Logo

Ernste Themen, eindringliche Bildsprachen

Mit sechs Animationsfilmpreisen findet die zweite digitale Ausgabe des Internationalen Trickfilm-Festivals Stuttgart ihren hochklassigen Abschluss

Beeindruckende Arbeit, doppelt gekürt: „Have a Nice Dog!“ von Jalal Maghout. Foto: ITFS/p
Beeindruckende Arbeit, doppelt gekürt: „Have a Nice Dog!“ von Jalal Maghout. Foto: ITFS/p

Stuttgart. Kein roter Teppich, keine erwartungsvoll gespannten Nominierten, die in edler Robe die ersten Reihen des Saals füllen: Wie bei vielen Filmfestivals der vergangenen Monate war manches anders bei der von Alexander Franke und Franziska Glaser zweisprachig moderierten, digitalen Preisverleihungsgala, mit der das 28. Internationale Trickfilm-Festival Stuttgart (ITFS) am Sonntagabend zu Ende ging. Sechs Animationsfilme wurden mit dem Trickstar ausgezeichnet, rund 2000 Einreichungen von den Jurys gesichtet. Bereits 2020 war das ITFS eines der ersten Filmfestspiele, die online ausgerichtet wurden – eine Erfahrung, auf die sich aufbauen ließ. Nahezu alles verlief bei der aus dem Gloria1 übertragenen, zweieinhalbstündigen Gala nach Plan, lediglich Paul Mas, der Gewinner des mit 15000 Euro dotierten Hauptpreises, flog im entscheidenden Moment aus der Leitung der Videoschalte, woraufhin das notorisch Lässigkeit und gute Laune ausstrahlende Moderatorenteam für den Franzosen, als er wieder auf dem Bildschirm auftauchte, den scherzhaften Ratschlag bereithielt, das Preisgeld in ein neues WiFi zu investieren.

Sein 14-minütiger, mit dem „Großen Animationsfilmpreis des Landes Baden-Württemberg und der Stadt Stuttgart“ ausgezeichneter Stop-Motion-Trickfilm „Precieux (Precious)“, der auf einfühlsame Art den Themenkomplex Freundschaft, Außenseitertum und Mobbing verhandelt, überzeugte die Jury des Internationalen Wettbewerbs durch „sanftes Tempo, ruhige Atmosphäre und den Minimalismus der Mise en Scène.“ Gleichzeitig qualifiziert sich der Gewinnerfilm des Grand Prix für die Oscar-Longlist. Mit zwei Awards bedacht wurde „Have a Nice Dog!“ von Jalal Maghout, der neben dem „Lotte Reiniger Förderpreis“ in Höhe von 10000 Euro für den besten Abschlussfilm auch die mit einem Preisgeld von 2500 Euro ausgestatteten „Young Animation“-Kategorie „abstauben“ (Glaser) konnte. In seiner an der Filmhochschule Konrad Wolf entstandenen Magisterarbeit erzählt der syrische Regisseur von einem im kriegszerstörten Damaskus zunehmend in Isolation und Fluchtfantasien versinkenden Mann, wobei die Grenze zwischen dystopischer Realität und Alptraum immer mehr verschwimmt. Ungemein beeindruckend, wie sich Maghouts eindringlicher Bildsprache, die expressive Schwarz-WeißZeichnung mit collagierten Oberflächen aus Zeitungsausschnitten kombiniert, die Zerrissenheit der Situation äußert.

„Sensitiv und clever“, so die Jurybegründung, verbinden Hugo Caby, Zoé Devise, Antoine Dupriez, Aubin Kubiak und Lucas Lermytte die Themen Klimawandel und Flüchtlingskrise in ihrem Kurzfilm „Migrants“: Die auf ihrer Eisscholle in den Tropen gelandeten Eisbären werden umgehend wieder abgeschoben. Das war der Expertenrunde eine Auszeichnung mit dem „Trickstar Nature Award“ (7500 Euro) wert, womit gleichermaßen die engagierte Botschaft wie die visuelle Umsetzung gewürdigt werden soll, wie der aus Freiberg zugeschaltete Kay Hoffmann (Haus des Dokumentarfilms) betonte. Der undotierte „AniMovie“ für den besten abendfüllenden Animationsfilm ging an Tomm Moore und Ross Stewart für „Wolfwalkers“, die 1000 Euro des „FANtastic Award“, vergeben durch ITFS-Fans der ersten Stunde, an Gagandeep Kalirais „Cha“, der, basierend auf Interviews mit zwei Zeitzeuginnen, Erinnerungen an das Sikh-Massaker von 1984 in Delhi wachruft.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die Tendenz zur Beschäftigung mit ernsten und gesellschaftspolitischen Inhalten im Genre der Animation, das in vielen Köpfen noch immer metonymisch für Unterhaltung, Zerstreuung, Bespaßung steht, weiter zugenommen hat, was die diesjährige Preisverleihung in angemessener Form widerspiegelt.

