzert statt, bei dem sich die Schüler und ihre Lehrer dem Publikum präsentieren und zeigen, was im Laufe des Jahres so alles gelernt wurde. Davon kann in diesem Jahr nicht die Rede sein. Alle Veranstaltungen wurden abgesagt, die Musikschulen und ihre Schüler sind nicht mehr im Gespräch.

„Das Hin und Her der Politik hat uns großes Kopfzerbrechen gemacht. Doch wir sind ganz gut durch die Krise gekommen. Für die Familien und unsere Schüler war das aber nicht so einfach. Nicht jeder hat ein Einfamilienhaus und nicht jeder wird zu Hause betreut“, sagt Reimund Schiffer, Leiter der Musikschule Bietigheim-Bissingen. Diese versorgt auch noch Freudental, Löchgau, Ingersheim, Sachsenheim und Tamm mit Musik und Gesang. Er habe bemerkt, dass den Schülern generell die Schule gefehlt habe, nicht nur die Musikschule. Für viele sei dies ein besonderer Raum, den sie sehr schätzten und der ihnen Halt gebe. Dass es in diesem Dezember keine Veranstaltungen gibt, macht auch Schiffer zu schaffen. So konnte man sich in der Vergangenheit den neuen Schüler vorstellen. Daher weiß er noch nicht, ob er mit seinem Etat von 1,3 Millionen Euro auch durchkommt. Damit müssen die Zentrale im Bietigheimer Schloss bezahlt und rund 70 Lehrer entlohnt werden. Aktuell hat man 3300 Schüler. Doch einen Vorteil habe das Virus gehabt: „Wir bekamen im Frühjahr ganz schnell WLAN ins Schloss gelegt. Ohne Corona hätten wir sicherlich weiterhin die schlechte Verbindung ins Internet.“

„Das Vorspielen in dieser Zeit fehlt uns schrecklich, den Schülern und den Lehrern. Wir müssen jetzt eben mit der Situation umgehen. Doch inzwischen können wir alle Angebote wieder anbieten und auch die Schülerzahlen sind nicht zurückgegangen“, sagt Bärbel Häge-Nüssle. Sie ist nicht nur Leiterin der Musikschule Marbach-Bottwartal, sondern auch Regionalsprecherin im Landkreis.

Waren es zu Beginn des ersten Lockdowns fast 100 Prozent Online-Unterricht, so sei man inzwischen bei nur noch rund zehn Prozent. So könne man schnell und flexibel reagieren, wenn beispielsweise ein Schüler in Quarantäne müsse. Dieser könne dann über den Computer versorgt werden. In diesem Jahr wird es schwierig mit dem regulären Etat durchzukommen, obwohl es auch in der Musikschule Kurzarbeit gegeben hätte. Man hat 700000 Euro zur Verfügung. Davon müssten allerdings rund 30 Lehrer bezahlt und das Haus in Steinheim unterhalten werden. Die Musikschule Marbach-Bottwartal hat aktuell rund 1000 Schüler.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge schaut man an der Musikschule in Markgröningen auf die Coronakrise. Lachend, weil man trotz allem recht gut durch die Zeit gekommen sei und es keine Kündigungen gab. Weinend, weil auf das Vorspielen vor Weihnachten verzichtet werden muss und viele Veranstaltungen ausgefallen seien. „Doch die Kinder waren froh, dass es uns überhaupt noch gab. Sie wollen keinen Online-Unterricht, sondern ihre Mitschüler und die Lehrer vor sich haben. Viele konnten keinen Sport machen und haben sich eben in die Musik reingekniet. Ich hatte auch den Eindruck, dass sie fleißiger geworden sind“, so die Leiterin Franziska Nowak-Frank. Oft werde vergessen, dass die Musikschulen auch eine pädagogische Aufgabe hätten, In der Coronazeit habe sich die Wertigkeit verschoben und man werde mehr geschätzt. Auch Markgröningen hat Schwierigkeiten, finanziell über die Runden zu kommen. Der Etat beläuft sich normalerweise auf 350000 Euro. Doch im März und April habe man keine Gebühren eingezogen, daher sei die Kalkulation noch ungewiss. Von dem Geld werden 18 Lehrer bezahlt und rund 1000 Kinder betreut.

Ähnlich sieht es bei der Jugendmusikschule Ditzingen aus, die regelmäßig den Kreisentscheid von „Jugend musiziert“ organisiert. Sie hat im Nachbardorf Hemmingen zwar dank Unterstützung der Gemeinde für alternative Proberäume keinen von rund 150 Schülern verloren, dagegen aber deutlich am Hauptort (von 1089 auf aktuell 804), was vor allem an wegfallenden Kooperationen lag, etwa bei der Bigband DoubleB (100 Kinder) oder einigen Schulchören, berichtete Schulleiter Manfred Frank am Dienstag im Hemminger Verwaltungsausschuss. Dass man im Frühjahr auf Kurzarbeit gehen konnte (anders als aktuell), habe sich angesichts einiger Einnahmeausfälle (geschätzt 1,39 statt 1,52 Millionen) ausgezahlt – die Zukunftssorgen sind aber spürbar, immer wieder ist in dem beigefügten Bericht von Unsicherheiten die Rede. Und das dürfte auch daran liegen, dass einige Gemeinderäte ankündigen, die jedes Jahr vor allem tarifvertragsbedingt um ein Prozent steigenden Zuschüsse (Hemmingen muss für seinen 12-Prozent-Anteil 71000 Euro zahlen) nicht mehr so leisten und die Eltern stärker heranziehen zu wollen. Und wohl auch nicht nur deshalb taucht in dem Bericht etwas immer wieder auf: Der Wunsch nach mehr Wertschätzung für die Kultur.

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