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Eine Kämpferin für die gute Sache

„Stillstand“ existiert im Wortschatz von Renate Schwaderer nicht. Am Sonntag wurde die umtriebige Kirchenpflegerin der evangelischen Gesamtgemeinde in der Johanniskirche mit der Philipp-Matthäus-Hahn-Medaille ausgezeichnet. Die widmete sie dem ganzen Team.

Renate Schwaderer freut sich über die Philipp-Matthäus-Hahn-Medaille. Foto: Andreas Becker
Renate Schwaderer freut sich über die Philipp-Matthäus-Hahn-Medaille. Foto: Andreas Becker

Kornwestheim. Eigentlich sollte die Stelle in Kornwestheim, die die Diplom-Verwaltungswirtin 1982 antrat, nur eine Sprosse auf der Karriereleiter sein. „Ich hatte mir hier fünf Jahre vorgenommen“, berichtet Renate Schwaderer und ist selbst überrascht, dass es schließlich 39 Jahre, ein komplettes Berufsleben, wurden. Die wachsende Vielfalt der Aufgaben habe sie gepackt und gefesselt, sagt sie im Gespräch mit der LKZ.

Sie setzte sich gegen zwei Mitbewerberinnen durch und gegen die Skepsis im Kirchengemeinderat, ob eine so junge Frau mit erst 26 Jahren dem Job überhaupt gewachsen ist. „Ich bin die Herausforderung ungebunden und unbekümmert angegangen, weil mich die Kombination aus Geld und Kirche faszinierte“, so Schwaderer. Immer schon wollte sie ihre Erfahrung aus dem elterlichen Handwerksbetrieb in Burgstall und dem Wissen aus dem Verwaltungsstudium im sozialen Bereich einsetzen. Als sie die Stelle antrat, war sie die Verwaltungschefin, Schatzmeisterin, Personalverantwortliche und Gebäudemanagerin in einem. Das war anfänglich recht überschaubar. Denn die evangelische Kirche war weiland Trägerin nur eines Kindergartens mit einer Gruppe. Das änderte sich rasant. Mittlerweile werden vier Kitas mit neun Gruppen und 40 Mitarbeitern auch in Aldingen verwaltet und man ist am ökumenischen Kindergarten in Pattonville mit drei Gruppen beteiligt.

Die kirchliche Sozialstation wurde massiv ausgebaut. Anfangs, 1983, waren drei Pflegekräfte mit zwei Autos unterwegs. Jetzt ist die Mannschaft auf über 70 Mitarbeiter gewachsen, der Fuhrpark auf 25 Autos. 300 Patienten werden täglich teils mehrfach betreut. Dazu kommt noch das Obdachlosenheim im Moldengraben. Parallel dazu war Schwaderer in der Landeskirche aktiv; unter anderem in der Weiterbildung. Sie ist Mitglied im Seniorenrat und im Bürgerverein Pattonville, begründete die Seniorenakademie, war eine Initiatorin des Arbeitskreises Asyl, des internationalen Frauenfrühstücks sowie auch noch der Hospizgruppe.

Jetzt geht Schwaderer in einer Phase der Umstrukturierung, die sie in den vergangenen beiden Jahren maßgeblich vorbereitete: „Entweder du gestaltest die Zukunft aktiv, oder du wirst nach und nach umgestaltet“, meint die 64-Jährige. Ihr ist es wichtig, ein gut bestelltes Feld zu übergeben. Ihr Nachfolger Tobias Laufs wird sein Büro im Pfarrhaus der Johanniskirche haben und der Ludwigsburger Kirchenverwaltung angegliedert sein. Von dort aus werden künftig auch die Kitas verwaltet. Die Räume in der Beate-Paulus-Straße werden von der Sozialstation übernommen. Sie ist jetzt ein eigener Geschäftsbereich mit eigener Leitung.

„Wo Menschen arbeiten, müssen Fehler passieren dürfen“, forderte Schwaderer immer dazu auf, auch verrückte Ideen auszuprobieren. Unterstützung fand sie dabei in einem experimentierfreudigen Kirchengemeinderat, kreativen Mitarbeitern und mutigen Ehrenamtlichen. „Sie alle werde ich vermissen.“ Nicht vermissen wird sie die jahrzehntelange Last der Verantwortung, die bald von ihr genommen wird, und die überbordende Bürokratie, die sie fast zur Zynikerin machte. Sie will sich weiterhin ehrenamtlich engagieren – aber aus der zweiten Reihe. Als Leseratte zum Beispiel in der Pattonviller Bücherei. Und sie nimmt sich vor, sich in neue Projekte nicht einzumischen. „Neue Gedanken soll man nicht bremsen.“

Als sie ein Schreiben der Stadt im Briefkasten fand, dachte sie erst an einen Strafzettel. Als sie dann von der Ehrung mit der Philipp-Matthäus-Hahn-Medaille las, musste sie sich erst setzen. „Das ist nicht mein alleiniger Verdienst, sondern das des ganzen Teams“, nimmt sie sich zurück.

„Du warst ein absoluter Glücksfall. Wie niemand anderes hast du in dieser Zeit unsere Gemeinde zu ihrem Besten geprägt“, bedankte sich Dr. Klaus Schaldecker, der Vorsitzende des Kirchengemeinderats. Schwaderers Haushalten sei stets von großer Weitsicht gewesen. „Sie haben das Herz am richtigen Fleck“, würdigte Oberbürgermeisterin Ursula Keck. Schwaderer nehme die Menschen als Ganzes an und begegne ihnen offen und respektvoll. Sie sei eine Kämpferin für die gute Sache und erhebe ihre deutlich hörbare Stimme für die Menschen, die Unterstützung brauchen. Die Nächstenliebe, die sie spürbar in sich trage, scheine grenzenlos. Außerdem sei sie Verfechterin einer offenen und vielfältigen Gesellschaft, für einen interreligiösen und multikulturellen Dialog und für die ökumenische Zusammenarbeit. „Es gibt kein soziales Thema in Kornwestheim, Pattonville, Ludwigsburg und Remseck, in das Sie nicht involviert sind“, sagte Keck in ihrer Laudatio. Besonders hervorzuheben sei, dass Schwaderer nie einen Unterschied zwischen Haupt- und Ehrenämtern gemacht, sondern beides als ihre Berufung verstanden habe. „Sie sind das soziale Gewissen unserer Städte. Ihre Stimme gehört den Menschen, die Hilfe brauchen und Nähe suchen“, so Keck.

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