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Einer, der trotz Krise gelassen bleibt

Matthias Knecht zieht nach seinem ersten Amtsjahr Bilanz – Viele Aufgaben, wenig Geld und so manche Wogen geglättet

In einer Pressekonferenz berichtet Matthias Knecht von einem arbeitsintensiven und spannenden ersten Jahr im Rathaus. Foto: Andreas Becker
In einer Pressekonferenz berichtet Matthias Knecht von einem arbeitsintensiven und spannenden ersten Jahr im Rathaus. Foto: Andreas Becker

Ludwigsburg. Seit einem Jahr ist Matthias Knecht im Amt. Wer auf der Straße in Gesprächen nach ihm fragt, hört dann schon mal, dass er das Zeug hätte, in Ludwigsburg mehr als zwei Amtszeiten als Oberbürgermeister zu schaffen. Ein dickes Lob. Umgekehrt wird von ihm jetzt auch erwartet, dass er Akzente setzt. Finanzkrise und Corona würden ihn mehr als „Getriebenen“ zeigen – ein Zustand, dem allerdings derzeit alle Städte und Bürgermeister ausgesetzt sind, so die Ergänzung.

Er selbst zeigte sich bei der Pressekonferenz in bester Verfassung. Knecht sieht sich als einer, der Wogen glätten und Krisen meistern kann. Weder Corona noch der Finanzeinbruch hat ihm die Freude genommen, die Geschicke der Stadt mitzubestimmen, wie er bekennt. Auch wenn jetzt vieles anders gekommen ist als erwartet, sei die Arbeit, die auf ihn als OB zukommt, nicht weniger wichtig. Die Finanzen ordnen, die Projekte prüfen, mit dem Gemeinderat nach Lösungen suchen, was möglich ist. „Natürlich wäre es schöner, nach einem Jahr auf fertige Projekte verweisen zu können.“

Trotz allem ist er zuversichtlich, dass er Ludwigsburg voranbringen wird. Die Sporthallen beispielsweise müssten eben „ein bisschen kürzer, ein bisschen schmaler“ werden. Wichtige Bausteine in nächster Zeit seien das Bildungszentrum West, das mit über 150 Millionen Euro taxiert wird, der Ausbau der Kinderbetreuung, die Bus-Rad-Trasse, die Innenstadtentwicklung und das Gewerbegebiet Waldäcker III. Auch der Klimaschutz sei ein zentrales Thema, dem er aber „nicht alles sklavisch unterordnen“ will, wie er sagt. Solarpark, die Pflicht zu Photovoltaikanlagen bei Neubauten, das Klimabündnis, das im Oktober wieder an den Start gehen wird – all das seien wichtige Aspekte, könnten aber für eine Stadt nicht die einzigen sein.

Eine autofreie Stadt, wie das Klimabündnis gefordert hatte, werde es mit ihm nicht geben. „Das Auto ist teil unserer Städte.“ Aber er werde alles vorantreiben, was mehr Grün in die Stadt bringt, auch der Arsenalplatz werde bis auf etwa 30 Plätze autofrei. Er müsse Raum für Grün, für Familien, für ein Café bieten, das Staatsarchiv könnte noch stärker ein Ort der politischen Bildung sein.

Das erste Amtsjahr war, wie der OB berichtet, vor allem auch eine Herausforderung für seine Familie und seinen Sohn Jakob, die feststellen mussten, dass er um 5.30 Uhr aufsteht, um 6.30 Uhr im Rathaus ist und oft nicht vor 22 Uhr nach Hause kommt. Die Zeit hat er genutzt, um nicht nur die Fachbereiche und die Mitarbeiter kennenzulernen, von denen es rund 2000 gibt. Er hat auch manches zurechtgerückt. Unter anderem sieht er es als eine seiner Errungenschaften an, dass sich das Verhältnis zum Gemeinderat – das unter seinem Vorgänger Werner Spec gelitten hat – verbessert hat und eine „wertschätzende und konstruktive Zusammenarbeit zurückgekehrt ist“. Da werde, wie es sich gehört, auch mal ein Fehler verziehen.

