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Eine Spinnerin mit „Seemannsgarn“

Symbol des Zwirnzwirbelns: die Bronzeplastik von Professor Karl-Henning Seemann bei der Übergabe an Bürgermeister Albrecht Dautel.Fotos: Alfred Drossel
Symbol des Zwirnzwirbelns: die Bronzeplastik von Professor Karl-Henning Seemann bei der Übergabe an Bürgermeister Albrecht Dautel.Fotos: Alfred Drossel
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Um die hundert Bürger, Sponsoren, Gemeinderäte und Kunstfreunde hatten sich am Dienstagabend im Bönnigheimer Amann-Areal versammelt, um der Übergabe der Skulptur „Der gezwirbelte Zwirn“ von Karl-Henning Seemann beizuwohnen.

Bönnigheim/Löchgau. Die Idee, im öffentlichen Raum ein Kunstwerk aufzustellen, sei aus der Bürgerschaft gekommen, sagte Bürgermeister Albrecht Dautel. Die mutige Entscheidung, das Projekt anzugehen, habe der Gemeinderat einstimmig getroffen. Dautels Meinung nach hat sich dieser Mut bezahlt gemacht. Der Bürgermeister wünscht sich, dass dieses Kunstwerk viele Menschen zur Betrachtung, zum Nachdenken, zum Grübeln, zum Staunen und vielleicht auch zum Lachen herausfordere. „Kunst löst immer Diskussionen aus. Es wäre schön, wenn uns dies gelingt.“ Er erinnere sich an die erste Begegnung im Garten des Künstlers in Löchgau. Damals habe Karl-Henning Seemann gesagt, wenn er sich auf so ein Projekt einlasse, nehme er keine Auftragsarbeit an – „wenn Sie einen Arbeiter mit Kittelschürze bestellen wollen, so müssen Sie jemand anderes suchen“. Und wenn er heute sehe, was aus Seemanns Gedanken entstanden sei, „bin ich froh, dass wir keine Kittelschürze bestellt haben“. Danke sagte der Bürgermeister den Sponsoren, die dieses Kunstwerk erst ermöglicht hätten.

Der 86 Jahre alte Karl-Henning Seemann, der als einer der bedeutendsten deutschen Bildhauer der Gegenwart gilt, erzählte danach vom Entstehen des Kunstwerks, das auch an die Nähgarnseidenfabrik Amann und Söhne erinnern soll. Dort, wo einst die Produktionsgebäude gestanden haben, findet die Mehrfigurengruppe ihren Platz.

Er sei diesmal anders als bei den meisten seiner anderen Projekte vorgegangen und habe direkt in Wachs über dünnen Holzstäben und dicken Kupferdrähten gearbeitet. Das so entstandene Original sei in der Gießerei Strassacker in Süßen ausgeschmolzen, herausgebrannt und direkt in Bronze gegossen worden. Dabei gebe es also keine Negativform, aus der Fehlstellen im Guss ersetzt werden könnten. Er sei damit ein großes Risiko eingegangen, das bei der Kompliziertheit vor allem der „Spinnenfrau“ zu einer Bewährungsprobe für alle geworden sei. Die vervielfachte Zahl der filigranen Spinnenarme und Finger müsste den dünnen Faden bis in die Fäuste des vergeblich an ihnen zerrenden Zwirnziehers die Treppe hinabführen. Der Löchgauer Stahlbauer Ulrich Sucko habe es ermöglicht, einen 14×14 Millimeter starken Edelstahl so lange kalt zu zwirbeln, bis monumentaler Zwirn daraus geworden sei. „So zartes Garn hatte er wohl noch nie gesponnen – Seemannsgarn“, sagte der Künstler und lachte. Was ist es denn für ein Wesen, das mit seinen vielen Spinnenfingern den zeitlichen Ablauf des Zwirnzwirbelns von Hand zu Hand symbolisiert?, fragte Seemann und lieferte gleich die Erklärung: „Eine Spinne mit ihren acht Armen und noch mehr spinnendürren Fingern. Zugleich eine Spinnerin, die wie im zeitlichen Ablauf eines Arbeitsvorgangs den Faden von Hand zu Hand laufen lässt und deren Blick sich in beide Richtungen wendet, während ein strammer Kerl mit seiner ganzen Kraft den feinen Zwirn nicht zerreißen kann.“

Das Problem der Zeit sei ein Kernthema der Moderne, das ihn seit seinen Anfängen als Bildhauer auf unterschiedlichste Weise zur Abstraktion und zu freien Formen und immer wieder zur Anschauung der Wirklichkeit zurückführe, betonte Seemann, dessen Ausführungen immer wieder von Beifall unterbrochen wurden. Für ihn ist die Bönnigheimer Skulptur eigentlich kein neues Thema, aber ein weiteres Nachsinnen über den Sinn dieser Arbeit. Der Faden, das uralte Menschheitsthema, vielleicht älter als der Faustkeil in den Händen der Schicksalsfrauen, den Sagenfiguren Parzen oder Nornen, die das Leben des Menschen spinnen und abschneiden könnten. Im Alt-Hebräischen bedeute der „gezwirbelte Faden“ Hoffnung. „Was immer kommen mag – Hoffnung“, mit diesen Worten schloss Seemann seine Rede.