Auch in der Präsentation des Animationsinstituts der Ludwigsburger Filmakademie Baden-Württemberg (FABW) beim diesjährigen ITFS ist zu beobachten, dass Nachwuchsfilmmacher verstärkt gesellschaftskritische Themen aufgreifen. Selbst der vermeintlich konventionelle Plot des Stoptrick-Kurzfilms „A Bloody Graveyard Story“, den Luca Merkle, Konrad Losch und Vanessa Stachel im Pflichtstudienfach Filmgestaltung 1 entwickelt haben – drei Jugendliche dringen nachts in einen Friedhof ein – gipfelt in einer in diesem Fall feministischen Pointe: Der „Geist des schmerzvollen Blutvergießens“, den sie beschworen haben, erscheint in Form einer Monatsbinde. Ihre lakonische Klage: „Sind wir also immer noch an dem Punkt, an dem Leute Angst vor der Menstruation haben.“

Ein sarkastischer Kommentar zur sogenannten Flüchtlingskrise ist „Hero“: Am Ende des Zeichentrickfilms von Franz Rügamer, David Sick und Melanie Schmidt, auch im ersten Studienjahr, hier nun aber mit in einer Mischung aus 2D- und 3D-Verfahren am Computer realisiert, steht die Rettung einer Gummiente, an der sich der nun Ertrinkende gerade noch festgeklammert hat. In klassischer 2D-Zeichentricktechnik, aber im Wahlfach Filmgestaltung 2 visualisiert, nehmen Jiro Magracia und Moritz Lauer mit „Chatroom“ die Tücken der virtuellen Verbundenheit aufs Korn: Aus „Lass uns in Verbindung bleiben“ folgt unmittelbar: „Wir sollten uns niemals treffen“. Mit milder Ironie nehmen sich Tristan Schneider, Johann-Baptiste Schilling und Maud Mascré in „Helga“ des Digitalzeitalters an: Ja, das Tablet sei oft im Einsatz, antwortet die Seniorin bei einer Telefonumfrage und schält weiter Kartoffeln vor dem Fernseher. Hier wie in Pascal Schelblis 2020 mit dem Nachwuchs-Oscar ausgezeichnetem Abschlussfilm „The Beauty“, der Umweltzerstörung in bestechenden Bildern einer Unterwasserwelt thematisiert, in der Plastikmüll und Meerestiere miteinander verschmolzen sind, lässt sich ein weiterer Trend ausmachen: Die Kombination von Realfilm und Tricktechnik nimmt immer breiteren Raum ein. Weitere Beispiele: „Nichts (Nothing)“ von Paul Hartmann und „Achill“, eine Reise ins Innere des Körpers, die Felix Preis im Diplomaufbaustudiengang Motion Design inszeniert hat.

Urkomisch: Alexander Fischers „Anatomie eines Weltverständnisses“, bei dem Bauchspeckrollen, sichtbar mit Händen bewegt, einen an Loriot erinnernden Dialog über die Vernachlässigung einer Zimmerpflanze führen. Grandios auch Michael Dietsches „Bullshit 1 & 2“: Eine Begriffsdefinition, auf die die Schöpfer der „Minions“ neidisch sein dürften. Wie „Altötting“ von FABW-Professor Andreas Hykade im Internationalen Wettbewerb des ITFS nominiert, aber bei der Preisverleihung leer ausgegangen ist der politisch engagierte Kurzfilm „Obervogelgesang“ von Elisabeth Weinberger, Ferdinand Ehrhardt und Malin Krüger. Nichtsdestotrotz: Diese Leistungsschau offenbart das an der Weltspitze rangierende Ausbildungsniveau der FABW.

Autor: