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Ein Paradies zum Verlieben

Zwei Jahre ist im Kirchgarten hinter der Stadtkirche Besigheim gegraben, geschleppt und gepflanzt worden. Am Sonntag ist das Kleinod, das nun entstanden ist, feierlich eröffnet worden. Aus dem einstigen wilden Märchengarten ist ein Ort des Innehaltens und der Besinnung entstanden.

Coronakonforme Einweihung des nach zwei Jahren neu gestalteten Kirchgartens. Dekan Eberhard Feucht (im Hintergrund in der Bildmitte) begrüßt die Gäste. Foto: Andreas Becker
Coronakonforme Einweihung des nach zwei Jahren neu gestalteten Kirchgartens. Dekan Eberhard Feucht (im Hintergrund in der Bildmitte) begrüßt die Gäste. Foto: Andreas Becker

Besigheim. Der Besigheimer Dekanatsgarten ist der schönste in ganz Württemberg, hieß die Kunde im Lande, die Dr. Max Sting in den 1930er Jahren erreichte, bevor er von 1932 bis 1958 als Dekan nach Besigheim kam. Das wusste Dekan Eberhard Feucht den Gästen zu berichten, die sich am Sonntag nach dem Gottesdienst im Garten hinter der Stadtkirche eingefunden hatten.

Der 94-jährige Dr. Reinhold Sting, Sohn des ehemaligen Dekans, konnte dies nur bestätigen. „Beim Blick ins Neckartal bis hinüber zu den Felsengärten werden Kindheitserinnerungen wach. An dem Ahornbaum bin ich hochgeklettert und habe die Aussicht genossen.“ Sechs Jahre alt sei der gewesen, als sein Vater verkündet hatte, dass sie nach Besigheim ziehen werden, „für meinen zwei Jahre älteren Bruder Albert und mich war der Garten ein Traum. Es gab eine Schaukel und einen Sandhaufen, wo wir Sandkuchen gebacken haben“. Hatten sie Gäste, saßen sie mit ihnen zusammen im Kirchgarten. „Für meine Mutter war es oft lästig, wenn sie das Kaffeegeschirr hierherschleppen musste.“ Oft hätten Touristen, die es schon damals gab, über den Zaun geschaut. Und wo, wenn nicht in diesem Garten hätten seine Frau, die als Vikarin tätig war, sich verlieben können?, verrät Reinhold Sting. „Der Garten ist ein kleines Paradies. Nutzen Sie diesen Garten.“

Dies griff Feucht in seiner kleinen Rede auf: „Welche Vorstellungen haben wir vom Paradies?“. Ist es ein „diesseitiger Ort mit duftenden Blumen und reifen Früchten, ein Ort der Sehnsucht, der Garten Eden oder ein „umgürtetes grünes Land“ als Gegenentwurf zu einer vielfach heillosen Welt?“ Jedenfalls, mit Blick auf Reinhold Sting, sei hier so manches Pfarrerskind hier aufgewachsen sowie so manche Predigt entstanden. Irgendwann sei der Dekanatsgarten nicht mehr als solches genutzt, dann verpachtet worden. Ende 2017 wurde der Pachtvertrag aufgelöst. Vor zwei Jahren entschied die Kirchengemeinde, den Garten so umzugestalten, dass der „als ein Ort der Einkehr wird, aber auch ein Ort, um gemeinsam als Gemeinde zu feiern“, sagte Feucht.

Als Team unerschütterlicher Optimisten seien sie an den Start gegangen, erzählte Dr. Karl Michael Ketterle vom Bauausschuss, das davon ausgegangen war „in ein paar Wochenenden den 700 Quadratmeter großen Kirchgarten umgestaltet zu haben“. Sie seien eines Besseren belehrt worden: Mehr als 800 Stunden sei ein Ehrenamtsteam in den vergangenen zwei Jahren damit beschäftigt gewesen, 38 Aktivitäten und Aktionen hätten sie gestemmt, es wurden Erdarbeiten vorgenommen, Steine zwischen 30 und 300 transportiert und geschleppt, Mauern, Wege und Verweilorte angelegt. Bereits 2010 sei das Gatter zum Kirchgarten nach vorne verlegt und ein kleiner Bereich für Anlieferer geschaffen worden. „Der Garten kann für Hochzeiten und kirchenbezogene Familien-, nicht für Privatfeiern genutzt werden“, erklärte Ketterer. Mit einem Geschenk, nämlich einem Fugenkratzer, wandte er sich an Christoph Nebel, dem Vorsitzenden des Kirchengemeinderates, der sich nun der Pflege des Gartens annimmt. „Theologisches Rasenmähen hat was“, scherzte Nebel, „es kann schmerzhaft sein, wenn man das Paradies möchte.“

Der Dekanatsgarten ist nun in verschiedene Bereiche gegliedert. Vom sogenannten Höfle, das direkt an die Stadtkirche anschließt, gelangen die Besucher über den neu angelegten Weg zu dem großen Ahornbaum. Darunter befindet sich eine runde Fläche, die teilweise von einer niedrigen Mauer umgeben ist. Zur linken ist eine Naturwiese mit einem Bienenhotel, einer Kooperation des Robert-Breuning-Stifts und der Schule am Steinhaus. Die wiederum ist dabei, auf rechten einen Schulgarten einzurichten. „Mit ihrem Glockengeläut und ab zu den Orgelklängen, die zu vernehmen sind, prägt die Kirche unseren Schulalltag“, sagte Sabine Müller, Leiterin des Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrums. In das Kleinod habe sie sich „direkt verliebt“.

Federführend werde sich ihr Lehrerkollege Martin Schlonsok um die Gartenparzelle kümmern. Der ist mit seinen Schülern bereits an den Start gegangen. „Wir haben die Fläche gemäht, umgegraben und Steine aus dem Boden geholt“, erklärte Schlonsok. Ihm sei es wichtig, dass die Schüler mit „Herz, Verstand und ihren Händen arbeiten, aber auch mit allen Sinnen bei der Sache sind, den Wind spüren, die Sonne und den Regen wahrnehmen“. Demnächst werde der Schulgarten in Beete eingeteilt, in denen Blumen und Kräuter wachsen sowie Tomaten oder Kartoffeln angepflanzt werden sollen. „Wir haben den Schulgarten erstmal mit der Motorsense gemäht“, sagte der 15-jährige Sven, der am Sonntag extra in den neu gestalteten Kirchgarten gekommen war. Das Arbeiten in der Natur mache „ihm total viel Spaß“, wenn die Sonne scheint, „natürlich mehr, als wenn es regnet“. Er könne sich vorstellen, beruflich in Richtung Gärtner zu gehen, meinte der Schüler. „Es ist spannend zu beobachten, wie die Pflanzen wachsen, wie aus einem Samenkorn etwas ensteht.“

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