Corona forderte extreme Einschnitte im öffentlichen Leben, für die Bürger sei das nicht immer leicht gewesen. Anfangs war es, als ob die Stadt in einem Kriegszustand ist, berichtete er. Im Krisenstab musste man sogar überlegen, ob vielleicht die MHP-Arena mit Krankenbetten ausgestattet werden muss oder ob man Kühlräume für Särge benötigt. Der Kontrast dazu: Draußen, so Knecht, konnte man bei herrlichem Wetter durch die Stadt spazieren. Er selbst hat die Einschränkungen hautnah erlebt: kein Besuchsrecht, ein Todesfall. Dass sich in der Coronazeit Nachbarn geholfen haben, sich viele für andere eingesetzt haben, sieht er als ein gutes Zeichen an. „Die Coronazeit wird uns weiter prägen“, sagte er mit Blick auf Gastronomie, Einzelhandel, Kultur- und Sportwelt.

Knecht legt viel Wert auf den Kontakt zu den Stadtteilen und spricht von einem „neuen Impuls“. Er bereiste die Stadtteile, das will er auch künftig regelmäßig tun. Er möchte ein offenes Ohr für deren Anliegen haben, ob es sich nun um Tempo-30-Fragen, Parkprobleme oder die Stadthallen handelt. Auch in Richtung Landratsamt hat sich was getan, laut Knecht habe sich das Verhältnis deutlich verbessert. Viele Themen gehe man gemeinsam an, auch die Stadtbahn. Eine schnelle Reaktivierung und die Anbindung Remsecks seien gesetzt, herausfordernd werde die Linie durch Ludwigsburg hindurch. „Wir haben leider nicht die breiten Boulevards wie etwa Straßburg.“ Knecht hält jedoch eine Niederflurbahn, wie er sie in solchen Städten nutzt, für eine tolle Sache.

Auch sonst hat er Wogen geglättet. Etwa im Verhältnis zu den privaten Bauträgern. Das Verwaltungsgericht hat zwar bestätigt, dass die städtische Wohnungsbau Gewinne erzielen darf, um Wohnungen quer zu finanzieren. Er betont aber, dass der Bedarf an Wohnraum nur zusammen mit den privaten Bauherren erreicht werden kann. Auch im Fuchshof gebe es für diese genug zu tun. „Der Streit wird der Vergangenheit angehören“, hofft er, weil die Bauträger noch in Revision gegangen sind.

Als einer, der Streitigkeiten beendet, sieht er sich auch in der Frage der Innenstadtentwicklung. Beim ZIEL-Projekt, das Schillerplatz und Arsenalplatz umfasst, wurde eine Unklarheit beseitigt. Die Tiefgarage entlässt ihre Autos nicht auf den Schillerplatz, die Ausfahrt bleibt im rückwärtigen Raum. Im Dezember stehen weitere Entscheidungen zum Projekt an, dann soll der künftige Weg festgezurrt werden. Einen Platz will Knecht ebenfalls mehr ins Blickfeld rücken: den Karlsplatz, der mehr sein soll als nur ein Parkplatz.

Selbstkritisch merkt er im Pressegespräch an, dass nicht alles Gold war. Manchmal müsse die Verwaltung „ein bisschen weniger bürokratisch“ reagieren, womit er auf Vorschriften auf dem Marktplatz anspielt. Ob er aber den Gastronomen mit Heizpilzen entgegenkommen will, wie das Stuttgart tut, weiß er noch nicht. Er könne sich da andere, ökologischere Lösungen vorstellen, etwa Holzwände als Windschutz, wie es der „Blaue Engel“ schon macht, oder eben Decken und notfalls Mütze und Schal.

Knecht scheut sich nicht, Niederlagen zuzugeben. Etwa vor dem Mannheimer Verwaltungsgericht, das ein Fahrverbot nahegelegt hat, weil die schon vor seiner Amtszeit angepeilten Maßnahmen zur Luftreinhaltung nicht ausreichen. Jetzt muss die Bundesbehörde in Leipzig entscheiden. Er hätte auch den zweiten Aufzug in der Friedrich-von-Keller-Schule in Neckarweihingen gestrichen – was der Gemeinderat ablehnte. Den Weihnachtsmarkt hätte er gern im Schloss gehabt, was ebenfalls anders entschieden wurde. Allerdings, so Knecht, wird es ergänzend zum Markt auch Weihnachtliches im Schlosshof geben. Zu guter Letzt die Rockfabrik, für die auch er keinen neuen Patz ausfindig machen konnte, hat ihn sehr bewegt.

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