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Finanzen

Eine Durststrecke für die Sportvereine

Breitensport ist ein wichtiges Standbein für die Vereine – Ludwigsburgs größter Sportverein in Kurzarbeit – Wird es Insolvenzen geben?

Der MTV als Ludwigsburgs größter Sportverein bietetVideos mit Trainern online an.
Der MTV als Ludwigsburgs größter Sportverein bietetVideos mit Trainern online an.

Ludwigsburg. Corona zeigt einmal mehr, wie wichtig die Sportvereine in einer Stadt sind. Tausende sind betroffen – sei es, dass sich Teams hohe Ziele gesetzt haben und vom Aufstieg in die nächste Liga träumten, sei es, dass sich Freizeitsportler nach der Arbeit fit halten wollten oder Reha-Sportler auf ihre Übungen angewiesen sind. Die erzwungene Flaute in den Sportstätten setzt den Vereinen zu. Zudem ist es fraglich, ob der übliche Betrieb nach den Osterferien überhaupt wieder aufgenommen werden kann. Befürchtet wird, dass sich die Zwangspause bis in die Pfingstferien hinein zieht.

Je länger die Phase des Stillhaltens dauert, umso kritischer wird es. Ludwigsburgs größter Sportverein MTV, der sich inzwischen auch mit anderen großen Vereinen von Fellbach-Schmiden bis nach Herrenberg austauscht, glaubt, dass nicht alle eine lange Durststrecke überstehen werden. „Da ist dann mit einer Flut an Vereinsinsolvenzen zu rechnen“, so die Einschätzung von Franz Weckesser, der sich derzeit täglich mit seinen Vorstandsmitgliedern berät.

Als großer Sportverein mit Sportkindergarten, großem Kursangebot, zahlreichen Reha-Kursen und rund 50 Beschäftigten sowie 200 ehrenamtlichen Übungsleitern ist er stark gefordert. „Es geht gerade drunter und drüber“, so Weckesser. Der Verein ist stillgelegt, für das angestellte Personal – noch zahlt man die Gehälter – wird man jetzt Kurzarbeitergeld beantragen müssen.

Finanziell herausfordernd wird die Coronakrise für den Verein allemal. Außer der Verantwortung fürs Personal hat der Verein auch Kreditverpflichtungen, erst jüngst hat er sein zweites Bewegungszentrum gebaut. Auch die Verschmelzung mit den Vereinen SC Ludwigsburg und zuletzt mit dem Ludwigsburg 07 hat den MTV finanziell gefordert.

Anders als die Stadt, die bereits angekündigt hat, bei den Kitas die Elternbeiträge zurückzuzahlen, kann ein privater Träger die Erstattungen nicht so leicht schultern. „Wir haben monatlich Ausfälle von zigtausend Euro“, erklärt Weckesser. Allein wegen der abgesagten Ferienspaßwoche an Ostern fehlen 16.000 Euro, fällt das Angebot in den Pfingstferien weg, fehlen nochmals 20.000 Euro. Beiträge fürs Fitnessstudio könnten zurückgefordert werden.

Umso mehr appelliert Weckesser im Einklang mit anderen Vereinen, dass die Mitglieder Solidarität zeigen und die Beiträge für die Zeit, in der sie keinen Vereinssport ausüben können, als Spende sehen. „Gerade jetzt ist es wichtig, sich solidarisch zu zeigen und seinem Verein die Treue zu halten.“

Armin Klotz, der im Stadtverband für Sport für Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, kann dem nur zustimmen. „Die Vereine gehen einem gemeinnützigen Zweck nach.“ Der Verband hat viele rechtliche Fragen klären lassen, die auf seiner Homepage nachzulesen sind (siehe Infotext). Mitgliedsbeiträge sind nicht direkt an eine konkrete Gegenleistung gekoppelt, rechtlich sei keine Rückzahlung erforderlich, betont auch Matthias Nagel vom Sportkreis Ludwigsburg. Anders sehe es bei Kursgebühren aus. Die Vereine hoffen dennoch, dass hier keine zu großen Probleme auf sie zukommen. Auch die Kleineren haben mit der Situation zu kämpfen.

