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Einfache Sprache trifft auf Poesie

Überzeugende Premiere des Familienstücks „Der Kleine Prinz“ bei den Marbacher Theaterfestspielen auf dem Burgplatz

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Gelungene Inszenierung: Tamara Theisen, Fabian Egli und Raik Singer (von links) in der Neufassung von „Der Kleine Prinz“ in Marbach.Foto: Oliver Bürkle

Ludwigsburg. Marbach. Steil steht die Juli-Sonne über dieser zweiten Premiere der ersten Marbacher Theaterfestspiele auf dem Burgplatz. Seit fast vier Wochen laufen dort die Proben zur Bühnenfassung des Kunstmärchenklassikers „Der Kleine Prinz“, mit der die junge Schauspielerin Leah Wewoda – die als „Emilia Galotti“ in Tobias Frühaufs „Menschenstudie nach Motiven von Gotthold Ephraim Lessing“, mit der die Theaterfestspiele in der vergangenen Woche eröffnet wurden, bereits jetzt zu den Entdeckungen des ambitionierten Festivals gehört – nun auch ihr Regiedebüt gibt. Mit Antoine de Saint-Exupérys Fabel habe sie sich bewusst ein Stück Weltliteratur ausgesucht, das sowohl Erwachsene wie Kinder anspricht, sagt die Nachwuchsregisseurin im Gespräch am Rande der Premiere: „Die großen Leute, die kleinen Leute – da ist für alle was drin.“ Ein Familienstück im besten Sinne also. Das liegt durchaus auf der Linie der ursprünglichen Intention des Autors. Wie die 20-jährige Marbacherin diesen Anspruch einlöst und dabei den Absichten Saint-Exupérys treu bleibt und gerecht wird, ist eine der bemerkenswerten Leistungen ihrer ersten Regiearbeit, wie sie es schafft, den Stoff, den sie selbst neu übersetzt und dramatisiert hat, in eine einstündige Bühnenfassung zu transformieren, die als kondensierte, runde Erzählung überzeugt, eine weitere. Tatsächlich sei das eine der größten Herausforderungen des Vorhabens gewesen, konstatiert Wewoda.

Gespielt wird vor den Kulissen, die von den Marbacher Künstlern Felix und Manuel Seiter im Wesentlichen für „Emilia Galotti“ entworfen wurden; ein Haufen Schrott genügt, um das Wrack anzudeuten, aus dem der Pilot sein in der Wüste havariertes Flugzeug wieder zusammensetzen möchte. Diese von Raik Singer souverän verkörperte Figur tritt nun immer wieder aus ihrer Rolle heraus, um als Erzähler zu fungieren, vielmehr: Er wird herausgeschubst vom kleinen Prinzen höchstpersönlich, dem der Pilot in der Wüste begegnet ist und der in Marbach von der Schauspielerin Tamara Theisen, wie Singer zuletzt am Heilbronner Theater engagiert, als sympathischer Lausbub gegeben wird, der zum Zeitvertreib Steinchen wirft und unter Gekicher der Kinder auf der Tribüne – unter den rund 60 Besuchern sind viele Familien – ein Flugzeugteil stibitzt. „Erzähl!“, fordert sie aufmunternd. Wie der Schweizer Schauspieler und Sänger Fabian Egli, der mit hinreißend komischen Kurzauftritten als König, Eitler, Säufer und Laternenanzünder zu glänzen versteht – eine Parade der Selbstbezüglichkeit, bei der sein mit Wiener Dialekt um Aufmerksamkeit heischender Hutträger sogar spontanen Szenenapplaus erhält – zählen Theisen und Singer zum Lager der Profis. Die gegenseitig befruchtende Zusammenarbeit von Berufsschauspielern und engagierten Amateuren ist ein wichtiger Aspekt der Theaterarbeit von Tacheles und Tarantismus, die gemeinsam mit dem Marbacher Kulturverein Südlich vom Ochsen für die Marbacher Theaterfestspiele verantwortlich sind.

Einer der Newcomer hingegen ist Rebekka Wurst. Die Esslinger Philosophiestudentin aus dem nordfriesischen Ladelund spielt seit ihrer Schulzeit Laientheater und möchte die Schauspielerei zum Beruf machen. In „Emilia Galotti“ ist sie als Orsina zu erleben, in „Der Kleine Prinz“ übernimmt sie gleich mehrere Rollen: Ob als misslungene Zeichnung eines Schafs oder als Fuchs – gelungen ist jede ihrer Darstellungen. Grandios ihr Auftritt als Rose: Im roten Kostüm mit einer Schubkasse hereingekarrt und im Sand abgeladen, verleiht sie der kapriziösen, spröden Schönheit nachdrücklich Präsenz. Von Saint-Exupérys Übereinkunft einfacher Sprache mit Poesie behalten Wewoda und ihr Dramaturg Tobias Frühauf so viel wie möglich, verändern nur so viel, wie nötig: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Was du suchst, musst du mit dem Herzen suchen. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Dass Realität gerade jenseits der Evidenz zu finden ist, die Wahrheit sich erst hinter dem oberflächlichen Augenschein zu erkennen gibt, gilt nicht zu Unrecht als eine der Kernaussagen dieses modernen Märchens. In Marbach steht eine andere am Ende des Stücks: „Die großen Leute sind entschieden sehr verwunderlich“, lautet das Fazit der Begegnung mit König, Eitlem, Säufer und Laternenanzünder – präsentiert als kurzer Song, den Singer zum Schluss nochmals anstimmt.

Weitere Infos zum Theaterfestival sowie Tickets gibt es unter www.marbacher-theaterfestspiele.de.