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Ein Traum in Weiß aus zweiter Hand

Hochzeiten werden von langer Hand geplant, nichts dem Zufall überlassen. Das Brautkleid ist bei vielen eines der am besten gehüteten Geheimnisse überhaupt. Ein Traum in weiß. Ein Kleid für einen Tag. Dann hängt es meist im Schrank. Ein Leben lang. Immer mehr Frauen trennen sich von ihrem Brautkleid und verkaufen es. Was einmal schön war, ist auch ein zweites Mal schön.

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Jessica Baumeister inmitten ihrer Brautkleider, die alle ein zweites Mal vor den Altar getragen werden wollen. Foto: Holm Wolschendorf
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Spitzen-Details sollten unbeschädigt sein. Foto: Holm Wolschendorf
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Schuhe zum Probieren in jeder Größe. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Die Schwester ist schuld. Hätte sie nicht unbedingt in einem Secondhandkleid heiraten wollen, wäre Jessica Baumeister vielleicht nie auf die Idee mit den gebrauchten Brautkleidern gekommen. „Ich hatte einen Aufruf bei Facebook gestartet, um ein Kleid für sie zu finden“, erzählt die 25-Jährige. Heute hat sie rund 70 Kleider zur Auswahl, einen kleinen Laden und jede Menge Bräute auf der Suche nach dem Kleid für den schönsten Tag im Leben.

Sie hatte damals, 2016, sehr viel Resonanz auf ihren Aufruf bekommen. Unzählige Frauen wollten ihr Kleid verkaufen. „Wir haben aber ja nur eines gebraucht.“ Von da ab war es nicht mehr weit bis zum eigenen Secondhandgeschäft für Brautkleider. Eigentlich ist Jessica Baumeister Bankkauffrau. „Wertpapiere und Brautkleider – das passt doch gut zusammen!“, sagt sie und lacht.

„Ich ziehe es ja eh nicht mehr an“, sagt Yvonne (27), die an diesem Nachmittag zur Glücksrobe in Kornwestheim kommt. Im Mai vergangenen Jahres hat sie geheiratet, in den nächsten Wochen erwartet sie ihr erstes Kind. „Es nimmt so viel Platz im Schrank weg“, und außerdem habe sie es ja auf den Fotos.

Es ist ein großer, voluminöser Kleidersack, den Yvonne mitgebracht hat. Jessica Baumeister zieht sich weiße Handschuhe über und öffnet den Reißverschluss. „Das ist immer ein spannender Moment, wenn das Kleid ausgepackt wird.“ Vorsichtig drapiert sie es auf einer Kleiderpuppe mit Blümchenmuster. „Das ist wunderschön!“, schwärmt sie, während sie den zarten Tüll durch die Finger laufen lässt. Zwei kleine Löcher findet sie in der Schleppe, davon abgesehen sieht es aus wie neu. „Das nehme ich sehr gerne“, sagt Jessica Baumeister und klärt mit Yvonne die Formalitäten.

Zwischen 50 und 1000 Euro kostet hier ein gebrauchtes Brautkleid. „Ich achte darauf, dass die Grenze von 1000 Euro nicht überschritten wird, immerhin ist alles secondhand.“ Das allerdings soll nach Möglichkeit nicht zu sehen sein, also keine großen Löcher, keine Rotweinflecken und professionell gereinigt.

Wer zu Jessica Baumeister kommt, sieht es entweder nicht ein, so viel Geld für ein Kleid auszugeben, oder hat von vornherein kein so großes Budget. Wer ihr sein Kleid zum Verkauf anbietet, „hat meistens glücklich darin geheiratet“, sagt Baumeister. Hin und wieder werden ihr aber auch ungetragene Kleider angeboten – weil die Braut schwanger wurde, oder ein anderes Kleid gekauft wurde, das noch besser gefiel. An eine junge Frau erinnert sich Baumeister, die ihr Kleid verkauft hatte, weil die Hochzeit geplatzt war. „Sie kam mit ihrer Mutter und hat die ganze Zeit über nichts geredet. Ich hoffe, dass ich für das Kleid eine würdige Käuferin finde.“

Laura (28) freut sich „riesig, wenn jemand anderes in meinen Kleid eine tolle Hochzeit hat“. Sie selbst habe einen schönen Tag gehabt, zahlreiche Fotos erinnerten sie daran. Da müsse sie das Brautkleid nicht aufbewahren. Weder für sich selbst noch für Töchter, die sie noch nicht habe.

In mehreren Geschäften hatte Stefanie (30) Kleider anprobiert. „Das zweite oder dritte war‘s dann“, erinnert sie sich, während sie auf Jessica Baumeisters Plüschsofa sitzt. An den Füßen trägt sie rosa Überzieher, wie jeder, der hier zur Tür reinkommt, damit der Flauscheteppich sauber bleibt – und damit auch die Brautkleider. Heute gibt sie ihren Traum in weiß in andere Hände ab.

„Wenn man sieht, wie sich eine Braut in ein Kleid verliebt, auch wenn es gebraucht ist, ist das so schön, dass ich jedes Mal mitheulen könnte“, meint Jessica Baumeister. „Robenparty“ nennt sie Termine, die Bräute bei ihr vereinbaren, um nach ihrem Kleid zu suchen. Sie bringen oft die Mutter und Freundinnen mit. Dann gibt es Sekt und Selters, jede Menge Tüll und Taft und nicht selten auch ein paar Freudentränen. „Ich habe hier eine JA-Glocke: Wenn eine Braut sagt, das ist mein Kleid, dann läutet sie die Glocke.“ Meist weiß es Jessica Baumeister aber schon vorher, ob eine Braut ihr Kleid gefunden hat. „Man sieht das am Blick.“

An diesem Nachmittag bekommt die 25-Jährige zahlreiche Brautkleider angeboten. Von schlicht und gerade bis Spitze und Rauscherock ist alles dabei. Während Laura ihre Originalrechnung aus der Handtasche zieht, wird der Kleiderpuppe bereits das nächste Brautkleid übergestreift.

Jessica Baumeister hat die Termine extra so gelegt, alle kompakt beieinander. Denn sie ist nicht nur junge Geschäftsinhaberin sondern auch junge Mutter eines kleinen Sohnes und in Elternzeit. „Meine Wochenenden und Abende verbringe ich hier“, und es hört sich überzeugend an, wenn sie sagt, dass sie das gerne macht. „Brautkleider, das war schon immer mein Ding!“ Auch wenn sie wieder in ihrem eigentlichen Beruf einsteigt, will sie die Glücksrobe weiterführen. Das sei mit der Sparkasse abgesprochen und zum Glück kein Problem.

Auch wenn man es fast nicht glauben mag: Die 25-Jährige hat selbst noch kein Brautkleid getragen. „Wir haben letztes Jahr standesamtlich geheiratet, da war ich schwanger.“ Die kirchliche Trauung mit einem Traum in Weiß steht noch aus. „Ich hoffe, es wird ein gebrauchtes Kleid.“

Und Yvonne? Die kauft sich lieber ein Paar Schuhe von dem Geld, wenn ihr Kleid verkauft ist.