SV Poppenweiler: So fallen etwa auch beim SV Poppenweiler Einnahmen weg, das große Waldfest am Lemberg musste abgesagt werden. Auch ein Fußballturnier war geplant, beim Landesturnfest war der Verein bei der Bewirtung eingebunden. All das hätte der Vereinskasse genutzt, diese Einnahmen werden fehlen, stellt Armin Klotz vom Vorstand fest. Der Verein hofft, mit Rücklagen über die Runden zu kommen. „Bei kleineren Vereinen ist die Lage überschaubarer.“ Die Trainer haben sich auch was einfallen lassen, bieten Fitness über Facebook an.

Hockeyclub Ludwigsburg: „Das Traurigste ist im Moment der sportliche, nicht der finanzielle Aspekt“, betont HCL-Präsident Jürgen Schindler, der begeistert von Aufstiegsplänen in den Teams erzählt. Ansonsten sieht er den Verein so weit gut aufgestellt, die Trainer werden weiter bezahlt – wobei zwei von ihnen im April auf einen Teil „als Spende“ verzichten. Auch der HCL hat wegen ausgefallener Turniere und Trainingswochenenden von auswärts, die im Sporthostel nächtigen, Einnahmeausfälle. Aus Frankfurt und München wollten Teams kommen. Das Maifest wurde abgesagt, es gibt Mietausgaben, der neue Kunstrasenplatz muss abbezahlt werden. „Auf Rosen sind wir nicht gebettet“, so Schindler. Auf der anderen Seite fallen manche Kosten wegen des eingefrorenen Spielbetriebs nicht an. Im April müsse man neu beraten. Er hofft, dass die bevorstehende Feldsaison überhaupt stattfinden kann.

TV Neckarweihingen: Wie bei anderen Vereinen spielt beim TVN die Vereinsgaststätte eine wichtige Rolle. Für die Pächter wird es schwierig. Wie Vorsitzender Karl-Heinz Lang berichtet, ist der Verein im Gespräch, ob er die Pacht zeitweise aussetzt, um den Betreibern entgegenzukommen. „Davon lebt auch der Verein“, stellt er fest. Er setzt auf das Verständnis der Mitglieder und hofft, dass sie ihren Beitrag zum Großteil dem Verein lassen. Auch der TVN wird versuchen, für seine Mitarbeiter im Büro, es sind eineinhalb Stellen, Kurzarbeit zu beantragen. Zur weiteren Zukunft sagt er: „Wir warten ab und bleiben optimistisch.“

Schwimmverein: Alle Bäder sind zu, so ruht auch beim SVL 08 das Training. Als kleinerer Verein „hoffen wir, dass wir gut durchkommen“, so Vizepräsident Matthias Nagel, der auch im Sportkreis aktiv ist. So manche Einnahmen fallen bei den Schwimmern weg, wie etwa durch das Angebot Schwimmfix für die Schulen. Auch der SVL will mit seinem Pächter beim Vereinsheim am Neckar eine Lösung finden.

Alpenverein: Beim Alpenverein (DAV) ist Zwischensaison, weshalb sich die Stilllegung des Betriebs „relativ undramatisch“ darstellt, so Pressesprecher Ulrich Stark. Einige Touren in die Berge wurden abgesagt. Für die Ludwigsburger Hütte sei es ärgerlich, aber er hofft, dass die Ludwigsburger Sektion mit einem blauen Auge davonkommt. Sollte die ganze Saison ausfallen, wäre das für den Alpentourismus ein sehr bitteres Jahr.

Wie die Coronakrise am besten bewältigt werden kann, hätten die Vereine auch auf der anstehenden Versammlung des Stadtverbands an diesem Freitag besprochen – doch auch diese findet nicht statt. Zunächst versuchen alle, ihre Probleme selbst anzugehen, der MTV will wegen der Kreditzahlungen notfalls auch mit den Banken reden. Hilft alles nichts, wäre die Stadt gefordert. „Wir werden sehen, was wir selbst auf die Reihe bekommen“, so MTV-Chef Weckesser auf Nachfrage. Ob später noch das Telefon beim OB klingeln wird – das lässt er offen.

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